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Vom Windrad zum Leuchtturm

Rolf Rohden in seinem Heiligsten: dem Maschinenraum der LEV Taifun. Foto: Wolfgang Heumer
Rolf Rohden in seinem Heiligsten: dem Maschinenraum der "LEV Taifun". Foto: Wolfgang Heumer

Ingenieurbüro: Das klingt nach langen Zahlenkolonnen, aufwendigen Zeichnungen und vielen technischen Details. Und ist falsch. Zumindest im Fall des Bremerhavener Ingenieurbüros Innoven. Das Start-up entwickelt erfrischende Ideen für Windkraftindustrie und Schifffahrt – und bringt zudem noch Gäste zu Deutschlands einsamstem Hotel, dem Leuchtturm Roter Sand.

Im Berufsleben von Rolf Rohden ist zweierlei unverzichtbar. Zum einen ist es, "der Freiraum, innovative Ideen zu entwickeln und sie auch umzusetzen", wie er sagt. Und zum anderen ist es seine Frau Martina Kuhlmann, "die Ideen kritisch hinterfragt und mich auf den Boden der Realität zurückholt, wenn die Gedanken zu innovativ für die Gegenwart werden sollten". Beides scheint erfolgreich zu funktionieren. Denn immerhin hat das von den beiden erst vor zwei Jahren gegründete Ingenieurbüro Innoven in Bremerhaven schon zehn fest angestellte und zehn freiberufliche Beschäftigte. Doch nicht der schnelle Erfolg ist das Besondere des Start-up-Unternehmens, sondern die Bandbreite seiner Aktivitäten. Von denen profitieren sogar Bremerhaven-Touristen: Mit dem Beginn der neuen Saison wollen Rolf Rohden und Martina Kuhlmann dafür sorgen, dass nach drei Jahren Zwangspause endlich wieder Ausflugsfahrten zum legendären Leuchtturm Roter Sand möglich werden.

Martina Kuhlmann und Rolf Rohde verfügen über langjährige Berufserfahrung in der Industrie, haben sich dort unter anderem mit Windenergie und ihrer Nutzung beschäftigt. Sie ist Physikerin, er ist Schiffsingenieur. Schon vor der Gründung von Innoven haben sie im gleichen Unternehmen gearbeitet - als Angestellte, bis Rolf Rohden an dem Punkt ankam, an dem jeder Existenzgründer gar nicht mehr anders kann, als die eigene Firma ins Leben zu rufen: "Irgendwann stellt man sich die Frage: Machst du jetzt so weiter bis zur Rente oder fängst du etwas ganz Neues an?" Etwas ganz Neues ist dabei durchaus wörtlich zu verstehen: Innoven ist kein klassisches Kon-struktionsbüro, sondern legt einen besonderen Schwerpunkt auf Grundlagen- und Anwendungsforschung.

"Etwas ganz Neues" – das kann für Rolf Rohden auch etwas ganz Altes sein. Das zeigt sich schon an seinem Firmensitz: Innoven residiert in der Halle eines traditionsreichen Netzmachers in Bremer-haven. Der Betrieb war schon vor Jahren geschlossen worden, weil es in Bremerhaven keine Fischfangflotte mehr gibt. Jetzt haben Rohden und seine Frau den roten Backsteinbau komplett umgemöbelt; nach außen ist er ein ehrwürdiges Hafengebäude geblieben, im Inneren aber ein modernes Büro mit eigenem Werkstattbereich.

Bis heute mit Schiffen beschäftigt

Rohden hat eine besondere Affinität zu solchen Hafenstandorten. Er stammt aus einer Seefahrer-Familie und ist selbst zur See gefahren, bevor er mit der Wind-Industrie zu tun bekam. Das spiegelt sich auch im Leistungsspektrum seiner Firma wider. Eines der Kernthemen ist, die Energieeffizienz von Schiffen zu steigern. Um den Treibstoffverbrauch zu verringern, optimiert Rohden bei bereits in Betrieb befindlichen Schiffen die Maschinenleistung, verbessert für Neubauten wichtige Bestandteile des Antriebsstranges wie Propeller oder Ruderblatt und verfeinert die Entwürfe von Schiffsrümpfen so, dass sie möglichst wenig Wasserwiderstand entwickeln.

Der zweite Schwerpunkt von Innoven – die Windenergie – hat gewisse Gemeinsamkeiten mit der Schifffahrt. Aber Rohden kam auf dieses Thema nicht wegen der physikalischen Parallelen in der Hydro- und Aerodynamik, sondern durch einen seiner früheren Arbeitgeber. Mehrere Jahre arbeitete Rohden beim Germanischen Lloyd; längst setzt der Schiffsklassifizierer die Standards nicht nur für die maritime Wirtschaft, sondern auch für die Windkraftbranche und speziell für deren Offshore-Aktivitäten. "Dort bin ich in dieses Themenfeld hineingewachsen", sagt Rohden. Jetzt entwickelt er Anlagenkomponenten genauso wie komplette Anlagen und – eine weitere Parallele zum maritimen Aufgabenfeld – optimiert Windenergieanlagen und Rotorblätter für eine höhere Energieausbeute.

Innoven ist aber nicht das klassische Ingenieurbüro, das vor allem im Kundenauftrag arbeitet und auf Bestellung Details einer Anlage oder eines Schiffes entwickelt, konstruiert und zeichnet. "Wir konzentrieren uns auf innovative Verbesserungen", betont Rohden. Die Ideen entwickelt er zumeist selbst und belässt es aber nicht dabei, sie in der Theorie zu berechnen und in schicke Computer-Animationen umzusetzen. "Wir haben eine eigene Werkstatt, so dass wir auch Prototypen bauen können, um zu zeigen, dass unsere Ideen funktionieren", sagt Rohden.

Visionen eine Krankheit?

Martina Kuhlmann an Deck der LEV Taifun. Das Schiff wird liebevoll restauriert und transportiert Gäste zum Leuchtturm Roter Sand. Foto: Wolfgang Heumer
Martina Kuhlmann an Deck der "LEV Taifun". Das Schiff wird liebevoll restauriert und transportiert Gäste zum Leuchtturm Roter Sand. Foto: Wolfgang Heumer

Wie Rohden über seine Arbeit und seine Überzeugungen berichtet, widerspricht dem klassischen Image eines Ingenieurs, demzufolge sie Visionen für eine Krankheit halten. Rohden hat Ideen, ist kreativ, sieht etwas – beispielsweise eine Windenergieanlage – und denkt sofort darüber nach, wie man sie verbessern könnte. Dabei ist ihm durchaus klar, dass ein Unternehmen nur selten erfolgreich ist, wenn der Chef nur in der Zukunft lebt und ständig neue Ideen verfolgt. Für Innoven ist es deshalb gut, dass Rohden in seiner Frau ein Korrektiv hat. Martina Kuhlmann trägt zum gemeinsamen Unternehmen ihre Erfahrungen im Projektmanagement, ihre Fachkenntnisse als Physikerin und vor allem die grundsätzliche Skepsis von Wissenschaftlern bei, die es gewohnt sind, zu hinterfragen. "Wir ergänzen uns hervorragend, denn ohne neue Ideen tritt man auch mit der besten Organisation auf der Stelle, und ohne Organisation laufen auch gute Ideen allzu oft ins Leere. Und gegensätzliche Meinungen sind durchaus förderlich, um die gesteckten Ziele auf dem direktesten Weg zu erreichen", ergänzt seine Frau schmunzelnd.

Als Innoven vor knapp zwei Jahren den Bremerhavener Gründerpreis gewann, lichtete ein Zeitungsfotograf Martina Kuhlmann in der Küche des Ingenieurbüros ab. Das klassische Bild von der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau "führte dann doch zu manchem erstaunten Anruf", erinnert sich Martina Kuhlmann. Zwar managt sie auch den Haushalt der Familie, vor allem aber managt sie das Unternehmen der beiden. Projektpläne, Förderanträge – all das, was zu einem geordneten Unternehmensverlauf dazu gehört, ist ihr Part.

Zu den vielfältigen Planungsaufgaben der Firma kommt jetzt noch eine weitere hinzu. Denn das Ingenieurbüro wird auch noch Schifffahrtslinie. Anfang 2012 hat Innoven den 50 Jahre alten Tonnenleger "Johann Georg Repsold" gekauft, den die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung ausmustern wollte. Unter dem Namen "Lev Taifun" wird der Tonnenleger nun das Arbeitsschiff von Innoven. "Damit können nicht wir nur Material und Messgeräte zu Offshore-Windenergieanlagen bringen", sagt Rolf Rohden, "sondern unsere Entwicklungen aus dem Schifffahrtsbereich in der Praxis erproben." "LEV" steht für Low Emission Vessel - ein Schiff mit geringen Belastungen für die Umwelt. "Das spiegelt unseren Anspruch wieder, ein möglichst energieeffizientes Schiff zu betreiben", sagt Rohden.

Energieeffizienter Ausflugsdampfer

Die "LEV Taifun" wird aber nicht nur ein Arbeitsschiff, sondern auch ein "Ausflugsdampfer". Der 41 Meter lange Ex-Tonnenleger wird künftig Tages- und Übernachtungsgäste zum Leuchtturm Roter Sand bringen. Für Martina Kuhlmann und Rolf Rohden ist dies eine willkommene Gelegenheit, den Betriebskosten des Schiffes eine zusätzliche Einnahmequelle entgegenzusetzen. Und für den Tourismus in Bremerhaven löst das Schiff ein großes Problem: Nach dem Ausfall des bisherigen Versorgungsschiffes konnte Deutschlands einsamstes Hotel keine Gäste mehr aufnehmen. Selbst Tagesausflüge zu dem maritimen Baudenkmal in der Wesermündung waren nicht mehr möglich.

Die Suche der BIS Bremerhaven Touristik nach einem neuen Schiff passte im Übrigen den beiden Unternehmern nicht nur finanziell gut ins Konzept: "Wir möchten Werte vergangener Generationen erhalten und neue Werte für die kommenden Generationen schaffen", sagt Rolf Rohden über die Unternehmensphilosophie: "Deswegen freuen wir uns, dass wir Gästen wieder die Möglichkeit geben können, das weltbekannte Seezeichen zu besuchen."

Ganz nebenbei zählt der Leuchtturm Roter Sand gewissermaßen zu den technischen Wurzeln des jungen Ingenieurbüros: Der über 100 Jahre alte Turm gilt als erstes modernes Offshore-Bauwerk und damit sozusagen als Urvater der Offshore-Technologie, mit der sich Innoven befasst. Zudem schließt sich für Rolf Rohden mit der "LEV Taifun" im gewissen Sinne der berufliche Kreis: "Ich bin ja als Schiffsingenieur angefangen." Wenn er mal ein bisschen Abstand zum Alltag bekommen will, geht er an Bord und startet die beiden Hauptmaschinen: "Das Geräusch ist einfach beruhigend. Danach ist der Kopf wieder frei für neue Ideen."

Mehr unter www.innoven.de

8.710 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Pressekontakt:

Martina Kuhlmann

E-Mail: info[at]innoven.de

Erstellungsdatum: 23.01.2013