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Den Mördern auf der Spur

Der Bremer Axel Petermann ist Deutschlands bekanntester Profiler. Seine Bücher landen in den Bestsellerlisten und dienen Tatort-Verfilmungen als Vorlage. Foto: Thomas Joppig
Der Bremer Axel Petermann ist Deutschlands bekanntester Profiler. Seine Bücher landen in den Bestsellerlisten und dienen "Tatort"-Verfilmungen als Vorlage. Foto: Thomas Joppig

Bestseller-Autor, Berater beim ARD-Tatort und Organisator von Fachtagungen: Axel Petermann von der Polizei Bremen ist ein bundesweit gefragter Experte, wenn es um Ermittlungen zu Mord und Totschlag geht.

Märchenhaft anmutende Jugendstil-Zeichnungen hängen an den Wänden des Büros im Bremer Polizeipräsidium, ein Tulpenstrauß steht auf dem dunklen Holzschreibtisch, in einer Glaskanne auf dem Besprechungstisch dampft Tee, Gummibärchen liegen auf einem Teller bereit. Axel Petermann versteht es, eine gemütliche Atmosphäre zu schaffen.
Ein deutlicher Kontrast zu dem, was den 60-Jährigen jeden Tag beschäftigt. Der Kriminalkommissar ist einer der bekanntesten Profiler Deutschlands. Seine Ermittlungen drehen sich um Mord und Totschlag – und das seit fast 40 Jahren. Mittlerweile gibt er sein Wissen auch auf Fachtagungen weiter, die er selbst organisiert. Zudem berät er die Autoren des Tatorts in der ARD und hat seine Erfahrungen in zwei Büchern festgehalten.

Die Methode des Profilings wurde in den USA erfunden. Bremen gehörte in den späten 90er-Jahren zu den ersten Bundesländern, die dieses Verfahren übernahmen. Profiler sind Fallanalytiker, die die Mordkommission bei komplizierten Ermittlungen unterstützen, wenn neue Ideen gefragt sind. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht vor allem eine Frage: Welche Besonderheiten kennzeichnet eine Tat?

Der Umgang des Täters mit der Leiche ist dabei ein zentrales Thema. "Mancher Täter faltet seinem Opfer zum Beispiel die Hände und deckt es mit einem Tuch zu. Das deutet darauf hin, dass ihm nach der Tat Schuldgefühle gekommen sind", erklärt Petermann. "Wenn ein Täter seinem Opfer dagegen Schnittverletzungen hinzugefügt hat, als es bereits tot war, ist anzunehmen, dass es kein bloßer Raubmord gewesen sein kann. Dem Mörder ging es vermutlich auch darum, Gewaltfantasien auszuleben – meist mit sexuellem Hintergrund."

Auf die Details kommt es an

Genau hinschauen und aus den entscheidenden Details Motive ableiten – das ist für einen Profiler wichtig, auch wenn damit oft eine große psychische Belastung einhergeht. Blutlachen und verstümmelte Körper – Axel Petermann, der die Dienststelle "Operative Fallanalyse" der Polizei Bremen leitet, hat in seinem Leben schon viel Grausames gesehen. In seinen Büchern meidet er jedoch Wörter wie "schrecklich" oder "brutal". Stattdessen schildert er Details, die für die Aufklärung des Falls entscheidend waren. Sachlich, aber keineswegs unterkühlt – so wirkt der Ermittler auch im Gespräch. Seine Stimme klingt warm und freundlich. Wenn er über seine schwierigsten Fälle spricht, wandern seine Blicke oft nachdenklich durch den Raum. Gelegentlich stockt sein Erzählfluss für einen kurzen Moment. Augenblicke, die erahnen lassen, wie belastend dieser Beruf sein kann.

Manche Fälle, so sagt er, wirken lange in ihm nach – auch dann noch, wenn der Täter längst im Gefängnis oder in der Psychiatrie sitzt: "Das habe ich gemerkt, als ich begann, mein erstes Buch zu schreiben. Da stiegen in mir plötzlich Erinnerungen auf, von denen ich geglaubt hatte, sie seien längst verarbeitet." Ohnehin habe er seine ersten Fälle sehr nah an sich herangelassen. "Mittlerweile stelle ich mir nicht mehr vor, wie es dem Opfer während der Tat ergangen ist. Sonst könnte ich meine Arbeit nicht mehr machen."

Und doch: Wohin mit den eigenen Erfahrungen, mit den Bildern, die einem trotz aller eingeübten Distanz nicht mehr aus dem Kopf gehen? Das ist für Mordermittler eine schwierige Frage. "Meistens bleibt nur der Kontakt mit den Kollegen", weiß Petermann. "Die verstehen oft ohne viele Worte, wie es einem gerade geht."

Von den Söhnen zum Weiterschreiben gedrängt

Der Kriminalist Axel Petermann leitet die Dienststelle Operative Fallanalyse der Polizei Bremen. Foto: Thomas Joppig
Der Kriminalist Axel Petermann leitet die Dienststelle "Operative Fallanalyse" der Polizei Bremen. Foto: Thomas Joppig

Die beruflichen Erlebnisse in der Familie zu erzählen, sei hingegen mitunter heikel, sagt der verheiratete Vater von drei Söhnen. "Insbesondere als die Kinder noch klein waren, wollte ich sie natürlich nicht mit meinen Erlebnissen ängstigen." Mittlerweile sind seine Söhne jedoch erwachsen und verfolgen die Arbeit des Vaters mit Interesse: "Als ich begonnen hatte, an meinem ersten Buch zu arbeiten, haben sie mich immer zum Weiterschreiben gedrängt", sagt er und schmunzelt. "Ohne sie wäre ich wahrscheinlich nie fertig geworden."

Dinge genau zu betrachten – diese Haltung zieht sich durch Axel Petermanns Leben. "Als Kind war ich mit meinem Vater oft im Wald unterwegs. Wir haben Pflanzen gesammelt. Ich habe sie getrocknet, auf Karten geklebt, beschriftet und in einem Herbarium gesammelt. Ich glaube, dieser Wunsch, Dinge zu verstehen und einordnen zu können, treibt mich in gewisser Weise bis heute an – auch wenn es in meinem Beruf nicht um Botanik, sondern um die menschliche Natur geht." Und natürlich verspüre er auch ein Erfolgsgefühl, "wenn ich einen schwierigen Fall lösen und vielleicht sogar weitere Folgetaten verhindern kann".

Was geht in jemandem vor, der einen Menschen erst erwürgt, ihn dann zerstückelt und in Plastiksäcke verpackt? Hinter dem Mord an drei Prostituierten? Oder einer mysteriösen Vermisstenanzeige? Um Fragen wie diese geht es in Petermanns Büchern. Sein erster Band "Auf der Spur des Bösen" hat sich rund 100.000 Mal verkauft. Auch sein zweiter Band "Im Angesicht des Bösen" ist ein Erfolg. Zurzeit arbeitet Petermann an einem dritten Buch.

Tödliche Aggressionen

Hinter den spektakulär anmutenden Titeln, die die Verlage für seine Bände gewählt haben, stecken zumeist Geschichten von Alkoholsucht und Hoffnungslosigkeit, fehlender Konfliktfähigkeit, Geltungssucht oder aggressiven Sex-Fantasien. Bei seinen Ermittlungen begegnet Axel Petermann oft Kriminellen, die keineswegs so monströs wirken wie ihre Verbrechen. "Die Täter durchschauen sich meist selbst nicht. In ihren Taten entladen sich oft aufgestaute Aggressionen, deren Ursache sie nicht hinterfragt haben. Sie handeln aus einer Position der Schwäche heraus – auch wenn sie diese im Moment der Tat vielleicht als Stärke empfinden."

Grundsätzlich habe jeder Mensch etwas Gutes und etwas Böses in sich, glaubt Petermann. "Im Normalfall sind wir so sozialisiert, dass das Gute die Oberhand behält. Böse ist für mich, wenn ein Mensch sich trotz des Wissens um die gute Alternative für das Falsche entscheidet – und ganz bewusst und geplant einen anderen Menschen tötet; sich am Leiden des Opfers ergötzt." Das sei allerdings nur sehr selten der Fall. "Viel öfter kommt es vor, dass ein Streit eskaliert und ein Mensch einen anderen in einem spontanen Anfall von Aggression tötet."

Das Böse ist für Axel Petermann eher eine Kategorie für religiöse Eiferer und Horrorfilm-Autoren. Ihm geht es in seiner Arbeit um konkretes menschliches Verhalten und seine Ursachen. Die Motive von Mördern zu verstehen, ohne ihre Taten zu tolerieren – diese Haltung ist für seine Arbeit unerlässlich. Für seine Bücher hat Axel Petermann Kriminelle aus seinen schwierigsten Fällen viele Jahre nach ihren Taten besucht: "Der Umgang mit der eigenen Schuld ist ganz unterschiedlich. Manche erklären sich ihr Verhalten noch immer damit, dass sie sich im Suff mit dem Opfer gestritten haben, andere reflektieren ihre Taten mittlerweile sehr genau und versuchen, mit therapeutischer Hilfe von ihren Gewaltfantasien loszukommen."

Im Langzeitvergleich sei die Zahl der Fälle von Mord und Totschlag in Deutschland rückläufig. "In den 70er-Jahren gab es noch rund 2.000 Delikte pro Jahr, mittlerweile sind es etwa 500." Daraus könne man allerdings nicht ableiten, dass die Gesellschaft insgesamt weniger aggressiv geworden sei. "Die Aggression staut sich nicht mehr so auf und entlädt sich nicht mehr so extrem wie früher. Stattdessen gibt es mehr Raubdelikte, mehr Fälle von Mobbing, mehr Schlägereien."

In zwei Jahren geht Axel Petermann in Pension. Mehr Reisen will er dann – weitere Bücher schreiben und am liebsten auch mal selber als Drehbuch-Autor für den ARD-Tatort in Erscheinung treten. Der Beruf, so glaubt er, wird ihn wohl nie ganz loslassen.

7.864 Zeichen, Autor: Thomas Joppig

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Polizei Bremen

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Erstellungsdatum: 31.03.2013