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Den Ort zum Sprechen bringen

Unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Marcus Meyer wird der Bunker Valentin bis 2015 zum monumentalen Denkort für Fragen, Gedanken und Gedenken. Foto: Focke Strangmann
Unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Marcus Meyer wird der Bunker Valentin bis 2015 zum monumentalen "Denkort" für Fragen, Gedanken und Gedenken. Foto: Focke Strangmann

"Denkort Bunker Valentin": Aus einem Betonkoloss aus Nazi-Tagen wird im Norden Bremens ein monumentaler Ort für Fragen, Gedanken und Gedenken.

Dieses monströse Gebäude löst widerstreitende Gefühle aus: Es ist schwierig, sich den Ausmaßen des Bunkers "Valentin" an der Weser, im nördlichen Bremer Ortsteil Rekum, zu entziehen. Knapp 420 Meter ist er an der längsten Stelle lang, bis zu 30 Meter hoch und um die 100 Meter breit.

Die Nationalsozialisten haben diesen Fabrikbunker, der im Zweiten Weltkrieg eine U-Boot-Werft vor alliierten Bombenangriffen schützen sollte, im März 1943 als eine Art "Panikprojekt" zu bauen begonnen, wie Dr. Marcus Meyer von der Landeszentrale für politische Bildung es formuliert. Er war ein Teil des "totalen Kriegs", den Joseph Goebbels im Februar 1943 in seiner "Sportpalastrede" beschrien hatte.

Der Bunker ist riesig, aber ein Funktionsbau: Hier sollten U-Boote wie am Fließband hergestellt werden und direkt in die Weser fahren, alle 56 Stunden eins. Zum Schutz der Werft war eine sieben Meter dicke Bunkerdecke geplant. Britische Bomberpiloten griffen jedoch im März 1945 die zu dem Zeitpunkt "erst" 4,6 Meter dicke Decke gezielt an. Bis heute sind die zwei Krater der Zehn-Tonnen-Bomben, die getroffen haben, im Bunkerdach zu sehen.

Ein Ort archaischer Sklavenarbeit

"Der Bunker ist kaputt." Das ist für Dr. Marcus Meyer eine wichtige Feststellung. Er ist der wissenschaftliche Leiter des Projekts "Denkort Bunker Valentin": In einem fünfjährigen Prozess soll bis 2015 aus dem in der deutschen Gedenkstättenlandschaft einzigartigen Ort ein Platz für die Erinnerung an den Nationalsozialismus auf der Höhe der heutigen Präsentationsmöglichkeiten werden. Ganz wichtig dabei, sagt Meyer, "dass das hier kein Technikmuseum wird. Wir wollen die unbestreitbare Faszination durch die Technik einordnen in das System der Zwangsarbeit. Das hier ist ein Tatort archaischer Sklavenarbeit".

Für den Bau des Bunkers arbeiteten täglich mindestens 8.000 Menschen auf der Baustelle unter Zwang und unmenschlichen Bedingungen: KZ-Insassen, Inhaftierte des sogenannten "Arbeitserziehungslagers", Kriegsgefangene und andere Zwangsarbeiter erlitten Sklavenarbeit, Erniedrigung, Torturen und den Tod. Sie starben an Krankheiten, Entkräftung, brachen unter Zementsäcken oder Eisenträgern zusammen oder wurden willkürlich von Wachmännern zu Tode gequält oder erschossen.

Nach dem Krieg wollten die Alliierten den Bunker sprengen, mussten jedoch einsehen, dass die dadurch hervorgerufene Erschütterung wie ein Erdbeben gewirkt hätte: Rekum wäre vermutlich zerstört worden, das nur wenige Kilometer entfernt gelegene Kraftwerk in Bremen-Farge wäre sehr gefährdet gewesen.

1948 plante der Bremer Senat, den Bunker mit Trümmerschutt zuzuschütten, in den 50er- und 60er- Jahren gab es Ideen, den Bau als Atomreaktor zu nutzen, als Lager für Kunstdünger oder als Sportboothafen. Es wurde auch diskutiert, auf dem Bunkerdach ein Ausflugslokal zu installieren. Ab 1966 nutzte die Bundeswehr den Bunker Valentin dann als Materialdepot.

Seit 1983 erinnert das Denkmal "Vernichtung durch Arbeit" am Haupteingang zum Bunker und früheren Appellplatz an das Leid der Zwangsarbeiter und an die Toten. 1986 öffnete die Bundeswehr den Bunker Valentin erstmals für Besucher, seitdem konnten Interessierte an Führungen durch den Bunker teilnehmen, die die Bundeswehr anbot. In Folge einer solchen Führung entstand im Jahr 1991 eine erste Ausstellung. Mit dem Abzug der Bundeswehr Ende des Jahres 2010 konnte schließlich die Bremer Landeszentrale für politische Bildung mit der Planung beginnen – für einen Ort des Erinnerns, an dem Besucherinnen und Besucher ihre eigenen Fragen stellen und sich ihre eigenen Gedanken machen können.

Von der Gruppenführung zum Denkort

Britische Bomberpiloten griffen im März 1945 den noch nicht fertigen Bunker Valentin an. Bis heute ist dieser Teil des Bunkers unverändert und die Vergangenheit sichtbar – aufgrund der Einsturzgefahr darf er nicht betreten werden. Foto: Focke Strangmann
Britische Bomberpiloten griffen im März 1945 den noch nicht fertigen Bunker Valentin an. Bis heute ist dieser Teil des Bunkers unverändert und die Vergangenheit sichtbar – aufgrund der Einsturzgefahr darf er nicht betreten werden. Foto: Focke Strangmann

Derzeit können Besucherinnen und Besucher den Bunker nur mit einer Führung besichtigen. Dieses Angebot haben seit 2011 schon mehrere Tausend Menschen genutzt. Der seit knapp 70 Jahren unveränderte Teil des Bunkers, die Ruine mit den Bombenkratern im Dach, darf nicht betreten werden, da hier die Gefahr durch herabstürzende Betonteile zu groß ist. In diesem Teil des Bunkers erscheint das Vergangene besonders greifbar.

Ist der "Denkort" fertig, sollen sich die Besucherinnen und Besucher den Bunker individuell auf einem Rundgang erschließen. An verschiedenen Punkten werden Informationstafeln stehen, auf denen auch Fotos zu sehen sein werden. Die Fotos sind am jeweiligen Standort der Besucher aufgenommen. "Wir wollen die Orte zum Sprechen bringen", erklärt Marcus Meyer. "Wenn man an einem bestimmten Ort im Bunker steht und auf einem Foto einen KZ-Häftling an derselben Stelle stehen sieht, der Zwangsarbeit leistet und einem vom Foto direkt in die Augen sieht, löst das oft mehr aus, als lange Texttafeln."

Bis Ende 2015 soll außerdem das Besucherzentrum eröffnet werden, ein Multimedia-Guide entwickelt und ein pädagogisches Angebot zusammengestellt sein. Bis dahin müssen die Wissenschaftler die Fragen beantworten, wie man die Bedingungen der Zwangsarbeit wieder sichtbar macht und wie man eine neue Dauerausstellung konzipiert, die einen Bogen zwischen klassischer Ausstellung und Multimedialisierung schlägt.

Der Rundweg durch den Bunker soll um einen Weg auf dem Außengelände ergänzt werden. Dieser soll die Zementmischanlagen der Bunkerbaustelle in direkter Nachbarschaft des Bunkers und die weiter entfernt gelegenen verschiedenen Lager, in denen die Zwangsarbeiter interniert waren, einbeziehen.

Gerade die Zementmischanlagen betrachten Marcus Meyer und seine Kolleginnen als wichtigen Ort für das Begreifen der Geschehnisse. Zum Beispiel der Überlebende Raymond Portefaix musste hier arbeiten. Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen ist heute bekannt, dass die Zwangsarbeiter in Zehn-Stunden-Schichten die Mischanlage füllen mussten. Dazu mussten die selbst auf vielleicht 46 Kilogramm Körpergewicht abgemagerten Männer ununterbrochen 50 Kilogramm schwere Zementsäcke schleppen, damit Leitern emporsteigen und den staubenden Zement in die Mischanlage einfüllen. Sie atmeten Zement ein und husteten Beton aus, der Staub war überall: in den Augen, den Ohren, im Mund.

Die Spurensuche ist nicht zu Ende

An der archäologischen Forschungsarbeit an den Zementmischanlagen werden sich im Sommer 2013 Jugendliche aus verschiedenen Ländern im Rahmen eines internationalen Workcamps beteiligen: Findet man noch Hinweise, die an Häftlinge erinnern? Marcus Meyer weiß, dass man auch nach 70 Jahren noch neue Quellen zutage fördern kann, etwa über den Internationalen Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in Bad Arolsen, der den Wissenschaftlern vor kurzem 650 Namen von ehemaligen Inhaftierten übermittelt hat. Oder durch Zeitzeugen-Interviews: In diesen Tagen führt Meyers Kollegin Christel Trouvé ein Interview mit einem überlebenden Zwangsarbeiter aus Polen. Diese Zeugnisse wollen Marcus Meyer und die Landeszentrale für politische Bildung allen Menschen zugänglich machen, in der Ausstellung und später in einem offenen Archiv. "Wir wollen verstehen ermöglichen", fasst Meyer seine Motivation zusammen.

www.denkort-bunker-valentin.de

7.114 Zeichen, Autorin: Ulrike Bendrat

Pressekontakt:

Landeszentrale für politische Bildung

Dr. Marcus Meyer
Denkort Bunker Valentin

E-Mail: mail[at]bunkervalentin.de

Erstellungsdatum: 29.04.2013