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Alte Köpfe, neue Technik

Uwe Boeck ist ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Bremer Heimstiftung und nutzt spezielle Computer-Software, um mit dementen Senioren zu trainieren. Foto: Christian Beneker
Uwe Boeck ist ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Bremer Heimstiftung und nutzt spezielle Computer-Software, um mit dementen Senioren zu trainieren. Foto: Christian Beneker

Die Bremer Heimstiftung geht neue Wege bei der Betreuung von dementen Menschen. Mit einer speziellen Computer-Anwendung fördert das Seniorenheim St. Ilsabeen seine Bewohner, um den Krankheitsverlauf zu bremsen.

Ganz langsam hebt die 87-jährige Frau F. die Hand. Sie beugt sich sachte in ihrem Rollstuhl nach vorn und führt ihren Zeigefinger zum Bildschirm. Dann tippt sie so vorsichtig darauf, als fürchtete sie, seine Oberfläche zu zerbrechen. Mit rauer Stimme sagt sie: "Da!"

Für Frau F. ist das eine kleine Sensation. Die alte Dame hat ihre Erinnerung verloren, ebenso ihr Koordinationsvermögen und die Fähigkeit, andere Menschen zu erkennen und anzusprechen. Frau F. ist eine von 7.500 dementen Senioren in Bremen. Sie lebt im Seniorenheim St. Ilsabeen. Wie viele andere im Altenheim sitzt sie tagsüber in ihrem Stuhl und wirkt unbeteiligt und starr. Gewiss; manche ihrer Mitbewohnerinnen sind lebhafter - aber viele leiden unter dem gleichen Gedächtnisverlust. Mit Computer-Training und spezieller Software versucht das Heim seit eineinhalb Jahren, auch Frau F. zu aktivieren.

Die Computer-Anwendungen basieren auf dem Projekt "IT-Assist" des Technologiezentrums Informatik und Informationstechnologie (TZI) der Universität Bremen, die nun die Bremer Heimstiftung gemeinsam mit der Rehavista GmbH und dem TZI in St. Ilsabeen einsetzt.

"Wir haben schon sehr früh einfache und leicht erkennbare Bildschirm-Oberflächen für Senioren geschaffen, damit sich ältere Menschen nicht in den Anwendungen verirren", sagt Professor Michael Lawo, Vorstand des TZI. Zu den Entwicklungen gehören bildhafte Symbole, große und einfache Darstellungen und nur wenige Anwendungen, in denen sich leicht demente Senioren auch gut allein zurechtfinden. "Eigentlich nahm unsere Entwicklung die heute vielfach auf Tablet-PCs oder Smartphones üblichen 'Kacheln' vorweg."

Per Touchscreen gegen die Vergesslichkeit

Der Erfolg des TZI-Ansatzes zeigt sich in St. Ilsabeen. Dort hat Uwe Boeck, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Bremer Heimstiftung, einen Bildschirm in der Wohnküche aufgebaut. In einer kleinen Runde sitzen eine Handvoll Bewohner des Pflegebereichs davor, auch Frau F. ist dabei. Boeck zeigt auf mehrere Silhouetten auf dem Bildschirm. "Was ist das? Und das?" Schnell erkennt man die Umrisse eines Wasserhahns und einer Bürste. In einer anderen Ecke des Bildschirms sind die farbigen Abbildungen der Gegenstände zu sehen. "Was passt zusammen?", will Boeck von den alten Menschen wissen. Wenn der richtige Gegenstand angetippt wird, gleitet er über den Bildschirm auf die zugehörige Form. "Da", sagt Frau F. und berührt mit dem Finger den Wasserhahn, der daraufhin auf seinen Platz wandert.

Zweimal in der Woche trifft sich die Gruppe von sechs bis acht Senioren, berichtet Boeck. "Wenn ich nicht pünktlich bin, fragen sie schon: Wo bleibt denn Uwe?" Jetzt hat er eine andere Software gestartet. Summt die Biene? Zischt die Schlange? Schlägt der Papagei die Flügel? Bei diesem Spiel sollen die Senioren erkennen, welche der Tierdarstellungen sich gerade regt. "Der Schwan hat sich bewegt!", ruft Frau B. "Genau", sagt Uwe Boeck - auch wenn der Bildschirm gar keinen Schwan zeigt, sondern die Schlange, die Frau B. wohl für den Schwan gehalten hat.

Dass solches Training nicht nur ein Spiel ist, sondern auch nützt, davon ist auch Boeck überzeugt. "Während der Spiele werden die Senioren lebhafter, sie beginnen, miteinander zu sprechen und teilen sich mit - ganz anders als im Alltag", hat er beobachtet.

Studien beweisen den Nutzen

Das Seniorenheim St. Ilsabeen setzt bei Demenzerkrankten Computer-Programme ein, die auf einem Projekt des Technologiezentrums Informatik und Informationstechnologie der Universität Bremen basieren. Foto: Christian Beneker
Das Seniorenheim St. Ilsabeen setzt bei Demenzerkrankten Computer-Programme ein, die auf einem Projekt des Technologiezentrums Informatik und Informationstechnologie der Universität Bremen basieren. Foto: Christian Beneker

Das haben auch Marleen Lipinski und Klaas Michalke festgestellt. Die beiden Bremer Studierenden der Pflegewissenschaft an der Universität Bremen haben im vergangenen Jahr eine Beobachtungs-studie beim Demenz-Projekt in St. Ilsabeen gestartet. "Oft werden Computeranwendungen für Senioren wahllos auf den Markt geworfen", erklärt Lipinski den Grund für ihre Arbeit. "Wir wollten wissen, ob und wie sie wirken."

Dazu haben die beiden systematisch geprüft, wie die Senioren auf die Computer-Übungen reagieren. Mit Hilfe eines bestimmten Beobachtungsschemas untersuchten sie anhand der Ge-sichtsausdrücke der Senioren, wie lange ihre positiven oder negativen Gefühle während der Spiele anhielten. "Die verschiedenen Zeitfenster reichen von 10 bis 50 Sekunden bis zu fünf Minuten", sagt Lipinski. Je länger eine Emotion zu sehen sei, umso intensiver sei sie. "Natürlich sind wir mehrfach in St. Ilsabeen gewesen. So konnten wir ausschließen, dass wir nur ganz normale Stimmungsschwankungen beobachten", sagt Lipinski.

Die Ergebnisse sprechen für sich: Die Studenten haben festgestellt, dass Uwe Boecks Computer-nachmittage auf die dementen Menschen einen positiven Effekt haben. Als sie etwa gemeinsam Bilder von Bremer Sehenswürdigkeiten betrachteten, stiegen Erinnerungen an ganz ferne Jahre auf, an alte Bremer Redewendungen und Lieder, die eine der Teilnehmerinnen prompt mit der Mundharmonika begleitete. "Natürlich wissen wir, dass solche Spiele den Prozess der Demenz nicht stoppen können", räumt Lipinski ein. "Aber sie können ihn bremsen."

"Erzähl doch mal von früher..."

Besonders beeindruckt Boeck die Wirkung des Programms "Heimatbiografien". Dazu scannt er alte Fotos aus der Kinderzeit der Bewohner ein. Der Bildschirm zeigt sie dann vergrößert. Boeck lässt sich von den Angehörigen die dazugehörigen Geschichten und Stichworte erzählen. Oft haben die Senioren die Fotos jahrelang nicht sehen können, viel zu klein und zu undeutlich waren die Aufnahmen für ihre alten Augen. "Aber dann blühen die Erinnerungen neu auf und die Teilnehme-rinnen beginnen, zum Beispiel aus Königsberg zu erzählen", berichtet Boeck von Frau W., die plötzlich, wie aus einen Dornröschenschlaf erwacht, aus ihrer Jugend erzählte. Boeck fällt dabei die Aufgabe zu, in die Rolle der Angehörigen zu schlüpfen und quasi im Familienkreis mit den alten Menschen in ihre Vergangenheit einzutauchen.

Tatsächlich ist die Gruppe der Mitspieler an diesem Nachmittag in St. Ilsabeen näher zusammengerückt und betrachtet neugierig kommentierend, was sich auf dem Bildschirm tut. Inzwischen haben sich weitere Teilnehmer dazugesetzt, wie der 105-jährige Herr D. Er macht bei den Spielen nicht direkt mit. Aber der sonst schweigsame Mann spricht und lacht, als wäre er eben erst 80 geworden.

Mehr unter www.bremer-heimstiftung.de

6.295 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Pressekontakte:

Professor Dr. Michael Lawo

Vorstand Technologie-Zentrum Informatik und Informationstechnik

E-Mail: mlawo[at]tzi.de

Anna Harbusch

Hausleiterin St. Ilsabeen

E-Mail: BHS-Ilsabeen[at]bremer-heimstiftung.de

Erstellungsdatum: 12.07.2013