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Rettung für Tante Emma

Nach der sanften Modernisierung des 140 Jahre alten Tante-Emma-Ladens Holtorf erfreut sich der Besucher einer Mischung aus bekannten Waren wie losem Müsli und neuer Feinkost aus Italien oder Übersee. Foto: Janet Binder
Nach der sanften Modernisierung des 140 Jahre alten Tante-Emma-Ladens "Holtorf" erfreut sich der Besucher einer Mischung aus bekannten Waren wie losem Müsli und neuer Feinkost aus Italien oder Übersee. Foto: Janet Binder

"Holtorf" gilt als Deutschlands letzter Kolonialwarenladen. Über drei Generationen wurde der unter Denkmalschutz stehende Laden im Bremer Ostertorviertel von Familie Schwiering betrieben. Lange suchte sie einen Nachfolger, in Marcus Wewer hat sie ihn gefunden. Zum 140. Geburtstag des Geschäfts beginnt somit ein neues Kapitel.

"Wilh. Holtorf. Seit 1874" – so stand es lange Jahre in roter Schrift auf der Schaufensterscheibe. "Wilhelm" wurde inzwischen gestrichen aus dem Namen – und das ist nicht die einzige Veränderung in dem Laden, der als einer der schönsten Tante-Emma-Läden Deutschlands gilt. Der neue Besitzer Marcus Wewer hat zum einen die unter Denkmalschutz stehende Jugendstileinrichtung, den Deckenstuck in über vier Metern Höhe und die Bodenfliesen liebevoll restaurieren lassen. Zum anderen aber hat er inzwischen Überflüssiges rausgeworfen und damit einen lichten, geräumigen Laden geschaffen. Nach drei Monaten Umbauarbeiten hat das Geschäft jüngst wiedereröffnet. Eine weit über die Grenzen Bremens bekannte Institution ist damit gerettet – lange war das unsicher.

Über drei Generationen war der Laden in der Hand von Familie Schwiering – den Supermärkten trotzend. Der kinderlose Gründer Wilhelm Holtorf hatte 1908 seinen Kolonialwarenladen, von denen es damals viele in Bremen gab, an seinen Gesellen namens Schwiering übergeben. Dieser Geselle war der Großvater von Irmtraud Krämers vor acht Jahren verstorbenen Ehemann. 45 Jahre stand Irmtraud Krämer – ehemals Schwiering – selbst hinter dem langen, hölzernen Verkaufstresen; erlebte hautnah, wie das gesamte Gebäude 1973 unter Denkmalschutz gestellt und erstmals in Reiseführern erwähnt wurde.

Inhaberin fand lange keinen passenden Käufer

Vor eineinhalb Jahren fing die heute 62-Jährige an, nach einem Käufer für das Traditionsgeschäft und der darüber liegenden Wohnung zu suchen. Es stand schon zu Lebzeiten ihres Mannes fest, dass ihr Sohn die Nachfolge nicht antreten wollte. Ein Interessent, der ihren Vorstellungen entsprach, fand sich aber lange nicht. Sie wollte auf keinen Fall einen "Schickimicki-Laden", wie Irmtraud Krämer sagt. Und sie wollte das Geschäft nur zusammen mit der Wohnung verkaufen, damit die neuen Besitzer darin wohnen könnten, so wie es seit Generationen gemacht wurde.

Der gebürtige Bremer Marcus Wewer suchte dagegen eine berufliche Veränderung. Seit 25 Jahren arbeitet der gelernte Landwirt und studierte Agrarwissenschaftler in der Lebensmittelbranche. Zuletzt war er Betriebsleiter bei einem Bio-Fleischproduzenten in Potsdam, legte 60.000 Kilometer pro Jahr im Auto zurück. "Ich wollte das nicht mehr", sagt der 47-Jährige. In einem Magazin las er über die Nachfolgesuche für den Kolonialwarenladen – er schnitt den Artikel aus und steckte ihn erst einmal weg. "Irgendwann habe ich ihn wieder aus dem Portemonnaie gekramt und angerufen", erinnert sich Wewer. Das war, als er sich entschieden hatte, zu seiner Lebensgefährtin nach Bremen zu ziehen. Mit Irmtraud Krämer wurde er sich schließlich einig. "Mir war wichtig, dass der Laden in gute Hände kommt", sagt die ehemalige Inhaberin. Dies sei gelungen, nun könne sie auch gut loslassen. In die Wohnung zog Wewer mit seiner Lebensgefährtin, deren drei Kindern und seinen eigenen drei. Nun muss er zur Arbeit nur noch die Treppen hinunter gehen.

Historische Fliesen im Keller gefunden

Der gebürtige Bremer Marcus Wewer übernahm Deutschlands letzten Kolonialwarenladen Holtorf im Ostertorviertel. Unter Aufsicht der Denkmalschutzbehöre baute der studierte Agrarwissenschaftler den Laden um. Foto: Janet Binder
Der gebürtige Bremer Marcus Wewer übernahm Deutschlands letzten Kolonialwarenladen "Holtorf" im Ostertorviertel. Unter Aufsicht der Denkmalschutzbehöre baute der studierte Agrarwissenschaftler den Laden um. Foto: Janet Binder

Unter Aufsicht der Denkmalschutzbehörde baute Wewer das Geschäft um. Ihm war klar, dass er einiges belassen, aber auch vieles verändern wollte – sowohl im Sortiment als auch räumlich. "Die größte Veränderung gibt es beim Schaufenster", erklärt der neue Besitzer. Er hat die komplette Auslage rausgenommen und dort stattdessen Sitzkissen platziert.

"Es ist schön, jetzt rausgucken zu können." Früher sei man in den Laden gekommen und in eine andere Welt abgetaucht. Nun sei die besondere Atmosphäre zwar immer noch da, der Laden wirke aber nicht mehr so kleinräumig, sondern offen. Auch eine Wand wurde herausgenommen und damit der Raum vergrößert. Im Keller fand er historische Fliesen, mit denen der Boden der dazugewonnenen Verkaufsfläche stilgerecht ausgelegt werden konnte.

Ein reiner Tante-Emma-Laden ist Holtorf nicht mehr. "Das Kaufverhalten hat sich verändert", begründet Marcus Wewer. "Die Kunden wollen die Produkte in die Hand nehmen und wenn nötig auch wieder ins Regal zurückstellen." Der Tresen wurde deshalb verkürzt, damit die Kunden ans frisch polierte Eichenregal kommen – zumindest an den unteren Teil des vier Meter hohen Möbels. Müsli aber wird weiterhin lose verkauft. Die Zutaten wie Haferflocken und Sonnenblumenkerne sowie Gewürze befinden sich wie eh und je in den insgesamt 164 Schubläden hinter dem Tresen. Früher waren die Schubladen unbeschriftet – Familie Schwiering wusste trotzdem immer, wo was war. Inzwischen sind sie mit Kreide gekennzeichnet. "Aber eigentlich weiß ich jetzt auch schon auswendig, wo sich was befindet", sagt Marcus Wewer schmunzelnd.

Hochwertige Produkte im Sortiment

Auch frisch gequetschten Mohn zum Backen wird er bald wieder anbieten. "Der hat ein ganz besonderes Aroma", begründet der Ladeninhaber. Die alte Maschine muss er dafür noch auf Vordermann bringen. Nicht mehr im Sortiment befindet sich dagegen alles, was es in jedem Supermarkt (billiger) gibt. Er setzt vielmehr neben dem Angebot für den täglichen Bedarf wie Brot, Butter, Milch und frisches Bio-Fleisch auf das Besondere wie Senf von einem Bio-Metzger aus Halle, echte amerikanische Erdnussbutter ohne Palmfett oder hochwertige italienische Schokolade. Viele Produzenten kennt er aus seinem früheren Berufsleben persönlich. "Ich verkaufe das, was ich selber gerne mag und hoffe, auch andere damit überzeugen zu können", sagt Wewer.

Eine Auswahl früherer bei Wilhelm Holtorf zum Verkauf stehender Produkte hat er auf separaten Regalbrettern ausgestellt. Es sind Original-Verpackungen, zum Teil aus den 1930er Jahren, die Wewer eingestaubt im Keller oder in entlegenen Regalbereichen entdeckte: Waschpulver, Erbsen in Dosen und Spirituosen. Die historischen Waren sollen an die lange Geschichte eines einmaligen Ladens erinnern, der im nächsten Jahr seinen 140. Geburtstag feiert. Dass Marcus Wewer den "Wilhelm" aus dem Namen seines Ladens gestrichen hat, um ihn griffiger zu machen, hat kaum einer bemerkt. Ein Beweis für ihn, dass die sanfte Modernisierung des Kolonialwarenladens gelungen ist.

Mehr unter www.holtorf1874.de

6.391 Zeichen, Autorin: Janet Binder

Pressekontakt:

Marcus Wewer

Inhaber von Holtorf Feinkost & Kolonialwaren seit 1874

E-Mail: info[at]holtorf1874.de

Erstellungsdatum: 21.10.2013