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Die Entdeckung der Langsamkeit

Der Entschleunigerhelm des Bremer Studenten Lorenz Potthast verlangsamt für den Träger die Welt. Die Erfindung stößt auf internationales Interesse und heimste bereits Preise wie den Innovation by Design Award ein. Foto: Lorenz Potthast
Der Entschleunigerhelm des Bremer Studenten Lorenz Potthast verlangsamt für den Träger die Welt. Die Erfindung stößt auf internationales Interesse und heimste bereits Preise wie den Innovation by Design Award ein. Foto: Lorenz Potthast

Der Alltag ist oft geprägt von Hektik und Reizüberflutung. Wie schön wäre es, sich dem einmal entziehen zu können – dachte sich der Bremer Student Lorenz Potthast. Der 23-Jährige entwarf einen Entschleunigerhelm und heimste damit bereits einige Auszeichnungen ein. Der Erfolg hat ihn überrumpelt.

Die Welt zu verlangsamen – das ist physikalisch nicht möglich. Und dennoch wollte es Lorenz Potthast versuchen. Schließlich wäre es angenehm, für alles mehr Zeit zu haben "Was ist, wenn man wenigstens die Wahrnehmung verlangsamt", fragte sich der Student für Integriertes Design an der Hochschule für Künste in Bremen. Er experimentierte, bis ihm die Idee für seinen Entschleunigerhelm kam: Eine Aluminiumkugel, in der man die Welt in Zeitlupe erlebt.

Wenn Lorenz Potthast seine Erfindung vorführt, sieht er ein bisschen aus wie ein Marsmensch. Er setzt sich die silberne Kugel auf den Kopf, eine Minikamera filmt die Umgebung vor dem Helm, ein Mikrofon nimmt die Geräusche auf. Im Inneren der Apparatur wird das Video- und Audiosignal von einem kleinen Computer bearbeitet. Mithilfe einer Fernbedienung kann Lorenz das Gefilmte auf einer Spezialbrille verlangsamt sehen. Wenn er vorwärts geht, weiß er also nicht, wo er sich gerade befindet. Denn das Bild, das er sieht, aber auch der Ton, den er hört, ist schon veraltet. "Wenn man etwas mit halber Geschwindigkeit abspielt, dauert es doppelt so lange", erklärt der Student. Sieht der Helmträger etwa sein Gegenüber in die Höhe hüpfen, ist dieser tatsächlich schon längst wieder auf dem Boden angekommen.

Helm als Reflektionsblase

Der Träger des Entschleunigerhelms läuft der Zeit also hinterher. Sein Gang wird dadurch unsicher. Denn ob etwas im Weg steht, kann der Nutzer nicht erkennen. Damit zumindest andere Menschen besser auf den Träger reagieren können, hat Lorenz Potthast an der Außenseite des Helms einen Bildschirm angebracht. Auf dem kann sein Gegenüber das sehen, was auch der Nutzer gerade auf seiner Videobrille sieht. "Durch die Kommunikation mit der Umwelt wird es interessanter, der Bildschirm ist eine Art Brücke zur Außenwelt", so Lorenz Potthast.

Auslöser für seine Erfindung war eine Aufgabe, die seine Professorin Tanja Diezmann vor zwei Jahren in einem Kurs an der Hochschule stellte. "Wir sollten interaktive Konzepte zum Umgang mit den immer schnelleren Reizüberflutungen in der Gesellschaft entwickeln.", erklärt der 23-Jährige. Statt beispielsweise eine App herzustellen, die einem den Einkauf erleichtert, ging er an die Aufgabe grundsätzlich heran. Er wollte die Zeit beeinflussen. In einem ersten Versuch befestigte er einen Laptop auf dem Kopf, was sich schnell als unpraktisch herausstellte. Schließlich kam ihm die Idee mit dem Helm. „Darin beginnt man ganz automatisch über den Ablauf der Zeit nachzudenken“, sagt Lorenz Potthast: Die Kugel dient als Reflektionsblase.

Den passenden Helm für seine Erfindung zu bekommen, war erst gar nicht so einfach. "Ich habe ziemlich lange gesucht", sagt er. Fündig wurde er schließlich im Internet, auf einer Seite mit Gartendekorationsartikeln. "Es ist eigentlich eine Schwimmkugel für den Gartenteich." Er flexte einen Teil ab, sodass er seinen Kopf in die Kugel stecken konnte. "Das Ding war gar nicht so billig", sagt er. Aber eine gute Investition: Die ungewöhnliche äußere Form des Helms trug zu dessen Erfolg bei, ist sich Potthast sicher.

Video über 300.000 Mal angeklickt

Ein Ende der Alltagshektik: Der Entschleunigerhelm verlangsamt die Zeit. Der Bremer Erfinder und Student für Integriertes Design Lorenz Potthast hat den Helm erfunden. Foto: Lorenz Potthast
Ein Ende der Alltagshektik: Der Entschleunigerhelm verlangsamt die Zeit. Der Bremer Erfinder und Student für Integriertes Design Lorenz Potthast hat den Helm erfunden. Foto: Lorenz Potthast

Den Erfolg hat er ebenfalls dem Internet zu verdanken. Er drehte ein Video, das eine Person zeigt, die mit dem Entschleunigerhelm auf dem Kopf durch eine Menschenmenge im Bremer Hauptbahnhof schreitet. Zunächst gab es nur eine deutsche Version, die Reaktionen waren noch verhalten. Als er das Video mit englischem Kommentar ins Netz stellte, entwickelte es eine unerwartete Eigendynamik. "Das Video wurde 300.000 Mal angeklickt", freut sich Lorenz Potthast.

Nun kamen die Anfragen aus aller Welt: Er präsentierte seinen Entschleunigerhelm bereits auf Medienkunstfestivals in Venedig und Prag, stellte in New York aus und erhielt mehrere internationale Auszeichnungen, unter anderem den Annual Multimedia Award und den Innovation by Design Award. Selbst in Dubai zeigte man Interesse. "Eine Eventagentur hat angefragt, ob ich vier Helme für ein Autorennen zur Verfügung stellen könnte." Sie sollten als besonderer Kick für VIP-Zuschauer dienen. Der Deal kam aus Kostengründen nicht zustande.

Helm produziert Verwirrung

Inzwischen ist dem Studenten klar: Mit dem Entschleunigerhelm lässt sich kein Geld verdienen. Denn einen Nutzen hat er nicht. "Es bringt nichts, wenn man die Welt anders sieht, weil man nicht mehr mit den Menschen interagieren kann und so den Kontakt zu ihnen verliert." Der Helm sei aber sowieso von vorherein ein Experiment mit ungewissem Ausgang und nicht als Produkt gedacht gewesen. Der 23-Jährige hatte aber gehofft, dass der Helmträger sich durch die verlangsamte Zeit entspannen könnte. Der Effekt trat jedoch nicht ein. "Eher das Gegenteil ist der Fall", hat er die Erfahrung gemacht. "Der Helm produziert Verwirrung." Länger als eine halbe Stunde könne er ihn deshalb nicht aufsetzen. "Die Entspannung tritt erst ein, wenn man den Helm abnimmt."

Lorenz Potthast hat aber noch viele Ideen für andere Projekte. Eines davon ist die Seifenblasen-Traummaschine, die er zusammen mit seinem Kommilitonen Fabricius Seifert entwickelt hat. Die Maschine produziert im Handbetrieb riesige mit Rauch gefüllte Seifenblasen, auf die in einem abgedunkelten Raum Traumbilder projiziert werden. Eine weitere Arbeit ist ein Türgriff, der die Form einer Hand hat. "Die Idee dabei ist, dass der Raum einen begrüßt, wenn man ihn betritt", erklärt der Student, "der Raum schüttelt einem sozusagen die Hand." Die beiden Projekte sind bereits auf großes Interesse in der Designszene gestoßen. Und so sind die letzten zwei Jahre, in denen so viel passiert ist, für Lorenz Potthast im Fluge vergangen. Entschleunigt ist sein Leben zurzeit also überhaupt nicht – gerade wegen des Helms.

Mehr unter www.lorenzpotthast.de und vimeo.com/lorenzpotthast

6.009 Zeichen, Autorin: Janet Binder

Pressekontakt:

Lorenz Potthast

E-Mail: lorenzpotthast[at]gmx.de

Erstellungsdatum: 26.11.2013