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Wabendach für die Fußball-WM

Wenn am 26. Juni bei der Fußball-Weltmeisterschaft Deutschland gegen die USA spielen wird, wird die deutsche National-Elf etwas aus der Heimat umgeben: Das Dach und die Fassade des WM-Stadions im brasilianischen Recife stammen von Vector Foiltec mit Sitz in Bremen. Das Prestigeprojekt ist nur eines von vielen in der Erfolgsgeschichte des Unternehmens.

"Normalerweise sind die Kissen viel länger", sagt Reinhard Schmidt, Partner bei Vector Foiltec. Er klopft auf die gespannte Oberfläche eines der glänzenden Folienkissen, die hier auf der Wiese vor dem Firmensitz in Bremen-Lesum ausgestellt sind. Es ertönt ein angenehm weiches "Bong, Bong, Bong". Vector Foiltec baut Fassaden und Dächer aus Plastikfolien, die zuvor zu großen Kissen zugeschnitten und verschweißt wurden. Dann wurden sie in Aluminiumrahmen fixiert, mit einer Versorgungseinheit mit Luft befüllt und auf den nötigen Druck gebracht.

Das Produkt geht weg wie geschnitten Brot. Bis heute hat die Firma an die 800 Projekte verwirklicht und dabei insgesamt mehr als einen Quadratkilometer mit ihrer bahnbrechenden Erfindung überspannt. Mit einem Dach dieser Größe könnte man etwa 140 Fußballfelder überspannen. Vector Foiltec ist Weltmarktführer und bedient rund 90 Prozent des Marktes. Begonnen hat das Unternehmen mit rund 1,2 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Heute sind es mehr als 50 Millionen Euro.

Vector Foiltec veränderte die Architektur

Die beiden Bremer Tüftler, der Ingenieur Stefan Lehnert und der Bootsbauer Reinhard Schmidt, haben in den 1980er Jahren transparente Dächer und Fassaden praktisch neu erfunden und so den Architekten weltweit neue Möglichkeiten erschlossen, ihre kühn geschwungenen Dächer und Bauten noch kühner und noch geschwungener zu entwerfen. Die Entwicklung aus Bremen macht heute rund um den Globus eine exzellente Figur.

Zum Beispiel in China. Dort haben die Bremer die Schwimmhalle für die Olympischen Spiele 2008 in Peking gebaut. Das "National Aquatic Center". Fassade und Dach des mächtigen, wasserblau schimmernden Quaders bestehen aus tausenden transparenten, wabenartigen Folienkissen. Der Bau sieht aus, als wäre hier ein Riese gerade der gläsernen Wanne eines ebenso riesenhaften Schaumbades entstiegen.

Oder Astana in Kasachstan: Dort hat Vector Foiltec ein in den Himmel ragendes Zelt von 150 Meter Höhe aufgestellt: das Khan Shatyr Entertainment Center. Es bietet Platz für eine ganze Unterhaltungswelt. 22.000 Quadratmeter Kunststoffhaut haben die Ingenieure und Handwerker von Vector Foiltec hier über einen einzigen, dreibeinigen Mast gespannt. Das Zelt ist rasch so berühmt geworden im Land, dass sein Bild sogar eine Briefmarke Kasachstans schmückt.

Ein für Deutschland interessantes Projekt gelang den Bremern im brasilianischen Recife. Dort baute Vector Foiltec 23.000 Quadratmeter Dach und Fassade des Fußball-WM-Stadions, der Arena Pernambuco. Die Arena fasst knapp 43.000 Zuschauer. "Wir waren bereits nach einem viertel Jahr fertig", erklärt Schmidt. Die Feuertaufe hat das Stadion schon bestanden: 2013 wurden hier Spiele der FIFA Confederations Cups in Recife ausgetragen. "Am 26. Juni werden hier die Nationalmannschaften der USA und Deutschlands gegeneinander spielen", sagt Schmidt.

Mit 36.600 Quadratmetern realisierten die Bremer ihr bisher größtes Dach am Olympiastadion im russischen Sotschi. Ebenfalls überdachten sie den Zoo in Arnheim, den Bahnhof in Melbourne, zahllose Spaßbäder oder die Nationalgalerie in London. Berühmt wurde Vector Foiltec, als die Firma 2001 ihr bis dahin größtes Projekt verwirklichte: das Eden-Projekt in Cornwall; ein botanischer Garten unter Waben-Iglus von insgesamt 30.000 Quadratmetern.

Leichtbau macht Karriere

Gebäude wie diese wären wohl längst ihrem eigenen Gewicht erlegen, hätte man sie aus Glas errichtet. Immerhin wiegt ein Glasdach 100 Kilo pro Quadratmeter. Die Dächer von Vector Foiltec wiegen nur ein Kilo pro Quadratmeter. Klar, da bekommt jeder Architekt feuchte Hände. "Mit unserem Produkt ist Leichtigkeit, Transparenz und schwierige Geometrie umsetzbar", erklärt Lehnert.

Zurück nach Bremen: Angefangen hat alles an Weihnachten 1982 in einer kleinen Halle in Bremen-Lesum. Man muss sich hier den Bootsbauer und den Ingenieur in Blaumann, bewaffnet mit fast passendem Werkzeugen und unschlagbarem Optimismus vorstellen. "Da musste ein Kissen sechs Meter lang sein – was haben wir gebaut und gebastelt", sagt Schmidt. Heute sind die großen Kissen bis zu 100 Meter lang.

Als Schmidt und Lehnert die Idee hatten, aus Plastikfolien – also aus einem Material, das nur 0,1 bis 0,3 Millimeter dick ist – Wände und Decken zu bauen, hielt man sie "kurz gesagt, für verrückt". Die Technik war alles andere als ausgereift. Für das, was Vector Foiltec vorhatte, musste alles neu gebaut, geplant, berechnet und entwickelt werden. "Es gab ja nur Schweißmaschinen, um Gefrierbeutel zu verschließen", so Lehnert, "die waren so groß wie ein Toaster." Deshalb haben die beiden Firmengründer zunächst die Maschinen gebaut, um überhaupt große Folien miteinander verschweißen zu können.

Von Bremen in die Welt

Vector Foiltec beschäftigt am Standort Bremen 80 Mitarbeiter. 40 von ihnen arbeiten in den zwei großen Produktionshallen sowie 40 in der Verwaltung und den Ingenieursbüros des Klinkerbaus. Vector Foiltec ist aber längst international aufgestellt. Weltweit sind es rund 170 Mitarbeiter und 15 Büros. Die Firma übernimmt alles von der Architektenzeichnung, der Statikberechnung, der Produktion, Verpackung und Transport bis hin zur Montage, oft mit Hilfe einheimischer Teams.

2008 wurde auch in China eine Produktionsstätte errichtet. Dort wird ein Drittel der Gesamtproduktion hergestellt. "Wir werden immer eine Produktionsstätte in Bremen haben", betont Lehnert. "Aber welche Rolle sie spielen wird, muss man sehen." Eine Arbeitsstunde kostet in China einen Euro. Die Bedingungen in Bremen sind indes für die beiden Partner immer noch günstig. Die Firma arbeitet hier mit gut 150 Subunternehmen zusammen. "Wenn ich hier heute 5.000 Schrauben einer bestimmten Größe und Machart bestelle, dann habe ich sie morgen auf dem Tisch. Das geht in anderen Ländern bei weitem nicht so flott und nicht in derart guter Qualität wie in Deutschland", sagt Lehnert.

Überdies sind Autobahn-, Hafen- und Flughafen-Anbindungen in Bremen nah. Und auch sonst ist man nicht so lange unterwegs wie in Peking, wo Vector Foiltec seine chinesischen Produktionshallen errichtet hat. "Wenn ich in Bremen etwas in der Handelskammer zu besprechen habe, dann bin ich in 20 Minuten dort", erklärt Schmidt.

Übrigens hätten die beiden Vector Foiltec-Macher ihre Kissen auch gerne auf dem Dach des renovierten Weser-Stadions gesehen. "Der Auftrag wurde leider nicht erteilt", bedauert Lehnert. Dafür baut Vector Foiltec jetzt das Riesen-Stadion der Minnesota Vikings, einer American-Football-Mannschaft aus Minneapolis / USA.

6.875 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Mehr unter www.vector-foiltec.com

Pressekontakt:

Reinhard Schmidt und Stefan Lehnert

Vector Foiltec GmbH

E-Mail: de[at]vector-foiltec.com

Erstellungsdatum: 28.04.2014