Sie sind hier:

Kurzfassung: Frisch vom Kutter

Kaum irgendwo sonst an der Nordseeküste bekommt man Garnelen so frisch wie in Bremerhaven. Dort ist der Krabbenfischer Hans-Joachim Reim einer der letzten seiner Zunft, der seinen Fang direkt vermarktet. Er holt die kleinen Meeresdelikatessen täglich frisch aus dem Wattenmeer – mit seinem selbst gebauten Kutter "Steinbock".

"Steinbock" trägt seinen Namen zu Recht. Er ist klein, wendig und hat Kraft. Stäbig nennt man diese Eigenschaften an der Küste. Gemeint sind damit Schiffe, die dem Blanken Hans auch dann trotzen können, wenn er etwas kräftiger auftritt. Im übertragenen Sinne gelten diese Eigenschaften auch für den Eigner des kleinen Kutters. Aus einer Laune heraus hat Hans-Joachim Reim den Kutter vor 30 Jahren gebaut. Kurze Zeit später hängte der heute 70-Jährige seinen Job auf einer Bremerhavener Werft an den Nagel. Seither fährt er als Berufsfischer auf Krabbenfang.

Frische Ware ist Reim wichtig

Tagsüber liegt der Kutter meist an der Pier vor dem Schaufenster Fischereihafen. Auch wenn von dem Schiff hinter der hohen Kaimauer nur die Mastspitze zu sehen ist, kann niemand den Liegeplatz verfehlen: Auf dem Parkplatz gleich nebenan steht das Ruderhaus eines Kutters, baugleich dem Steuerstand des "Steinbocks". Hier verkauft Reim seine Krabben, unmittelbar nach seiner Fangreise. "Bei mir gibt es nur frische Ware; und ich fange nur so viel, wie ich erfahrungsgemäß auch wirklich verkaufen kann", sagt er.

Krabbenfischerei gehört zur Nordseeküste wie die Aufzucht von Milchkühen zu den Almwiesen. Allerdings sind die Zeiten vorbei, in denen der frische Granat-Fang in den Sielhäfen direkt nach dem Anlanden frisch gekocht wurde. Selbst wenn die Ladungen nicht von Großhändlern per Kühl-Lkw tausende Kilometer von der Nordsee in die Krabbenpulfabriken von Niedriglohnländern und wieder zurück transportiert werden, tagesfrische Fänge kommen kaum noch in den Handel. "Die meisten Fischer haben sich zu Erzeugergemeinschaften zusammengeschlossen", weiß Reim. Die Genossenschaften sammeln alle Fänge ein, fahren sie zu zentralen Verarbeitungsplätzen und bringen sie dann zurück in die Verkaufsstationen in den Kutterhäfen. "Das ist nichts für mich", sagt Reim, "da weiß man doch gar nicht mehr woher die Ware kommt und wie frisch sie noch ist."

Tradition des Direktverkaufs

Dass der einzige Bremerhavener Krabbenfischer die alte Tradition des Direktverkaufs aufrechterhält, kommt nicht von ungefähr. Reim hat sein Handwerk von den Altvorderen unter den Fischern gelernt und für sich übernommen, was an den Traditionen sinnvoll und für ein erfolgreiches Fischen erforderlich ist. Dazu zählt unter anderem das Wissen um gute Fangplätze – Reim schweigt sich darüber aus, wie er sie findet. Aber gerne führt er die moderne elektronische Seekarte in seinem Ruderhaus vor. Mit ihrer Hilfe zeichnet er jeden Kurs auf, den er gefahren ist. So kann er die Veränderungen im Wattenmeer erkennen und findet jeden seiner Fangplätze wieder. "Ein tolles System, das einem die Arbeit erleichtert."

Vor gut 30 Jahren gab es solche Systeme noch nicht. Hans-Joachim Reim lernte die Fischerei kennen, als diese noch allein eine Frage des Fingerspitzengefühls war. "Die Begeisterung habe ich von meinem Bruder übernommen", erinnert er sich. Der fischte damals schon im Nebenerwerb, während er selbst als Schlosser auf einer großen Werft arbeitete. "Irgendwann kam mal wieder Kurzarbeit", erinnert er sich, "da habe ich die Zeit genutzt und den Kutter gebaut." Nur nach Gefühl und Augenmaß entstand das Schiff, das heute noch so aussieht, als sei es gerade vom Stapel gelaufen. Der Kutter ist grundsolide Schiffbaukunst, das bekam Reim seinerzeit sogar vom Germanischen Lloyd als "Schiffs-TÜV" mit Brief und Siegel bestätigt. "Es gab ja keine einzige Zeichnung, deswegen haben die Prüfingenieure doppelt und dreifach genau hingeschaut."

Fangreisen als Hobby

Reim fuhr zunächst als Nebenerwerbsfischer allein raus, wenn auf der Werft Feierabend war. Wenig später ließ er sich zum Berufsfischer ausbilden, seither sticht er mit einem Decksmann in See. Die Zeiten, in denen sie mit großen Fängen zurückkehrten, sind jedoch längst vorbei. "Ich muss ja schon lange nicht mehr vom Fischfang leben", sagt Reim, "eigentlich mache ich es ja nur noch, weil es mir Spaß macht." Und ein bisschen, weil er sich gegenüber den Bremerhavenern und den Gästen verpflichtet fühlt. Immer wieder steht jemand am Kutter und fragt mit unverkennbar Bremerhavener Mundart: "Hey, Hans-Joachim. Wann gibt’s denn wieder was?" Und selbst wenn Reim antworten muss, dass die Fänge im Moment schlecht sind, bleiben die Kunden entspannt: „Dann komme ich eben morgen wieder", sagt einer fröhlich – obwohl er gerade extra vom anderen Ende der Stadt in den Fischereihafen gefahren ist, nur um Krabben zu kaufen.

Auf Fangreise geht Reim nur während der Sommermonate. Dann ist das Wasser warm genug, damit die Garnelen aus den Tiefen der Nordsee ins Wattenmeer wandern. Die übrige Zeit kümmert sich Reim um seinen "Steinbock". Jedes Jahr wird der Kutter neu gestrichen und die Technik an Deck auf Hochglanz poliert. Schon beim Bau hat Reim am Material nicht gegeizt, alles was rostanfällig sein könnte, hat er aus Edelstahl gebaut. Und auch in den Ecken hält er penibel Ordnung – selbst im kleinen Maschinenraum unter Deck könnte man vom Boden essen.

Urlaub mit dem "Steinbock"

Dass er den "Steinbock" so gut in Schuss hält, hat aber nicht nur damit zu tun, dass das Schiff Reims Lebenswerk ist. "Zwei Wochen im Jahr fahren meine Frau und ich damit in Urlaub." In der Zeit gibt es in Bremerhaven keine frischen Krabben. Reims Stammkunden wissen darum Bescheid. Und tragen es mit Fassung, dass sie auf ihre geschätzten Delikatessen verzichten müssen.

5.709 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Mehr unter: www.schaufenster-fischereihafen.de

Pressekontakt:

Karl Heinz Michen

Schaufenster Fischereihafen Werbe- und Veranstaltungsgesellschaft mbH

E-Mail: info[at]schaufenster-fischereihafen.de

Erstellungsdatum: 21.07.2014