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Die letzte Kneipe vor New York

Erinnerung an vergangene Zeiten? Ja und nein: Mit der "letzten Kneipe vor New York" hat sich in Bremerhaven ein geschichtsträchtiger, maritimer Ort zur Touristenattraktion entwickelt.

Im Lokal "Treffpunkt Kaiserhafen" an der Alten Bananenpier ist es auch an sonnigen Nachmittagen schummrig. Der Saal wird vor allem von den Neonröhren über einem großen Aquarium beleuchtet. Gedämpftes Licht fällt auf ein Sammelsurium maritimer Erinnerungsstücke. Eine Schwimmweste des längst verschrotteten Schnelldampfers "Bremen" befindet sich neben einem Rettungsring des Fischdampfers „Sonne“, der ebenfalls schon im Hochofen verschwunden ist. Unter der Decke hängen Teile eines Segelmastes. Das aus Zucker gefertigte Modell des Kreuzliners "Crown Princess" ist dagegen deutlich jüngeren Datums, ebenso die Unterschriften der Besatzungsmitglieder, die sich mit dickem Filzstift auf der Tapete verewigt haben.

"Das sieht ziemlich nach Museum aus", lacht Martin Benecke, "das sind wir aber nicht." Tatsächlich hat der Wirt vom "Treffpunkt Kaiserhafen" im Hafen unweit der Lloyd Werft eine der jüngeren Touristenattraktionen Bremerhavens geschaffen.

Letzter Drink vor dem Atlantik

"Die letzte Kneipe vor New York" steht in großen Buchstaben über dem Lokaleingang, der durch das Steuerhaus eines alten Fischdampfers führt. "Das ist kein Werbespruch, den wir uns ausgedacht haben", erklärt Benecke mit Nachdruck. Das Motto stamme vielmehr von Seeleuten, die bis Mitte der 1960er Jahre auf Passagierdampfern im Liniendienst zwischen Bremerhaven und den USA pendelten. "Irgendwann hat einer von ihnen den Spruch auf ein Brett gepinselt und vor die Tür gestellt", weiß Benecke aus den Berichten jener Wirte, die vor ihm den "Treffpunkt Kaiserhafen" betrieben. Für die Seeleute war es tatsächlich der letzte Kneipenstopp vor der Ankunft in New York: "Dazwischen lag nur noch die Atlantiküberfahrt", so Benecke.

Noch immer ist die Atmosphäre dieser Zeit in der Gaststätte zu spüren. "Es ist bewusst gepflegte Nostalgie", sagt Benecke offenherzig. Seeleute und Werft-Arbeiter treffen sich in der Kneipe, um nach Feierabend ein schnelles Bier zu trinken. Auch jetzt sitzen ein paar Werker im Blaumann an der Theke; an einem der Tische fachsimpelt ein Quartett britischer Schiffbauingenieure über den Umbau des Kreuzfahrtschiffs, das gerade im Dock der Lloyd Werft liegt.
In diesem Moment betritt die eigentliche Zukunft des Lokals den Laden: Vor der Tür hat ein Bus voller Bremerhaven-Touristen gestoppt, die jetzt zum Kaffeetrinken kommen. "Sie erleben ein authentisches Stück Bremerhaven, das macht den Reiz dieses Lokals aus", begründet Benecke, warum sich sein Restaurant wachsender Beliebtheit nicht nur bei Einheimischen erfreut.

Pausenplatz für Hafenarbeiter

Wie alt "Die letzte Kneipe vor New York" wirklich ist, weiß niemand so recht. "Das Gebäude stammt aus dem Ende der 1940er Jahre und war ursprünglich das Sozialheim der Hafenarbeiter", hat Benecke erfahren. Die Schauerleute und Werftarbeiter konnten dort ihr mitgebrachtes Mittagessen aufwärmen, hatten einen trockenen und geheizten Pausenplatz und bekamen dort auch noch Bier ausgeschenkt. Im schleichenden Übergang wurde daraus eine Kneipe, die Benecke 2003 mitsamt Inventar und Personal übernahm und die bereits mehrfach als Film- und Fernsehkulisse diente.

Beneckes Weg in die Gastronomie ist genauso verschlungen wie die Wege, die vom Sozialheim zum "Treffpunkt Kaiserhafen" führten. Der 45-Jährige ist gelernter Kfz-Mechaniker. Erste Bekanntschaft mit der Gastronomie machte Benecke während des Wehrdienstes: "Ich hab mit Kellnern den schmalen Sold aufgebessert." Nach ersten Erfahrungen mit einem eigenen Betrieb heuerte er 1998 im Service vom "Treffpunkt Kaiserhafen" an, den er fünf Jahre später übernahm.

"Der Kauf war schon ein Risiko", erinnert sich Benecke. "Aber das Haus hat ein so großes Potenzial, da konnte ich nicht nein sagen." Authentische Hafenkneipen sucht man an der deutschen Küste lange. Der Treffpunkt ist eines der letzten Exemplare einer fast ausgestorbenen Art. "Diese Lage mitten im Hafen mit Blick auf die Schiffe und mitten im Geschehen zwischen Werft und Umschlagsanlagen ist einmalig; das hat mich überzeugt", erinnert sich Benecke.

Behutsam den Bestand gepflegt

Von Anfang an war ihm allerdings klar: Aus purer Nostalgie würde niemand in das Restaurant kommen. Deswegen wertete er das Angebot an Speisen auf, renovierte behutsam den "Museumsbestand" an Ausstellungsstücken – und setzte auf das eingespielte Team von 20 Voll- und Teilzeitkräften. "Ohne gute Leute geht gar nichts", ist seine Überzeugung. Freitags und samstags spielt zudem eine Band klassischen Schlager. Das neue Angebot machte zunächst per Mund-zu-Mund-Propaganda in Bremerhaven „und umzu“ die Runde; dann entdeckten Firmen die Location als idealen Platz für stilvolle Weihnachtsfeiern. Mittlerweile steht ein Besuch im Treffpunkt bei Reiseanbietern im Programm.

Daran soll sich auch in den nächsten Jahren nichts ändern. Mancher hat den Wirt schon bedrängt: "Schmeiß den ganzen Krempel doch raus und mach hier 'n vernünftiges Lokal draus." Andere wiederum wollen ihm noch mehr maritime Dekoration aufschwatzen. "Manches habe ich noch gekauft, aber es muss in den Gesamtrahmen passen", sagt Benecke. Und wieder sagt er das, was er immer wieder gerne betont: "Wir sind ja kein Museum." Und ein reines Tourismusprojekt will er aus seinem Laden auch nicht machen: "Wir waren Hafenkneipe und irgendwie bleiben wir es auch."

5.480 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Mehr unter: www.treffpunktkaiserhafen.de

Pressekontakt:

Martin Benecke

Inhaber Treffpunkt Kaiserhafen


Erstellungsdatum: 28.10.2014