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Der grüne Virus

Der grüne Virus grassiert wieder. Er erfasst fast jeden, der mit der "Alexander von Humboldt II" in See sticht. Mit einem neuen Konzept steuert Deutschlands jüngster Windjammer auf Erfolgskurs.

Gemeinschaft. Tradition. Ehrfurcht. Wertschätzung. "Klingt ein bisschen alt", meint Oliver zu solchen Werten. "Wenn man einmal dabei gewesen ist, versteht man es aber", schiebt der 18-Jährige nach einer Pause hinterher. "Dabei sein" – das ist ein Törn auf dem Bremerhavener Dreimaster "Alexander von Humboldt II". Oliver, der seinen vollen Namen nicht nennen möchte, hat ihn im vorigen Herbst absolviert; ein Geschenk seines Arbeitgebers für die 20 Besten des Ausbildungslehrgangs. Viele seiner Mitsegler waren anfangs skeptisch, nicht nur wegen der Werte, die während der Reise vermittelt werden: "Eine Woche lang nicht telefonieren, kein Internet, krass, das schockt nicht." Doch die anfängliche Skepsis legte sich: Er will wieder einen Törn machen.

Die Idee zum "Schiff für die Jugend" stammt aus der Mitte der 1980er Jahre. Entwickelt wurde sie in Bremerhaven von einer Handvoll Nautiker und Unternehmer. Mit tatkräftiger Unterstützung einer Bremer Brauerei und eines Hafenunternehmens ließen sie das damals 80 Jahre alte Reserve-Feuerschiff "Sonderborg" zum Dreimaster "Alexander von Humboldt" umbauen. Windjammer waren damals hoch im Kurs. In den fast 30 Jahren, in denen die "Alex" unter grünen Segeln auch als Werbeikone unterwegs war, "haben mehr als 35.000 Mitsegler die Faszination eines Windjammer-Törns kennen und lieben gelernt", weiß Jürgen Hinrichs, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Sail Training (DSST), die das Schiff bereedert.

Ziel der Stiftung: Jungen Menschen die Werte traditioneller Seemannschaft zu vermitteln. "Ich hab erst gar nicht gewusst, was die von mir wollten", räumt Oliver ein. In Zeiten, in denen soziale Netzwerke nicht mehr real, sondern vor allem virtuell gesponnen werden, scheint den Idealen der traditionellen Seemannschaft wie Teamgeist, Verlässlichkeit und Gleichheit eher der Geruch von Mottenkugeln anzuhaften. Doch weit gefehlt: "Wir spüren eine deutlich wachsende Nachfrage bei jungen Menschen", sagt Hinrichs.

"Auf sich selbst und das Schiff konzentrieren"

Trainees heißen diese jungen Leute an Bord, wenn sie das erste Mal auf Deck eines Windjammers stehen. Erstaunlich ist es, wie schnell dabei auch aus überzeugten Internet-Surfern wie Oliver Segler werden. "Da war richtig Action", erinnert sich Oliver an den Moment, als ihn die Faszination Segeln packte. Am zweiten Törntag zog Starkwind auf, die Wellen wurden höher: "Auf einmal merkt man, dass man sich voll auf sich selbst und das Schiff konzentrieren und auf die anderen an Bord verlassen muss", staunt Oliver über den eigenen Sinneswandel.

"Aktivurlaub abseits des Massentourismus" heißt das in den offiziellen Informationen der DSST, die sich in den vergangenen zwei Jahren neu ausgerichtet hat. Auslöser war der Wechsel von der "Alex 1" zur "Alex 2". 2011 wurde das legendäre Original durch einen kompletten Neubau ersetzt – die erste Bark, die seit dem Bau der "Gorch Fock" 1958 wieder in Deutschland auf Kiel gelegt wurde. Mit dem Neubau wollte die Stiftung an den Erfolg der Vorgängerin anknüpfen. "Die 'Alex 2' ist ein sehr modernes Schiff, das hervorragend segelt und mehr Komfort bietet als ihre Vorgängerin", sagt Jürgen Hinrichs. "Zugleich ist sie aber auch ein klassischer Großsegler, der ganz in der Tradition der alten Windjammer steht."

Dennoch konnte das Nachfolgeschiff "Alexander von Humboldt II" zunächst nicht annähernd an die Erfolgsgeschichte anknüpfen, als der 65 Meter lange Dreimaster in Dienst gestellt wurde. Gegen den guten Ruf der Vorgängerin kam die neue "Alex" nicht an: Obwohl die grüne Bark als Restaurant- und Hotelschiff in Bremen vor Anker gegangen ist, ist sie als "Beck’s-Schiff" nicht nur Biertrinkern weiterhin ein Begriff. Die alte "Alex" ist bekannt aus den Fernsehspots, in denen Joe Cocker "Sail away" als die Hymne auf Freiheit und Abenteuer schlechthin röhrte.

Unter grünen Segeln

Das lahmende Interesse an der "Alex 2" ließ anfangs vermuten, dass Freiheit und Abenteuer nicht mehr hoch im Kurs stehen. Anders als zunächst befürchtet, erwies sich der anfängliche Einbruch in den Buchungszahlen jedoch nicht als grundsätzliches Problem, sondern als Auswirkung eines "Themas, das wir völlig unterschätzt haben", ist Hinrichs überzeugt. Die neue "Alex" hatte zunächst weiße Segel. "Damit hatten wir kein Merkmal mehr, das uns von all den anderen Großseglern unterscheidet", meint der DSST-Vorsitzende. Oliver allerdings war die Farbe der Segel egal: "Allein der Anblick ist gigantisch, wenn man unter einem Berg von Segeln steht."

Dass die Buchungszahlen seit dem Wechsel zu einem neuen, flaschengrünen Segelkleid und auch die Wahrnehmung in den Medien wieder wachsen, scheint die Theorie zu bestätigen. "Unser Herzblut ist grün", heißt es seither wieder in der Stammbesatzung von rund 1.000 Matrosen und Offizieren, die die "Alex" in Fahrt halten. Die große Zahl von Freiwilligen und Ehrenamtlichen ist unverzichtbar für die DSST. Neben den Trainees als zahlenden Gästen braucht die "Alex" rund 25 erfahrene Crew-Mitglieder, um sicher auf Fahrt zu gehen: "Bei 35 bis 40 Törns pro Jahr ist ein entsprechend großer Pool an Mannschaftsmitgliedern erforderlich", erläutert Hinrichs.

Wir-Gefühl breitet sich schnell aus

Der "grüne Virus" ist es, der diese 1.000 Crewmitglieder aus ganz Deutschland, dem angrenzenden europäischen Ausland und sogar aus den USA infiziert hat und nicht mehr von der "Alex 2" loslässt. Der "grüne Virus" ist nicht sichtbar und nicht greifbar; es ist der Geist und die Atmosphäre, die während eines Törns auf der "Alex 2" herrschen. "Zum einen gehört dazu das unmittelbare Erlebnis der Natur und der Elemente, egal ob es sonnig ist, regnet oder stürmt“, sagt Jürgen Hinrichs. "Zum anderen ist es dieses Wir-Gefühl, das sich ganz schnell an Bord ausbreitet."

Hinrichs weiß aus eigener Erfahrung, wovon er spricht. Bevor der pensionierte Schifffahrtskaufmann vor knapp drei Jahren in die DSST eintrat, hatte er mit Windjammern wenig am Hut. An Bord der "Alex 2" ging er erst knapp vier Monate nach der Wahl zum Vorsitzenden. "Der 'grüne Virus' hat mich sofort gepackt", lacht Hinrichs, "und er lässt einen auch nie wieder los." Zu Zeiten der alten "Alex" gab es den "grünen Virus" zwar auch schon; doch er verbreitete sich still und leise, seine Nahrung hieß "Schiff für die Jugend", "Tradition und Seemannschaft" oder "Charakterbildung und Verantwortlichkeit". Heute präsentiert sich die "Alex 2" bunter, fröhlicher und moderner. Abenteuerlust, Entdeckergeist, Gemeinschaftserlebnis und Einzigartigkeit sind ihre Attribute. Längst hat die DSST ihre Marketingstrategien professionalisiert, arbeitet mit Reiseanbietern zusammen und hat große Unternehmen gewonnen, die die "Alex 2" komplett und manchmal gleich für mehrere Wochen chartern. "Wir haben nicht nur wieder sehr gute Buchungszahlen", sagt Hinrichs: "Der Anteil an Jugendlichen ist mittlerweile um ein Drittel höher als zu besten Zeiten der alten Alex."

Oliver gehörte einer dieser Firmengruppen an; mittlerweile ist er auf dem Weg, Mitglied der Stammcrew zu werden. Vielleicht ist er mit dabei, wenn die "Alex 2" 2016 in der Karibik segelt. Ob es dort sei wie in "Fluch der Karibik" und ob er Capt'n Jack Sparrow treffe, werde er in seinem Blog schreiben, kündigt er schon mal an.

Zeichen: 7.410, Autor: Wolfgang Heumer

Mehr unter: www.alex-2.de

Pressekontakt

Anja Lebenhagen

Deutsche Stiftung Sail Training

info[at]alex-2.de

Erstellungsdatum: 21.08.2015