Sie sind hier:

Die Welt im Briefmarkenformat

Der erste deutsche ICE für 60 Pfennig, das Bauhaus Dessau für 1,60 Euro: Es gibt nichts, was Sibylle und Fritz Haase nicht auf wenigen Quadratzentimetern unterbringen könnten. Die beiden Designer entwerfen Postwertzeichen. Mit rund 120 veröffentlichten Exemplaren gehören sie zu den führenden Briefmarkengestaltern Deutschlands.

Vor 37 Jahren fing alles an. Damals hatten sich die beiden Inhaber des Bremer Ateliers für Gestaltung Haase & Knels schon über die Grenzen Deutschlands hinaus einen Namen in der Grafikerszene gemacht, als die erste Anfrage der Deutschen Bundespost zur Gestaltung einer Sondermarke kam. "Da kann man sich nicht einfach bewerben, sondern man wird aufgefordert, sich an einem Wettbewerb zu beteiligen", berichtet Fritz Haase. Wem eine solche Aufforderung zuteilwird, der hat es in die erste Liga der hiesigen Grafikdesigner geschafft – keine Frage also, dass der Professor für Grafikdesign und Fotografie gemeinsam mit seiner Ehefrau Sibylle Haase, geborene Knels, die Herausforderung annahm. Und gleich einer der ersten Versuche wurde zu einem vollen Erfolg: Die beiden setzten sich gegen ihre Mitbewerber durch und entwarfen zwischen 1978 und 1980 alle 24 Marken einer Serie zum Thema Luftfahrt.

Bis heute folgten etwa hundert weitere veröffentlichte Marken mit einem breiten Themenspektrum, das vom Schloss Bellevue bis zum Tierfilmer Bernhard Grzimek und von den Seenotrettern bis zur Kunstschau documenta reicht. "Das ist das Schöne daran", sagt Sibylle Haase. "Wir beschäftigen uns mit Dingen, mit denen man üblicherweise nichts zu tun hat. Dabei erfahren wir ganz viel über Land und Leute." Natürlich gebe es gelegentlich Themen, an denen das persönliche Interesse zunächst nicht übermäßig groß sei. "Aber dann versuchen wir, da etwas herauszuholen und eine andere Sicht zu finden." Bisher sei das immer gelungen. Deshalb sei die Recherche auch besonders wichtig. Diese führe sie häufig quer durch das ganze Land, erzählt die Grafikdesignerin: "Die Idee zur konkreten Umsetzung kommt dann irgendwann ganz von selbst."

Botschafter des Landes

Briefmarken seien "Spiegel der Zeit, Botschafter unseres Landes, Wohltäter und kleine Kunstwerke", schreibt das seit 1998 als Herausgeber fungierende Bundesfinanzministerium auf seiner Internetseite. Ziel aller Marken-Ausgaben ist es, wichtige Ereignisse, bedeutende Persönlichkeiten und besondere Jubiläen zu würdigen. Von den etwa 500 Themenvorschlägen, die jedes Jahr beim Ministerium eingehen, werden ungefähr zehn Prozent verwirklicht. Dabei macht sich ein Programmbeirat Gedanken über die Themenauswahl, bevor ein Kunstbeirat schließlich die grafische Qualität der Entwürfe beurteilt. Um die Gestaltung der Marken kümmern sich bundesweit aktuell rund 100 Grafiker: Jeweils sechs bis acht von ihnen werden gebeten, Entwürfe zu den einzelnen Themen einzureichen.

"Reich werden kann man damit nicht", erzählt Sibylle Haase, die gemeinsam mit ihrem Mann in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 125 Auszeichnungen für die Gestaltung von Plakaten, Verpackungen und Erscheinungsbildern verbuchen konnte. "Aber es ist eine Ehre, dabei sein zu dürfen." Fritz Haase bezeichnet die Arbeit an den Miniaturwerken gar als "reine Leidenschaft". Auch er, der als kleiner Junge selbst Briefmarken gesammelt hat, ist nach all den Jahren noch mit erkennbarer Begeisterung bei der Sache. Sich für ein Lieblingsmotiv zu entscheiden, fällt ihm schwer: "Wir machen das alles mit gleicher Hingabe, da ist nichts Routine." Nach einigem Nachdenken sagt er dann, die 55-Cent-Marke von 2004 mit dem Dampfer "Bremen" gehöre auf jeden Fall zu seinen Top-Favoriten.

Die Vorarbeiten dafür waren damals mit bestimmten Herausforderungen verbunden: Genau 75 Jahre vorher hatte die "Bremen" das begehrte "Blaue Band" für die schnellste Atlantiküberquerung gewonnen – doch mit welchen Farben war das Schiff im Jahr 1929 bemalt? Und welche Gebäude waren bei seiner Ankunft in New York in der dortigen Skyline zu sehen? "Eine Briefmarke ist so klein, aber es darf nicht der geringste Fehler darauf sein", betont Fritz Haase. "Irgendwo gibt es immer jemanden, der es merkt, wenn irgendetwas nicht ganz genau richtig ist."

Filigrane Detaildarstellung

Denn dass Deutschland ein "Land von Spezialisten" ist, wie der Professor es nennt, haben er und seine Frau schon das ein oder andere Mal erfahren: Nach Veröffentlichung der Kurt-Weill-Marke im Jahr 2000 meldeten sich Fans des 50 Jahre zuvor verstorbenen Komponisten und beschwerten sich, in der Darstellung wirke dieser wie ein Barpianist. Beim Zeppelin LZ 1 war 1978 angeblich eine Gondel falsch montiert, und beim Bauhaus Dessau fertigten die beiden Designer auf eigene Kosten eine überdimensionale Architekturzeichnung an, um zu belegen, dass der Schriftzug auf der Briefmarke dem Original entsprach. Doch überwiegend wurden die in Bremen entworfenen Marken vom Publikum sehr positiv aufgenommen. Beleg dafür ist auch der zweifache Gewinn des von Sammlern vergebenen Titels "Schönste Briefmarke des Jahres". 1989 gelang das mit der 60-Pfennig-Marke "100 Jahre Künstlerdorf Worpswede", fünf Jahre später mit der 100-Pfennig-Marke "Ausländer in Deutschland: Miteinander leben".

Von der Herangehensweise unterscheide sich die Gestaltung einer Briefmarke kaum von der eines Plakats, meint Sibylle Haase. Die Darstellung von Details müsse allerdings filigraner sein, wenn ein Motiv in dieser geringen Größe erkennbar bleiben solle. Am deutlichsten hat sich die Arbeit des Designer-Paars im Laufe der Jahrzehnte durch die technische Entwicklung verändert. "Früher war das reine Handarbeit, da mussten wir alles selbst zeichnen", erläutert Fritz Haase. "Das grenzte manchmal an turnerische Übungen, wenn wir mehrere Folien übereinandergelegt haben, um die Schrift auf das Motiv zu bekommen." Längst hat der Computer einiges vereinfacht. Das Malen haben die beiden bis heute nicht aufgegeben, aber jetzt können sie zusätzlich auch auf Fotos zurückgreifen und die grafischen Elemente am PC bearbeiten, bevor das Endprodukt schließlich in den Druck geht.

Woran die beiden aktuell arbeiten, dürfen sie nicht sagen: Das Finanzministerium verlangt absolute Verschwiegenheit bis zur offiziellen Präsentation einer neuen Marke. Fest steht, dass die beiden in manchen Fällen besonders gespannt auf das Ergebnis einer Ausschreibung warten – und zwar dann, wenn sie zuvor einen internen Wettbewerb aus dem Projekt gemacht haben. Zu jedem Thema müssen nämlich drei unterschiedliche Entwürfe eingereicht werden, "und manchmal treten wir auch als Konkurrenten an", berichtet Fritz Haase. Zu Ehekrisen hat das bislang noch nie geführt. "Wir freuen uns, wenn der andere gewinnt", sagt Sibylle Haase. "Da sind wir ganz neidlos."

Zeichen: 6.716; Autorin: Anne-Katrin Wehrmann

Mehr unter: www.haase-und-knels.de

Pressekontakt

Sibylle und Fritz Haase

E-Mail: s.haase[at]haase-und-knels.de

Erstellungsdatum: 28.09.2015