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Kurzfassung: Schwimmendes Denkmal

Schiffe erzählen Geschichte(n): die der Bremerhavener Bark "Seute Deern" steckt dabei voller Geheimnisse und Denkwürdigkeiten. Aber nicht nur deswegen gilt das größte erhaltene hölzerne Frachtsegelschiff der Welt, das das Flaggschiff des Deutschen Schiffahrtsmuseums (DSM) ist, als schwimmendes Denkmal einer ganzen Epoche.

Auf der Jungfernfahrt verschwand der Kapitän; die Besatzung musste schon im zweiten Hafen ausgetauscht werden. Zwischen den Planken quoll das Wasser durch; überall im Rumpf tickte der Holzwurm. Die Geschichte der "Seuten Deern" (plattdeutsch für "Süßes Mädchen") begann 1919 alles andere als glücklich. Kaum zu glauben, dass der 74 Meter lange Dreimaster im Bremerhavener Museumshafen heute, fast 100 Jahre später, als das größte erhaltene hölzerne Frachtsegelschiff der Welt gilt: "Ein Stück Technikgeschichte", schwärmt Schifffahrtshistoriker Dirk J. Peters.

Er kennt die "Seute Deern" wie seine Westentasche: Als Wissenschaftler des Deutschen Schiffahrtsmuseums hat er sich ausgiebig mit dem geschichtsträchtigen Windjammer beschäftigt.

Schiffe wie die "Seute Deern" dokumentieren "eine bedeutende industrielle Epoche an der Küste und sind zudem Zeugnisse des beginnenden Welthandels", sagt der 65-jährige Experte. Schon ein einziges Schiff wie die "Seute Deern" enthält Geschichten für ein ganzes Buch. Seine Bauweise entspricht jener Schiffbauerkunst, die Bremerhaven ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten deutschen Werftenstandorte machte. Mehr als 250 solcher Tiefwassersegler wurden an der Weser gebaut.

Viele Wandlungen durchgemacht

Gebaut wurde die "Seute Deern" allerdings in den USA, als "Elisabeth Bandi". Zunächst kam der Windjammer nach Finnland und wurde dann an die Hamburger Reederei Essberger verkauft – schon damals war Schifffahrt ein globales Geschäft. Der weitere Kurs als Holzfrachter und Schulschiff führte den Großsegler auf die Ostsee. Nach Kriegsende wurde es zum Hotel-und Restaurantschiff umgebaut. "Selten hat ein Schiff so viele Wandlungen mitgemacht", meint Peters: "Gerade deshalb ist es so bemerkenswert, dass es als einziges Exemplar einer ganzen Gattung von Schiffen erhalten geblieben ist."

Der Historiker kennt die Schifffahrt in den vergangenen Jahrzehnten und die Geschichte des modernen Schiffbaus im Detail. Vor der Wende dokumentierte er alle westdeutschen Werften und ihre Technik; nach der Wende reiste er im Osten von Werft zu Werft. Dass er sich als Historiker der Schifffahrt und dem Schiffbau verschrieben hat, ist Zufall. Seine Eltern hofften, dass er ihr kleines Bauunternehmen übernimmt. Stattdessen lernte er auf einer Werft Maschinenschlosser.

Anschließend studierte Peters Geschichte mit dem Ziel Lehramt. Den Weg in die Schifffahrtsforschung wies ihm sein Doktorvater, der ihm anbot, seine Dissertation über die Geschichte des Schiffbaus in Bremerhaven zu schreiben. So kam er 1980 als Wissenschaftler ans Deutsche Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven. Zu dem Zeitpunkt lag die "Seute Deern" bereits 14 Jahre im Alten Hafen der Seestadt. Der Hamburger Reeder John T. Essberger hatte den Dreimaster zuvor gleich nach dem Krieg zum Hotel- und Restaurantschiff umbauen lassen, 1954 wurde das Schiff von Hamburg ins niederländische Delfzijl verkauft. "Erst einige Jahre später wurde den Hamburgern bewusst, dass sie ein bedeutendes maritimes Kulturdenkmal und Wahrzeichen ihrer reichen Schifffahrtstradition verloren hatten", meint Peters.

Beliebtes Restaurantschiff

Als Ersatz für den verlorenen Schatz holten die Hamburger die Bremerhavener Bark "Rickmer Rickmers" in die Hansestadt; die einst Hamburger "Seute Deern" machte dagegen in Bremerhaven fest. "Die "Seute Deern" war das erste Schiff für das maritime Freilichtmuseum, aus dem sich später das Deutsche Schiffahrtsmuseum entwickelt hat", weiß Peters. Mittlerweile ist der Dreimaster das Flaggschiff des DSM und ein beliebtes Restaurantschiff.

Als Leiter der Abteilung "Schifffahrt im Industriezeitalter" im DSM weiß Peters alles über das Schiff – und kennt die Probleme des hölzernen Seglers. Eine Restaurierung wäre dringend erforderlich, sagt Peters. Aber das DSM hat dafür zurzeit kein Geld; es muss sich auf seine wissenschaftlichen Aufgaben als eines von neun nationalen Forschungsmuseen in der Leibnitz-Gemeinschaft konzentrieren. Peters ist zwar 2014 in den Ruhestand gegangen, kennt jedoch das Dilemma des Museums. Andererseits weiß er wie kein anderer um die Symbolkraft der "Seuten Deern": "Historische Technik funktioniert auch ohne Computer", sagt Peters: "Das droht aber in Vergessenheit zu geraten, wenn ich keine Originale mehr habe." Er hofft deshalb darauf, dass sich zum langfristigen Erhalt des Schiffes eine Initiative bildet – ähnlich der, die sich einst dafür einsetzte, dass die "Seute Deern" nach Bremerhaven kam.

Zeichen: 4.803; Autor: Wolfgang Heumer

Mehr unter: www.seutedeern.de und www.dsm.museum/ausstellung/museumshafen/seute-deern.395.de.html

Pressekontakt

Dr. Dirk J. Peters

Industriearchäologe und Technikhistoriker

E-Mail: petersrehe[at]nord-com.net

Erstellungsdatum: 28.09.2015