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Der unbequemen Wahrheit auf der Spur

Eis zieht ihn an: Kaum jemand kennt die Polarregionen besser als der Bremerhavener Wissenschaftler Peter Lemke. Doch die Gebiete sind vom Klimawandel bedroht. Ob dieser zumindest begrenzt werden kann, entscheidet sich bei der Weltklimakonferenz vom 30. November bis 11. Dezember 2015 in Paris.

Symbolhaltiger kann eine Szene kaum sein: Als Professor Peter Lemke zum Abschluss seiner letzten Winterexpedition in die Antarktis ein Stück allein aufs Eis hinausging, "kam eine kleine Gruppe Pinguine und stellte sich vor mich". Es schien, als wollten sich die befrackten Vögel von dem Bremerhavener Wissenschaftler verabschieden, der die eisigen Enden der Erde so häufig besucht hat.

Nirgendwo sind die Veränderungen durch den Klimawandel stärker zu spüren als in den Polarregionen; auch der Lebensraum der Pinguine gerät zunehmend in Gefahr. "Im Moment laufen wir auf das schlimmste Szenario zu, dass wir im Weltklimabericht angenommen haben", unterstreicht Lemke. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts könnte sich die jährliche Durchschnittstemperatur der Atmosphäre an der Erdoberfläche um vier Grad Celsius erhöhen. "Das hätte auch für unseren Alltag hier in Mitteleuropa gravierende Folgen", warnt Lemke.

Einer der ersten Klimaforscher

Der 69 Jahre alte Physiker ist kein Mensch, der mit großen Gesten Düsteres prophezeit. Leise, kurz und verständlich skizziert Lemke Grundlagen, Erkenntnisse und Prognosen. Der parallele Anstieg der Kohlendioxid-Emissionen und der Durchschnittstemperaturen auf der Erde, das Abschmelzen der Eismassen in den Polargebieten und auf den Bergen, Dürrekatastrophen und schwere Überschwemmungen auch in den gemäßigten Breiten, steigende Meeresspiegel – aus Lemke spricht profundes Wissen, das jedes aufgeregte oder mahnende Wort überflüssig macht.

Die Basis für dieses Wissen reicht bis ins Jahr 1975 zurück. Nach dem Physikstudium ging Lemke als erster Doktorand an das gerade gegründete Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg: "Damit habe ich etwas Sinnvolles gemacht", sagt Lemke rückblickend. Dort lernte er die Klimawissenschaften kennen und schätzen. Wie sinnvoll und notwendig die Klimawissenschaften sind, erschloss sich seinerzeit nur Insidern. Der Klimawandel war unter Fachleuten zwar zunehmend Thema – aber mehr von Zweifeln und Fragen begleitet als von Antworten.

30 Jahre später waren die Zweifel beseitigt. Das unterstreicht eine kleine Urkunde in Lemkes Büro im Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI). Neben einem Regal voller wissenschaftlicher Publikationen, Datensammlungen und Fachliteratur fällt das DIN A4-Papier kaum auf. "Das ist die Urkunde für den Friedensnobelpreis", sagt Lemke eher beiläufig. Doch in seiner Stimme schwingt dabei das Wissen um die Anerkennung mit, die das Papier bedeutet, aber auch um die darin steckende Verpflichtung. "Den Preis haben wir 2007 bekommen." Wir – das sind der Weltklimarat IPCC und der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore, die zusammen der Welt "Eine unbequeme Wahrheit" (so der Titel von Gores preisgekröntem Dokumentarfilm) vor Augen hielten.

Internationale Anerkennung

Peter Lemke gehört zu jenen, die die unbequeme Wahrheit wissenschaftlich untermauert haben. Für den "Vierten Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC)", durch den dem IPCC die Ehrung des Nobelpreises zuteilwurde, hat er die Beiträge über die wissenschaftlichen Beobachtungen in den Schnee-, Eis- und Permafrostregionen koordiniert. Für die drei vorherigen Berichte lieferte er Beiträge; für den aktuellen Sachstandsbericht, der die wissenschaftliche Basis für die kommende Weltklimakonferenz in Paris bildet, war Lemke als "Review Editor" gewissermaßen für die Qualitätssicherung des Eis-Kapitels zuständig. Außerdem war er Leitautor für die Fakten-Zusammenfassung. Nur beiläufig erzählt er auch, dass er der bislang einzige deutsche Vorsitzende des Steuergremiums für das Weltklimaforschungsprogramm war.

Der Weg in die Spitzenpositionen der internationalen Klimawissenschaften führte ihn buchstäblich durch die Polarregionen der Erde. Sie sind Lemkes großes berufliches wie persönliches Interessengebiet. "Es ist die Region, in der man dem Wasser auf eindrucksvollste Weise gleichzeitig in allen Aggregatzuständen begegnet", sagt Lemke. Und: "Wasser ist faszinierend, denn es ist der Ursprung und die Grundlage des Lebens und gleichzeitig der wichtigste Stoff für Wetter und Klima."

Die Polarregionen sind mit ihren gewaltigen Eismassen entscheidende Einflussfaktoren für das Wetter und das Klima auf der Erde – allerdings lassen sie sich ihre Geheimnisse nur mühsam entlocken. Kaum jemand weiß das besser als Lemke, der 1989 erstmals an einer Expedition in die Antarktis teilnahm und anschließend noch neun weitere Forschungsreisen dorthin und in die Arktis unternahm. Extreme Witterungsverhältnisse begleiten die Wissenschaftler selbst während der Sommermonate. Noch schlimmer kann es im antarktischen Winter sein, in dem das Wetter einen jahrelang erarbeiteten Expeditionsplan durch extreme Stürme oder meterdickes Eis binnen weniger Stunden völlig umwerfen kann.

"Ehrfurcht vor der Natur"

Doch neben den Strapazen hat das wissenschaftliche Arbeiten dort auch seine faszinierenden Seiten. "Es ist schon ein Abenteuer", sagt Lemke, "und es lehrt einen die Ehrfurcht vor der Natur." In dem Buch "Der gefrorene Ozean", das er gemeinsam mit der Journalistin Stephanie von Neuhoff über den jüngsten Winteraufenthalt in der Antarktis schrieb, erinnert sich der Physiker an seine Premiere 1989: "Ich war überwältigt von der Schönheit und der Vielfalt der Natur. Was ich sah und wahrnahm – unsere Wahrnehmung geht ja immer über das reine Sehen hinaus – war mehr, als wir je verstehen werden."

Solche Impressionen wären schon für sich eine ausreichende Motivation, sich den Strapazen der Arbeit im Eis zu stellen. Für Peter Lemke kommt eine grundsätzliche Neugier hinzu: "Ich möchte die Welt verstehen." Diese treibende Kraft seines wissenschaftlichen Handelns hat ihn mit dem Erreichen des Ruhestandes nicht verlassen, im Gegenteil. Kaum war er 2014 aus seinem Amt als Leiter des Fachbereiches Klimawissenschaften am Alfred-Wegener-Institut ausgeschieden, heuerte Lemke erneut auf dem Forschungseisbrecher und AWI-Flaggschiff "Polarstern" an – allerdings nicht wie bei seinen vergangenen Expeditionen als Fahrtleiter, sondern als wissenschaftlicher Mitarbeiter. "Je mehr man lernt, desto mehr Fragen hat man."

"Klimaprognosen genauer als Wirtschaftsprognosen"

Eine Frage ist für Lemke jedoch bereits eindeutig beantwortet: "Der Klimawandel ist vom Menschen verursacht und wird zu gravierenden Veränderungen führen." Als Koordinator des Forschungsverbundes "Regionale Klimaveränderungen" (REKLIM) der Helmholtz-Gemeinschaft arbeitet er derzeit daran, die Auswirkungen des Klimawandels von den globalen Beschreibungen auf kleinere Einheiten herunter zu brechen. Immer wieder sieht er dabei seine Überzeugung bestätigt, dass die Erderwärmung sich noch auf ein statistisches Plus von zwei Grad Celsius begrenzen lässt: "Dafür wäre es erforderlich, dass es ab 2070 keine vom Menschen verursachten Kohlendioxid-Emissionen mehr gibt." Ob die 21. Weltklimakonferenz in Paris dafür die Weichen stellt, mag Lemke nicht prognostizieren. Aber er rät den Politikern, den Rat der Klimawissenschaftler ernst zu nehmen: "Unsere Prognosen sind ein Vielfaches genauer und zuverlässiger als jede Wirtschaftsprognose."

Zeichen: 7.450; Autor: Wolfgang Heumer

Mehr unter: www.reklim.de

Pressekontakt

Prof. Dr. Peter Lemke

Koordinator Helmholtz-Forschungsverbund Regionale Klimaveränderung

peter.lemke[at]awi.de

Erstellungsdatum: 20.11.2015