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Schnobbl passt auf

Schnobbl passt auf, damit nichts passiert. Das lernt jedes Kind, bevor es ins Krankenhaus St. Joseph-Stift Bremen kommt. Schnobbl ist ein orange-braunes Fantasiewesen mit Wuschelmähne, sein Erfinder ist ein Pfleger. Mit Hilfe des Kuschelgeschöpfs werden Kinder auf ihren Klinikaufenthalt vorbereitet, um ihnen Ängste zu nehmen.

An die Eindrücke seines ersten Krankenhausaufenthalts – eine Mandeloperation als Siebenjähriger – kann sich Raimond Ehrentraut noch genau erinnern. Er erzählt von den Lampen, mit denen man ihm in den Mund leuchtete. Von den vielen unheimlichen Instrumenten um ihn herum. Von den Aufforderungen, bei den Untersuchungen still zu halten. "Das war ein qualvolles Gruselszenario", sagt er. "Ich habe mich völlig ausgeliefert gefühlt."

Mittlerweile ist Raimond Ehrentraut 54 Jahre alt. Die Frage, wie sich Menschen im Krankenhaus fühlen, ist für ihn zu einem Lebensthema geworden. Als Schmerzmanager im Bremer St. Joseph-Stift kümmert er sich darum, dass Patienten bei Schmerzen nach festgelegten Standards behandelt werden. Ehrentraut ist Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin und schult als Experte für Schmerzmedizin Kollegen im Umgang mit Medikamenten und Behandlungsverfahren. "Früher lag es allein im Ermessen des Arztes, ob, wann und in welcher Dosis ein Patient Schmerzmittel bekam", sagt Ehrentraut. "Heute verstehen wir Schmerzbehandlung als gemeinsame Aufgabe von Ärzten, Pflegekräften und anderem medizinischem Personal."

Doch Schmerzbehandlung ist für ihn nicht nur eine medizinische Aufgabe. "Es geht auch darum, den Patienten gut auf das vorzubereiten, was mit ihm passiert. Das lindert Ängste und hilft, mit Schmerzen besser zurechtzukommen." Doch wie macht man das bei Kindern zwischen zwei und zehn Jahren? Für sie hat Raimond Ehrentraut den Schnobbl erfunden. Schnobbl ist viel mehr als ein niedliches Kuschelwesen. Hinter der Figur steckt ein ausgeklügeltes Konzept, um kleine Patienten auf ihren Klinikaufenthalt vorzubereiten.

Kinder erleben ein Krankenhaus anders

Jedes Jahr kommen rund 800 Kinder zwischen zwei und zehn Jahren ins Bremer St. Joseph-Stift. Dort werden Kinder in der Hals-Nasen-Ohren- und der Augenabteilung operiert. Der fünfjährige Ben aus Etelsen bei Verden ist einer der kleinen Patienten. Vor kurzem sind seine Rachenmandeln entfernt worden. Für Ärzte ein Routine-Eingriff, für Kinder ein Ereignis, das viele Ängste wecken kann. "Kinder erleben einen Krankenhaus-Aufenthalt oft anders als Erwachsene", sagt Ehrentraut. "Für sie ist nicht nur die Operation etwas Bedrohliches, sondern auch die Atmosphäre im Krankenhaus. Die Größe des Gebäudes mit endlosen, unübersichtlichen Gängen, die hektische Betriebsamkeit der Ärzte und Pfleger, die Medizintechnik um sie herum – das alles wirkt auf die meisten einschüchternd oder sogar bedrohlich." Hinzu komme oft noch die Sorge der Eltern, die sich auf die Kinder übertrage. "Es ist wichtig, all diese Ängste der Kinder ernst zu nehmen und zu mildern."

Bei Ben ist das offensichtlich geglückt. Er wirkt so, als sei der Krankenhaus-Aufenthalt für ihn eher ein spannendes Abenteuer gewesen. "Das war gut", sagt er, grinst und drückt seinen Plüsch-Schnobbl an sich. Den hat er von der betreuenden Krankenschwester geschenkt bekommen. "Er nimmt ihn immer noch jeden Abend beim Schlafengehen mit ins Bett", sagt Bens Mutter Carola Weilhammer. Sie und ihr Mann Frank waren angenehm überrascht, wie durchdacht das Krankenhaus versucht, Kindern die Angst vor dem Klinikaufenthalt zu nehmen. Schnobbl sehe mit seiner Wuschelmähne für Erwachsene ein bisschen so aus wie ein Mop mit Beinen, sagt Papa Frank Weilhammer. "Aber für Kinder ist er eine faszinierende Figur und hat gleichzeitig eine sehr beruhige Wirkung."

Hörspiel bereitet kleine Patienten auf die Klinik vor

Letzteres liegt auch an der Geschichte rund um die Schnobbls. Sie wird auf einer Hörspiel-CD erzählt, die Eltern ihren Kindern vor dem Klinik-Aufenthalt vorspielen sollen. Die Story handelt vom Reporter Toni Baroni, der hartnäckig versucht, geheimnisvollen Wesen im Krankenhaus auf die Schliche zu kommen – den Schnobbls. Eine spannende Geschichte für Kinder, kombiniert mit zwei Liedern zum Mitsingen. "Hey, hey – hoppe di poppel – schwobb di wobb, hier kommt der Schnobbl", heißt es in einem der Songs. "Ruft nach mir ein krankes Kind, ja dann komme ich geschwind." Die Botschaft an die kleinen Patienten ist klar: Die Schnobbls passen auf, dass euch nichts passiert. Ein modernes Märchen? Vielleicht. Aber eines mit einem wahren Kern, davon ist Raimond Ehrentraut überzeugt. "Die Schnobbls –das sind wir alle, das ganze Krankenhaus-Team."

Das Konzept legt fest, wie Kinder mit Schnobbl und dem Krankenhaus-Alltag vertraut gemacht werden sollen. Das Hörspiel bildet den Anfang. Die speziellen Schnobbl-Aufkleber und Stern-Spuren des emsigen Helfers weisen Kindern und Eltern den Weg durch die Klinik. Im Krankenzimmer wartet ein Schnobbl auf dem Bett des Kindes. Mit der weichen Plüschfigur lässt sich nicht nur gut kuscheln, die Kinder können sie auch als Kopfkissen benutzen. Im Aufwachraum hören sie nach der Operation die vertraute Musik aus dem Hörspiel und bei der Entlassung bekommt jedes Kind eine Schnobbl-Urkunde. Ehrentraut hat das Konzept erstmalig in Deutschland im St. Joseph-Stift eingeführt. Mittlerweile haben weitere fünf Kliniken die Schnobbls für ihre kleinen Patienten angeheuert.

Der zweifache Vater hat viele Überlegungen in das Konzept einfließen lassen: Eigene Erfahrungen, Verbesserungsbedarf bei der Versorgung von Kindern und Wünsche der Kollegen inspirierten ihn ebenso wie eine US-amerikanische Schmerzstudie. Diese belegt, dass Kinder nach Operationen weniger Schmerzen haben, wenn man mittels Phantasiereisen ihre Vorstellungskraft positiv lenkt. "Dieser Gedanke hat mich fasziniert und motiviert, ein Konzept zu entwickeln, das einfach strukturiert ist und sich leicht umsetzen lässt." Ehrentraut entwarf die Figur, die Geschichte und das Konzept und holte sich für die Komposition und den Gesang auf der Hörspiel-CD Unterstützung von einem in Psychologie ausgebildeten Liedermacher. Die Ehefrau übernahm die Sprechrolle der Krankenschwester und die Tochter unterstützte den Gesang.

Für sein außerordentliches Engagement erhielt Ehrentraut 2012 im Rahmen des Deutschen Schmerzkongresses die Auszeichnung "Pain Nurse des Jahres". Der englische Begriff "Pain Nurse" steht für Pflegekräfte, die auf Schmerztherapie spezialisiert sind und in diesem Bereich auch andere Krankenhaus-Mitarbeiter beraten und schulen. Die Jury hob dabei besonders Ehrentrauts innovatives Angst- und Schmerzprophylaxe-Konzept "Dolores" mit der Hauptfigur Schnobbl hervor.

Handlungsreisender in Sachen Schnobbl

Wenn Raimond Ehrentraut von den Schnobbls erzählt, schwingt eine Prise Humor mit – vor allem merkt man ihm an, dass er sein Konzept nicht nur als Marketinginstrument fürs Krankenhaus sieht. Die Schnobbls sind ihm ein Herzensanliegen. Mit seinem Beratungsangebot "HumanCare-Concepts" referiert er in ganz Deutschland zum Thema Schmerzmanagement und ist so zu einer Art Handlungsreisendem in Sachen Schnobbl geworden. Anhand der kleinen Helfer zeigt er auf, dass sich manche Abläufe im Krankenhaus ohne viel Zeit und Geld verbessern lassen. Schnobbl soll nicht nur den Kindern Mut machen, sondern auch den Klinik-Mitarbeitern. "Der Effizienz- und Kostendruck ist groß. Die Verantwortlichen müssen viele Herausforderungen meistern", sagt Ehrentraut. "Da tut es gut, wenn sich mittendrin mal etwas ohne große Umstrukturierungen erreichen lässt."

Bevor die Schnobbls ins St. Joseph-Stift einzogen, sei es für die Mitarbeiter oft schwer gewesen, verängstigte Kinder zu beruhigen. "Vor allem im Aufwachraum", erinnert sich Ehrentraut. "Viele Kinder haben lange geweint und geschrien." Heute geht es dort deutlich entspannter zu, und auf den Stationen müssen die Kinder nun eher auf andere Art beruhigt werden, weiß Ehrentraut. Denn so manch kleiner Patient tobt jetzt ausgelassen über den Krankenhaus-Flur.

Zeichen: 8.009, Autor: Thomas Joppig

Mehr unter: www.schnobbl.de und www.humancare-concepts.de

Pressekontakt

Raimond Ehrentraut

vertretungsberechtigter Geschäftsführer von HumanCare-Concepts UG

info[at]humancare-concepts.de

Erstellungsdatum: 18.12.2015