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Tanzen ist wie eine Sprache

Für Menschen mit Beeinträchtigungen ist der Weg in die betreute Werkstatt oft vorgezeichnet. Neele Buchholz macht vor, dass das so nicht sein muss. Die 24-Jährige macht mit bei "KompeTanz" - einem bundesweit einmaligen Tanzprojekt, das jungen Menschen mit Beeinträchtigung helfen will, auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Es ist Montag, die Vormittagsprobe fast vorbei. Neele Buchholz und Trudi Richardson schauen noch einmal konzentriert auf die Bewegungen, die Tänzerin Corinna Mindt gerade vormacht: Sie geht auf ihre Tanzpartnerin zu, ihre Vorwärtsbewegung geht nahtlos über in eine Drehung und die beiden driften auseinander. Nun ist Neele Buchholz dran. Der fließende Übergang ist für die 24-Jährige, die mit Down-Syndrom auf die Welt kam, knifflig. Sie probiert es noch einmal, zweimal. Dann sitzt auch bei ihr die fließende Bewegung. Sie nickt zufrieden. Weiter geht’s.

Sieben Frauen stehen an diesem Vormittag im Tanzsaal und proben für ein Stück. Neben der künstlerischen Leiterin Corinna Mindt blickt ihre gehörlose Kollegin Doris Geist auf das Ensemble und korrigiert. Noch hat das Tanzstück keinen Namen, es ist vielmehr in der gemeinsamen Entwicklung von "KompeTanz", einem Modellprojekt, das Schulabgängern mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen über die Tanzarbeit eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt eröffnen will.

Dafür hat der Verein "tanzbar_bremen" ein Konzept entwickelt, das bereits viele überzeugt hat. Die Idee: Die Teilnehmer lernen einen künstlerischen Betrieb von innen kennen, sie lernen eigenverantwortlich und im Team zu arbeiten, erleben, wie ein künstlerischer Prozess gemeinsam gelingt und werden parallel aktiv bei der Berufsorientierung begleitet. Das bundesweit einmalige Projekt wird für drei Jahre vom Amt für Versorgung und Integration Bremen gefördert. Auch die Agentur für Arbeit ist im Boot, indem sie junge Menschen mit Förderbedarf, die diese Maßnahme machen wollen, unterstützt. Je nach persönlichem Bedarf kann sie 18 Monate dauern.

"Ich strahle, wenn ich tanze"

Die Berufsorientierung hat Neele Buchholz bereits hinter sich, denn die junge Frau ist seit 2013 bei "tanzbar_bremen" angestellt, als Tänzerin und Assistentin. Ihr Werdegang ist Vorbild für das Modellprojekt. Gemeinsam mit Corinna Mindt hat sie bereits über 50 Mal das Tanzduett "Rosa sieht Rot" gespielt, auf Festivals, bei Tagungen, Jubiläen und Kongressen. "Für mich ist Tanzen wie eine Sprache", sagt Neele Buchholz. "Da fühle ich mich frei. Ich strahle, wenn ich tanze." Mit drei Jahren, erzählt sie, habe sie zum ersten Mal getanzt. Als sie später als Erwachsene zum offenen Training von "tanzbar_bremen" ging, wurde aus dem Hobby langsam ein Beruf. Auch für Corinna Mindt ist die tänzerische Arbeit im Tandem eine wertvolle Erfahrung. Noch nie habe sie ein Stück so häufig gespielt, sagt Mindt. Dem Kollektiv aus Tänzern, Choreografen, Pädagogen und Kulturschaffenden habe die große Nachfrage zudem gezeigt: Da ist ein Weg; inklusives Arbeiten funktioniert, wenn man die Rahmenbedingungen schafft. Stücke, Kurs- und Workshopangebote werden von Tandem-Teams gestaltet.

Vor dem Hintergrund der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung festgeschrieben hat, stoßen Ansätze wie dieser auf gestiegenes Interesse. Denn die Beteiligung auf dem Arbeitsmarkt ist im jetzigen System alles andere als leicht. Für Menschen mit einer Beeinträchtigung, die die Förderschule absolvieren, ist der Weg in die betreute Werkstatt oft vorgezeichnet. Hierzu Alternativen zu schaffen und Schulabgänger mit sozialen Kompetenzen auszurüsten, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind: Das ist das Ziel von "KompeTanz".

Mehr Selbstbewusstsein durch den Tanz

Seit April 2015 ist auch Trudi Richardson dabei. Nach der Förderschule stellte sich der 20-Jährigen die Frage: Was jetzt? Klar war: "Ich möchte nicht in der Werkstatt arbeiten." Durch ein Schulprojekt kannte sie "tanzbar_bremen", sammelte dann als Praktikantin erste Bühnenerfahrung mit dem Stück "Gemeinsam. Gemein. Sein", das sie mit Corinna Mindt und Neele Buchholz spielt. Jetzt ist sie Teil des Modellprojekts. "Hier lerne ich, selbstbewusster zu sein", sagt Trudi Richardson. Das Tanzen bietet ihr die Möglichkeit, sich einzubringen. Parallel geht es darum, Themen wie ihre Leseschwäche gezielt anzugehen. Die junge Frau nimmt an den Teamsitzungen teil und arbeitet manchmal am Computer. Zu ihren Aufgaben zählt aufzuschreiben, was sie täglich macht. Um das Lesen und Vorlesen zu üben, wurden Kinderbücher ausgesucht. Ihr großer Wunsch ist, einmal mit Kindern zu arbeiten. "Wir gucken, dass wir sehr nah an der Person dran sind", sagt Corinna Mindt. Es gehe darum auszuloten: Was kann ich, was nicht? Und welche Möglichkeiten gibt es auf dem Arbeitsmarkt mit den eigenen Fähigkeiten, aber ohne Ausbildung? Dieser Prozess und das Schulen von Schlüsselkompetenzen werden durch eine Diplom-Pädagogin begleitet.

Disziplin, Geduld und Teamarbeit

Was die tänzerische Arbeit dazu beitragen kann, zeigt sich beim Probenbesuch schon nach wenigen Minuten. Mut, an sich zu arbeiten, Disziplin, Teamarbeit und Geduld sind gefragt. Und auch sich zu präsentieren und sich etwas zuzutrauen. Die Teilnehmerinnen müssen sich aufeinander einstellen, wenn die Choreografie aufgehen soll – und sie müssen mit Kritik umgehen. Die Arbeit ist konzentriert: Während Corinna Mindt die Choreografie mittanzt, gibt ihre Kollegin Doris Geist in Gebärdensprache von außen Korrekturen in die Gruppe. Zwischen Körpersprache und Stimme wird wie selbstverständlich gewechselt.

"tanzbar_bremen" wurde einst mit dem Ziel der "Förderung von zeitgenössischem Tanz durch die Zusammenarbeit von beeinträchtigten und nicht beeinträchtigten Mitgliedern" gegründet. Das gemeinsame Entwickeln steht seither im Zentrum und wird sowohl vom Publikum als auch von den Mitarbeitern als Gewinn erlebt. Das Modellprojekt "KompeTanz" ist nun die nächste Stufe, frei nach dem Motto: Wenn gemeinsames Kulturschaffen möglich ist, dann sollten sich daraus auch alternative Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Beeinträchtigungen entwickeln lassen können. Drei Jahre haben die Macher Zeit, neue Wege der Inklusion zu gehen. Am Ende soll aus dem Projekt auch ein kreativwirtschaftliches Unternehmen entstehen, eine "Integrationsfirma". Im Portfolio haben sie schon jetzt: Aufführungen, Workshops, Kurse in Einrichtungen und Schulprojekte – immer in Tandem-Teams.

Zeichen: 6.458, Autorin: Astrid Labbert

Mehr unter: www.tanzbarbremen.com/kompetanz-bremen

Pressekontakt

tanzbar_bremen e.V.

infos[at]kompetanzbremen.de

Erstellungsdatum: 18.12.2015