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Seefeste Bergsteiger

Mit knapp neun Metern ist der Weserdeich die höchste Erhebung in Bremerhaven. Dennoch verfügt die Berufsfeuerwehr über 42 ausgebildete Höhenretter. Mit ihrer Bergsteiger-Montur seilen sie sich im Notfall auf hoher See in Schiffsladeräume oder von Windkraftanlagen ab.

"Angst?" Tim Bergmann denkt nur kurz über die Antwort nach: "Angst darf man als Feuerwehrmann nicht haben." Allerdings: "Man muss schon Respekt vor dem haben, was einem im Einsatz begegnen kann. Und man muss wissen, was man tut", schiebt der 42-Jährige hinterher. Für den Bremerhavener Brandamtmann und 41 seiner Kollegen trifft dies ganz besonders zu – denn im Alarmfall hängt ihr Leben allein an einem dünnen Seil. Die Männer bilden die Höhenretter-Gruppe der Berufsfeuerwehr in der Seestadt. Im Schnitt werden die Spezialisten alle zwei Wochen einmal gerufen. "Dann muss jeder Handgriff sitzen", betont Bergmann, der das Team leitet.

Feuerwehrleute in Bergsteigermontur – in einer Küstenstadt wie Bremerhaven wirkt das auf den ersten Blick befremdlich. Die Seestadt hat die Spezialtruppe aber nicht nur wegen der wenigen Hochhäuser hinter dem Weserdeich aufgestellt: "Für uns kommen noch die besonderen Anforderungen aus dem Hafenbetrieb, dem Schiffbau und aus der Offshore-Industrie hinzu", erläutert der Feuerwehr-Dezernent der Stadt Jörn Hoffmann. Rechnerisch sind 52 der 250 Feuerwehrbeamten allein für die Einsätze im Hafengebiet vorgesehen.

"Das Spektrum reicht von klassischen Betriebsunfällen und der Rettung von Verletzten über Gefahrguteinsätze an Land bis zu Bränden auf Schiffen", beschreibt Hoffmann stichwortartig den hafenspezifischen Aufgabenbereich. Dazu kommen mögliche Einsätze in den riesigen Montagehallen der Windkraftindustrie oder auf den Windkraftanlagen selbst. Zudem rückt die Bremerhavener Feuerwehr aus, wenn auf hoher See an Bord eines Schiffes ein Brand ausbricht. Speziell ausgebildete Brandbekämpfungseinheiten werden dann per Schiff oder Helikopter zum Einsatzort gebracht.

Kletterpartie auf Containerbrücken

"Gerade im Hafen und sogar auf hoher See gibt es immer mehr Einsätze, die ohne unsere Spezialgruppe gar nicht mehr zu bewältigen wären", sagt Bergmann. Vom Deck großer Containerschiffe geht es bis zu 20 Meter tief in die Laderäume; die Containerbrücken auf der Kaje ragen 60 Meter in den Himmel; die Türme der großen Windkraftanlagen am nördlichen Bremerhavener Stadtrand und auf hoher See sind rund 100 Meter hoch. "Es reicht schon, wenn sich jemand tief unten im Laderaum ein Bein bricht oder oben auf einem Turm oder einer Brücke einen Herzinfarkt bekommt – dann können Sie den Verletzten nicht mehr auf dem normalen Weg retten", beschreibt Bergmann ein Einsatzszenario: "Dann müssen wir ran." Gerufen wurde das Team auch, als im Mai 2015 der Ausleger einer Containerbrücke abknickte und auf ein Frachtschiff fiel.

Für ihre Aufgaben werden die Höhenretter ähnlich geschult wie professionelle Bergsteiger. 80 Stunden umfasst die Ausbildung, zu der praktische Übungen genauso gehören wie theoretisches Wissen, beispielsweise über Abseilgeräte. Zusätzlich müssen sich die Spezialisten pro Jahr 50 Stunden lang fortbilden und für ihre Einsätze trainieren. "Ein ganz wichtiger Faktor ist dabei die Eigensicherung, denn im Ernstfall ist jeder Höhenretter auf sich alleine gestellt", betont Bergmann. Wichtig ist dabei auch das Vertrauen in die Kameraden am Boden.

Spektakulär sind die Übungen an dem 86 Meter hohen Hotel- und Bürogebäude "Sail City" in den Havenwelten direkt am Weserdeich: Aus einem Büro zwei Stockwerke unter der Besucherplattform muss eine Person gerettet werden und anschließend auf dem Seilweg sicher zum Boden gebracht werden: Zunächst versorgt eine Einsatzgruppe den Patienten und packt ihn sicher in eine spezielle Transporttrage; dann seilt ihn das Team ab, begleitet wird der Patient von einem Retter, der die Trage sichert. "Unsere Feuerwehrleute sind auch als Rettungssanitäter oder Assistenten ausgebildet", sagt Hoffmann, "sollte sich der Zustand des Patienten auf dem Weg nach unten verschlechtern, kann der Höhenretter noch in der Luft erste Maßnahmen einleiten."

Ganze drei Minuten dauert die Rettung. Obwohl die Feuerwehrleute an dem Hotelgebäude ideale Arbeitsbedingungen vorfinden, erfordert die Übung die volle Konzentration und Kraft des Teams. "Jetzt stellen Sie sich das Ganze mal bei starkem Wind auf einer Containerbrücke oder an Bord eines schwankenden Schiffes vor", sagt Bergmann. Ganz wichtig sei bei diesen Einsätzen die gute Zusammenarbeit des vierköpfigen Höhenretter-Teams.

Sicherheit hat höchste Priorität

Eine zusätzliche Herausforderung steckt darin, dass die Höhenretter zumeist nicht wissen, welche Verhältnisse sie vor Ort vorfinden und wo sie ihr Geschirr anbringen können. Ob ein Haltepunkt für die Seile sicher hält oder nicht, entscheidet letztlich derjenige, der buchstäblich sein Leben daran hängt. "Aber für alles, was wir tun, gilt das Vier-Augen-Prinzip", erläutert Bergmann – selbst wenn die Höhenretter geübt ihre Spezialausrüstung anlegen, kontrolliert ein Teamkollege noch einmal den richtigen Sitz und den sicheren Halt aller Gurte, Karabiner, Klemmen, Seilbremsen und Falldämpfer. "Die gesamte Ausrüstung muss schon vor dem Ausrücken in der Fahrzeughalle angelegt werden, das ist die eiserne Regel", so Bergmann.

Trotz der besonderen Anforderungen muss keiner der Höhenretter Bergsteigererfahrung haben. "Ein paar von uns sind vielleicht im Urlaub häufiger mal in die Berge gefahren", meint Bergmann. Dass der Balanceakt an dünnen Leinen besonders gefährlich ist, weist Bergmann weit von sich: "Die Arbeit bei der Feuerwehr birgt für sich schon jede Menge Gefahren. Das wird auch nicht schlimmer dadurch, dass wir an einem Seil hängen."

Zeichen: 5.732, Autor: Wolfgang Heumer

Mehr unter: www.feuerwehr-bremerhaven.de

Pressekontakt

Stefan Zimdars

Pressesprecher der Feuerwehr Bremerhaven

stefan.zimdars[at]magistrat.bremerhaven.de

Erstellungsdatum: 19.01.2016