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Kurzfassung: Werft ohne Schiffe

Hopfenanbau in Norddeutschland? "Klimatisch geht das prächtig", sagt Michael Scheer. In seinem Stadtgarten-Projekt "Gemüsewerft" im Hafenquartier in Bremen-Gröpelingen gedeiht nicht nur das grüne Gold; dort wachsen auch Kartoffeln, Buschbohnen und demnächst Austernseitlinge.

In dieser Oase in Bremen-Gröpelingen ist der Industriehafen zwar nicht zu sehen, aber zu hören. Nur 200 Meter liegt das Hafenbecken F entfernt. Zur Geräuschkulisse gehört auch der Verkehr einer vielbefahrenen Straße. "Wir sind quasi im Hafengebiet", sagt Michael Scheer. "Gemüsewerft" heißt sein soziales Stadtgarten-Projekt. Auf 2.500 Quadratmetern ehemaliger Brachfläche wachsen seit zwei Jahren alte Kartoffelsorten sowie Buschbohnen, Rüben, Grünkohl, Äpfel, Erdbeeren und nicht zu übersehen: Hopfen.

"Mein Anliegen ist es, innerhalb der Stadtgrenzen Lebensmittel herzustellen und zu verbrauchen", sagt der 47-Jährige. Die Gemüsewerft ist eines der größten sozialen urbanen Gartenbauprojekte in Deutschland und Teil der gemeinnützigen "Gesellschaft für integrative Beschäftigung". Diese bietet psychisch kranken und beeinträchtigen Menschen niedrigschwellige Jobs an, vor allem im Café Brand. Dort werden täglich Frühstück, Mittagstisch und Kuchen angeboten. Scheer, der Geschäftsführer der Gesellschaft ist, dachte sich, wie schön es wäre, einen Teil der Lebensmittel für das Café selbst im Stadtteil anbauen zu können. Die Wege wären kurz, und das Gärtnern würde der Zielgruppe – Menschen mit eingeschränkter Beschäftigungsfähigkeit – gut tun.

Hochbeete wegen der Schadstoffbelastung

Das passende Grundstück inklusive Tiefbunker war schnell gefunden. Es liegt nur wenige Hundert Meter vom Café Brand entfernt. Ein Jahr lang räumte die Gartencrew Schutt weg, entfernte Gestrüpp, verteilte frischen Mulch und zog Zäune. Gesät und Gepflanzt wird nun in Hochbeeten. "Ehemalige Industriebrachen haben ihre Geschichten", begründet Michael Scheer, der studierter Verhaltensforscher und Bioakustiker ist. "Wenn man professionell Gemüse anbauen will, muss man eine Schadstoffbelastung ausschließen können." Eine Förderung durch "Aktion Mensch" sicherte von Beginn an die Gestaltungsspielräume der Gemüsewerft. Weitere Stiftungs- und Fördergelder kamen dazu. Denn das Projekt kommt bei Entscheidern ebenso gut an wie bei potenziellen Abnehmern. Die Ernte wird an zwei Restaurants in der Stadt geliefert.

Im letzten Jahr wurden 1,2 Tonnen Gemüse, Obst, Kräuter und Hopfen geerntet. Für einen Bauern wäre das freilich ein Witz. "Aber in der Stadtgartenszene sind wir damit auf Platz zwei", sagt Scheer nicht ohne Stolz. "Nach fünf Jahren soll unser Unternehmen sich aus eigenen Mitteln tragen können." Auch deshalb plant er einen zweiten Standort im Stadtgebiet, ähnlich groß wie in Gröpelingen. Hopfen soll dort ebenfalls angebaut werden.

Der Anbau der Kletterpflanze war zunächst gar nicht geplant. Hier kommt Markus Freybler von der Bremer Braumanufaktur ins Spiel. Der Brauingenieur wollte ein "echtes" Bremer Bier herstellen, mit Hopfen aus der Hansestadt. Die Idee begeisterte Scheer. Auf dem Dach des Bunkers wurden in Kübeln die Hopfensorten Cascade und Hallertauer Tradition eingepflanzt. Das Ergebnis, das Craft Beer 'Ale No. 2', konnte acht Monate später erstmals gebraut und ausgeliefert werden. 5.000 Liter waren es, in diesem Jahr sollen es bis zu 15.000 Liter werden.

Bier mit Bremer Hopfen

Bis zu vier Meter hoch wird der Bremer Hopfen, im November wird per Hand geerntet. Auch wenn die größte Hopfenanbauregion der Welt im bayerischen Hallertau liegt, so sei die südliche Sonne für das gute Gedeihen nicht wichtig. "Klimatisch geht das auch in Bremen prächtig", sagt Scheer. "Das Bier schmeckt." Das findet auch Brauer Markus Freybler. "Geschmacklich müssen wir uns nicht verstecken", sagt er. Das Bier hat eine intensive Zitrusnote und ist kaum bitter. Überhaupt: Hopfen in Norddeutschland sei gar nichts Ungewöhnliches. "Wilder Hopfen wächst überall im Norden, auch in Bremen", so Freybler. Noch weiter nördlich, auf Sylt, wird ebenfalls seit einigen Jahren Hopfen professionell geerntet.

Der Hopfenanbau auf dem Dach des Tiefbunkers ist bereits eine Erfolgsgeschichte – die Zucht von Austernseitlingen eine Etage tiefer soll es erst noch werden. "Wir haben einen Pilzguru gefunden, der uns berät", freut sich Scheer. Dort, wo im Krieg Menschen Zuflucht suchten, sollen die Pilze demnächst von den Decken hängen. Scheer vermutet, dass die Nachfrage nach den Pilzen wieder größer sein wird als das Angebot – so wie bei der übrigen Ernte der Gemüsewerft auch.

Zeichen: 4.555, Autorin: Janet Binder

Mehr unter: www.gemüsewerft.de

Pressekontakt

Michael Scheer

Gesellschaft für integrative Beschäftigung mbH

scheer[at]gib-bremen.info

Erstellungsdatum: 19.05.2016