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Kurzfassung: Geschnippelt und gerührt

Über 50 und arbeitslos = chancenlos? Nein. Erika Siegel hat mit 51 Jahren eine klassisch-traditionelle Fischfeinkost-Produktion in Bremerhaven erfolgreich auf die Beine gestellt. Und beliefert jetzt auch Kunden in Wien.

Das Wort "Ich" benutzt Erika Siegel höchstens, wenn sie sagt: "Ich will arbeiten." Dass sie seit über fünf Jahren sieben Tage in der Woche arbeitet, findet sie dabei selbstverständlich. Über ihre Arbeit spricht sie dagegen fast nur in der Mehrzahl: "Wir schaffen das." "Wir" das sind zwölf Beschäftigte in der "Feinkost Siegel Marinaden-Manufaktur" im Bremerhavener Fischereihafen. "In vergangenen Jahr haben wir das erste Mal mehr als eine Million Euro Umsatz gemacht", freut sich Erika Siegel: "Und wir wachsen weiter mit einer Rate von 30 bis 40 Prozent."

17 Jahre lang hat die gebürtige Litauerin mit Bremerhavener Wurzeln in der Fischindustrie gearbeitet, zuletzt als Produktentwicklerin. Dann kamen die Kündigung, erfolglose Bewerbungen und eine Entscheidung: "Ich mache mich selbstständig." Da war sie 51. In Bremerhaven unternehmerisch "im Fisch" zu starten, klingt zunächst nicht sonderlich originell. Fachleute rieten ihr ab. Doch für Erika Siegel war es naheliegend: "Mein Leben ist Fisch", sagt sie: "Schon als Kind habe ich geangelt, die Fische ausgenommen und sie zubereitet."

Mild und bekömmlich

Die Manufaktur fertigt Feinkostsalate und Marinaden, wie sie seit bald 100 Jahren in der Bremerhavener Fischwirtschaft produziert werden. Während die Branche zunehmend auf Masse und Automatisierung setzt, geht die heute 56-Jährige den umgekehrten Weg. "Hier ist alles Handarbeit", sagt sie. Die Rezepturen kommen nicht aus den Laboren: "Die denke ich mir selbst aus." Mild und bekömmlich, ohne Konservierungsstoffe. "Ich habe zwar all meine Ersparnisse investiert, aber wenn das Geschäft nicht gelaufen wäre, hätte ich sofort wieder aufgehört."

Tatsächlich kam die Manufaktur schnell in Schwung – weil die Chefin gelaufen ist. "Ich bin den Fischhändlern hinterhergelaufen", schmunzelt sie. Die Händler, die in Bremerhaven ihre Rohware kaufen, "kannten weder meine Produkte noch mich, also habe ich jedem, den ich sah, Proben gebracht." Geschnippelt, gerührt, abgeschmeckt und verpackt hatte Erika Siegel die Produkte tags und nachts zuvor in ihrem Betrieb; morgens passte sie auf der Straße ihre Fischhändler-Nachbarn ab. Sie erntete manchen erstaunten Blick – und die ersten Aufträge.

"Irgendwann hat einer der Händler samstags von mehreren Salaten jeweils 30 oder 50 Kilogramm bestellt, die er am Montagmorgen abholen wollte", erinnert sich Erika Siegel. Ihr Mann erklärte sie für verrückt, stand aber beim nächtlichen Einsatz an ihrer Seite: "Pünktlich am Montagmorgen war die Ware fertig." Der Händler ist mittlerweile einer der besten Kunden, aber nur einer von vielen: "Wir liefern sogar bis nach Wien."

"Meine Mädels" als Erfolgsfaktor

Das Geheimnis des Erfolges steckt in den Produkten. Probiert wird im eigenen Unternehmen, Kritik ist ausdrücklich erwünscht. Zudem lässt sie Kunden verkosten. Die Produktion ist durch Flexibilität im Interesse der Kunden geprägt: "Der Preis für Nordseekrabben ist derzeit so hoch, dass wir für unsere Krabbensalat andere Arten nehmen, die wir eigens importieren lassen", nennt Erika Siegel als Beispiel. Rezeptur und Geschmack bleiben: "Aber der Preis ist so, dass der Salat für jedermann erschwinglich bleibt." Längst bestellen auch Großhändler bei ihr. Mittlerweile hat die Unternehmerin auch die kritischsten Fischkunden überzeugt: "Seitdem wir einen Ladenverkauf haben, stehen die Bremerhavener Schlange."

Der wichtigste Erfolgsfaktor sind der Chefin die Beschäftigten. "Meine Mädels" nennt Erika ihre Belegschaft. Ausgewählt hat sie die Mitarbeiterinnen nicht nach bestimmten Qualifikationen: "Hier muss ohnehin jede alle Tätigkeiten lernen und können." Entscheidend ist vielmehr: "Ich erkenne sofort, wer arbeiten will." Die Mindestlohn-Diskussion – sonst ein Thema in der Branche – berührt Erika Siegel nicht: "Ich habe von Anfang mehr als die meisten anderen Betriebe gezahlt." Nur sich selbst nahm sie dabei aus. Erst als das Unternehmen sicher lief, genehmigte sie sich das erste schmale Geschäftsführergehalt. Geld ist für sie letztlich keine Motivation: "Ich will arbeiten."

Zeichen: 4.275, Autor: Wolfgang Heumer

Mehr unter: www.feinkost-siegel.de

Pressekontakt

Erika Siegel

Geschäftsführerin Feinkost Siegel GmbH

info@feinkost-siegel.de

Erstellungsdatum: 22.06.2016