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Wie Kindergeld bei der Integration hilft

Das Steuerrecht macht es möglich: Gutverdienende Eltern profitieren wegen des Kinderfreibetrags von einer höheren Kinderförderung als Familien mit niedrigen Einkommen. Eine Gruppe Bremer findet das unangemessen. Sie haben die Deutsche Kindergeldstiftung gegründet, um die Chancengleichheit unter Kindern zu fördern.

Ein Vormittag an einer Grundschule im Bremer Stadtteil Vahr. In der Turnhalle jagen Kinder aus der vierten Klasse mit Hockeyschlägern einem kleinen gelben Ball hinterher. Das machen sie nicht, weil es ihnen der Stundenplan vorgibt, sondern weil sie sich freiwillig dazu entschieden haben. Die Hockey-AG ist Bestandteil der Sportakademie, in der unter dem Dach des Jugendhilfeträgers Sportgarten Bremen e.V. Schulen und Sportvereine kooperieren, um zusätzliche Bewegungsangebote für Schüler der Klassen eins bis zehn zu schaffen. "Bewegung ist enorm wichtig", macht Sportgarten-Vorstand Hanns-Ulrich Barde deutlich. "Sie fördert die körperliche, geistige und soziale Entwicklung und letztlich den Bildungserfolg von Kindern."

Ob Hockey oder Eishockey, Klettern oder Rugby, Reiten oder Tennis: Über die Stadt verteilt hat die Sportakademie mittlerweile 75 Angebote im Programm, die an Schulen selten zu finden sind. Insgesamt kommen so jährlich mindestens 6.500 Stunden zustande, von denen gut 1.000 Kinder und Jugendliche profitieren. Möglich ist das in diesem Ausmaß nur, weil das Projekt einen großen Sponsor hat: die Deutsche Kindergeldstiftung. Seit fünf Jahren unterstützt sie die Akademie und hat so einen wesentlichen Anteil daran, dass das Angebot auf weitere Stadtteile ausgedehnt werden konnte. "Das hat uns noch einmal einen großen Schub verliehen", sagt Barde. "Die Stiftung ist für uns ein sehr verlässlicher und wichtiger Partner."

Einfach (und) clever

Die Sportakademie ist eins von mehreren Projekten, die die Kindergeldstiftung in Bremen mit regelmäßigen finanziellen Zuwendungen fördert. Es war vor sechs Jahren bei einem gemütlichen Abend im Freundeskreis, als der Kaufmann Andreas Hüchting mit einigen anderen Bremern darüber diskutierte, was in der Gesellschaft nicht gut läuft und wo es Ungerechtigkeiten gibt. Kurz zuvor war er bei der Durchsicht seines Steuerbescheids zum ersten Mal darüber gestolpert, dass ihm das Finanzamt anstelle des beantragten Kindergeldes im Rahmen der automatischen "Günstigerprüfung" den Kinderfreibetrag in Höhe von gut 7.000 Euro für jedes Kind angerechnet hatte.

Unter dem Strich führt diese Regelung für Gutverdienende zu erheblichen Steuerersparnissen, die die Höhe des Kindergeldes deutlich übertreffen können – nach Berechnungen der Stiftung um bis zu 40 Prozent. "Die Frage ist ja ohnehin schon, ob Kindergeld für Familien mit hohen Einkommen überhaupt sinnvoll beziehungsweise gerecht ist", meint der 47-jährige Familienvater. "Und dann bekommen sie am Ende sogar noch mehr als alle anderen, da muss man doch etwas tun."

Der Kaufmann und drei weitere Mitstreiter wurden aktiv und gründeten innerhalb kürzester Zeit die Deutsche Kindergeldstiftung. Deren satzungsgemäßes Ziel ist seither die Unterstützung von neuen oder finanziell auf der Kippe stehenden Projekten in Bremen und Bremerhaven, die die Integration von Kindern und Jugendlichen fördern – durch Sprache, Bildung, Sport oder Teilhabe. Die Idee dahinter ist so einfach wie clever: Gutverdienende Eltern spenden regelmäßig einen Betrag in Höhe eines oder mehrerer Kindergelder von aktuell je 190 Euro im Monat für das erste und zweite Kind. Da sie diese Spenden später von der Steuer absetzen können und außerdem ja auch schon vom Kinderfreibetrag profitieren, bleibt ihnen am Ende des Jahres immer noch eine monatliche "Förderung" erhalten, die annähernd der Summe des Kindergeldes entspricht – eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.

Nachahmung willkommen

Dank ihres beruflichen und privaten Netzwerks ist es den Stiftungsmitgliedern gelungen, bisher 35 dieser monatlichen "Kindergeldspenden" einzuwerben, was bereits einen hohen jährlichen Betrag ergibt. Darüber hinaus sammeln sie bei Geburtstagen, Firmenfeiern und anderen Gelegenheiten zusätzliche Spenden und kommen so auf Beträge, mit denen sich viel Gutes tun lässt. Dabei fallen laut Hüchting bei der Stiftung durch den ehrenamtlichen Einsatz aller Beteiligten weder Verwaltungs- noch Personalkosten an. "Das alles ist so einfach, das kann jeder nachmachen", betont er. Tatsächlich habe es auch schon Anfragen aus anderen Städten gegeben: Konkrete Initiativen seien daraus aber bisher noch nicht hervorgegangen. "Wir würden unseren Namen und unser Logo zur Verfügung stellen und auch Tipps geben", sagt der Familienvater. "Aber es braucht einfach einige Engagierte, die ein Netzwerk haben und das Ganze dann auch durchziehen."

Insgesamt 400.000 Euro hat die Stiftung bis Ende 2015 an Projekte ausgezahlt beziehungsweise fest zugesagt, allein in diesem Jahr kommen noch einmal mehr als 100.000 Euro hinzu. "Bisher ist es uns gelungen, die Summe seit unserem Start 2010 in jedem Jahr zu steigern", berichtet Andreas Hüchting. Neben der Sportakademie profiziert von den Spenden auch die "Bildungsbrücke", die Kindern aus finanziell schlecht gestellten Familien dabei hilft, die Nebenkosten der Schulbildung zu tragen. Unterstützung erfährt auch der Verein "Fluchtraum", der sich um die Ausbildung von Vormündern und Betreuern unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge kümmert. Ganz neu dabei ist das Projekt "Fach+Sprache", in dem geflüchtete Jugendliche kombinierten Sprach- und Fachunterricht erhalten, um den Einstieg in den Schulunterricht zu schaffen.

Die Hockey-Stunde in der Vahr nähert sich ihrem Ende. Nach den Technik-Übungen dürfen die Viertklässler noch für einige Minuten im Wettkampf zeigen, was sie gelernt haben. Tore fallen nicht, alle Spiele gehen 0:0 aus. Für Übungsleiter Bayram Erdogan Anlass zum Lob: "Das heißt, dass ihr eine stabile Abwehr habt, das ist schon mal sehr gut. Ihr habt super trainiert heute." Einigen der kleinen Sportler huscht bei den Schlussworten ihres Trainers ein stolzes Lächeln über das Gesicht.

"Sport ist wirklich eine tolle Sache", stellt Hanns-Ulrich Barde fest. "Man kann zusammen Sport machen, ohne dieselbe Sprache zu sprechen – man findet schnell Anschluss und gehört einfach dazu." Gerade in Zeiten, in denen es viele Flüchtlingskinder zu integrieren gelte, komme solchen Angeboten eine ganz besondere Bedeutung zu. Perspektivisch möchte der Koordinator der "Sportakademie" das Programm darum weiter ausbauen. Der Unterstützung der Kindergeldstiftung kann er sich dabei gewiss sein.

Zeichen: 6.562, Autorin: Anne-Katrin Wehrmann

Mehr unter: www.deutsche-kindergeldstiftung.org

Pressekontakt

Robert Ludwig

r.ludwig@deutsche-kindergeldstiftung.org

Erstellungsdatum: 22.06.2016