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Voraus denken wagen

Von wegen abstrakt. Im "Jahr der Mathematik" demonstriert ein früherer Bremer Hochschullehrer, wie aus hochtheoretischer Rechenkunst bare Münze wird.

Foto von Dr. Patrick Bangert
Der Bremer Mathematiker Dr. Patrick Bangert wechselte von der Hochschule ins Unternehmerlager - und erhielt kürzlich den Industriepreis 2008 der Initiative Mittelstand. Foto: BIG Bremen

"Wage zu denken": Dr. Patrick Bangert hält es mit einer antiken Weisheit und verdient darum sein Geld mit Wissenschaft, die ihrer Zeit voraus scheint. Er hat ein Computerprogramm entwickelt, das den Ausfall von Maschinen Monate im Voraus auf Tag, Stunde und Schraube genau vorhersagt. Das Ziel: Produktionsausfallzeiten zu minimieren, weil Firmen Ersatzteile gezielt und rechtzeitig beschaffen können. Die Lösung überzeugte zum Beispiel die Initiative Mittelstand: Sie belohnte den Mathematiker unter 600 Konkurrenten mit dem Industriepreis 2008.

Das System für verbesserte Instandhaltung heißt "Neuronator Maintenance Optimizer" (NEMO). Bangert hat es mit seinen Mitarbeitern in seiner Firma "algorithmica technologies" entwickelt. Vor den Computermonitoren in der altmodischen Bremer Villa hocken junge Leute in Jeans und T-Shirts. Ihr Chef hebt sich vor allem durch seinen schwarzen Anzug ab - nicht durch sein Alter, denn Bangert ist gerade 31.

Lust auf reale Probleme

Der Sohn des Leiters einer Hilfsorganisation wurde in Reutlingen geboren, wuchs aber in Asien auf. Zum Physikstudium ging er nach London. Er habe sich immer schon dafür interessiert, wie die Welt funktioniere, erklärt er die Wahl des Fachs. Aber: "Das Experimentelle lag mir nie. Da geht immer alles schief. Bei Elektrodynamik kriegt man einen Schlag, von Radioaktivität Kopfweh."

Folgerichtig promovierte er mit 24 Jahren nach dem Abschluss in theoretischer Physik in der noch theoretischeren Mathematik und ging 2002 als Juniorprofessor an die neue International University nach Bremen, heute Jacobs University. "Nach einer Weile stellte ich fest, dass eine akademische Karriere doch nicht mein Hauptziel ist. Ich will reale Probleme lösen", erinnert er sich heute. Wie zum Beleg zieren die Wand seines Arbeitszimmers Stiche von frühen, ganz realen Industrieanlagen.

Als Bangert sich 2005 selbstständig machte, "hatte ich weder Geld noch Kunden". Auszeichnungen bei Start-up-Wettbewerben halfen finanziell, über seinen heutigen Partner bekam er Kontakte zur Chemieindustrie. NEMO bietet algorithmica als Dienstleistung gegen monatliche Miete an. "Das rechnet sich für Industrieanlagen in wenigen Monaten", sagt Bangert.
Sein Beispiel: Einem Stromerzeuger fiel über Weihnachten ein Kompressor aus - keine Abhilfe in Sicht. Der Produktionsstillstand habe eine halbe Million Euro Schaden verursacht. Das Ersatzteil allein hätte nur mit 30.000 Euro zu Buche geschlagen.

"Maschinelles Lernen" ist der Oberbegriff für die Arbeit des branchenübergreifend einsetzbaren Systems, die in Bangerts Spezialgebiet fällt, das mathematische Optimieren. Das Prognoseprogramm fühlt dafür den Anlagen quasi den Puls: Es greift die Daten der Sensoren ab, mit den Maschinen an empfindlichen Stellen ausgestattet sind. Wie verhalten sich Temperatur, Schwingungen, Feuchte im Normalzustand? Nach und nach kennt NEMO seinen Patienten in- und auswendig. Es merkt dann schneller als Menschen, wenn sich Werte nachteilig verändern, und schlägt per E-Mail oder SMS Alarm.

Diskussion auf dem Flipchart

Foto von Bangerts Unternehmenskollegen bei der Arbeit
Bangerts Unternehmen algorithma technologi es entwickelte ein selbständig hinzulernendes Computersystem, das Maschinenausfälle voraussieht und so Instandhaltung planbar macht. Foto: BIG Bremen

NEMO arbeitet bereits für einige Chemiefirmen wie Evonik degussa oder das nach eigenen Angaben weltgrößte Aluminiumwalz- und Schmelzwerk Alunorf. Ganz auf Verbesserung orientiert, gibt es für Bangert aber weitere Betätigungsfelder. Für Rheinmetall Defense Electronics entwickelt algorithmica eine Simulation, wie sich der bestmögliche Wirkungsgrad eines Kraftwerks erreichen lässt: An welchen Stellschrauben muss ich wann drehen? Für den Automobilhersteller VW soll algorithmica nun durch bessere Lagerorganisation die Autoproduktion von derzeit zehn auf fünf Tage verkürzen.

Lösungen für Kundenprobleme berät Bangert gemeinsam mit seinen jungen Kollegen, oft seine Ex-Studenten. Dafür steht in seinem Zimmer ein Flipchart, das nach solchen Besprechungen Kurven, Flächen und mathematische Symbole zieren. "Wir diskutieren sehr bildhaft", sagt der Wissenschaftler, der für Entwicklungsarbeit nach seinem Geschmack aber zu wenig Zeit hat. Das Unternehmerdasein sei er nicht leid - "aber den Vertrieb würde ich gern abgeben und in etwa zwei Jahren eine eigene Forschungsabteilung aufbauen."

www.algorithmica-technologies.de

4.300 Zeichen, Autorin: Imke Zimmermann

Pressekontakte:

algorithmica technologies GmbH

Außer der Schleifmühle 67
28203 Bremen

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