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Tanzparkett statt Dopamin

In Bremerhaven haben Parkinsonpatienten den Tanz entdeckt. Jetzt wollen Ärzte erforschen, warum die Spaßtherapie wirkt.

Foto von Professor Dr. Per Odin
Der Bremerhavener Professor Dr. Per Odin will die Wirkung von Tanz und Musik auf Parkinsonpatienten wissenschaftlich untersuchen. Foto: Focke Strangmann

Weltmeister - das war er früher mal. Heute tanzt Lutz Jauch aus Bremerhaven, mehrfacher Welt- und Europameister mit der Bremerhavener Tanzsportgemeinschaft im Latein-Formationstanz und seit Jahren Tanzlehrer, gegen seine Parkinsonerkrankung an. Die Erfolge dieser "Tanz-Therapie" sind so außergewöhnlich, dass der Neurologe Professor Dr. Per Odin vom Klinikum Bremerhaven Reinkenheide zusammen mit seinem Kollegen Dr. Michael Jöbges aus dem Brandenburgischen Bernau ab Herbst eine erste Studie über die Wirkung von Musik und Tanz auf Parkinsonpatienten plant. Laut Deutscher Parkinson-Gesellschaft gibt es in Deutschland bisher nichts Vergleichbares.
Schleppender Gang, zitternde Hände, verlangsamte Sprache und Depressionen - Parkinsonsymptome. Die Vermutung von Odin und Jöbges: Der Tanz könnte den inneren Taktgeber, der den Patienten fehlt, zum Teil ersetzen. "Wir bemerken schon jetzt, dass sie durch den Tanz besser gestimmt sind", erklärt Odin. "Nun wollen wir herausfinden, ob Tanz auch ihre Beweglichkeit verbessert."

Mit guter Laune gegen die Krankheit

Für Lutz Jauch, der vor acht Jahren erkrankte, ist das keine Frage. "Sing the colours of life, sing the colours of dreams!" DJ Bobos Musik dröhnt aus den Lautsprechern in Jauchs Tanzschule, die nur einen Steinwurf von der Bremerhavener Stadtgrenze entfernt liegt. Vor dem großen Spiegel im Tanzsaal kreisen die "Dancing Parkies", wie Jauch seine Schützlinge nennt, mit den Armen, üben Side-Steps und wiegende Wechselschritte. Für die Studie wird Jauch die Patienten aus seiner "Thera-Tanz"-Gruppe aussuchen. Vielleicht auch Margret Leja. "Ich habe seit zehn Jahren nicht mehr getanzt - und dann hier den English Walz", erzählt die 70-Jährige. "Da war ich über den Wolken!" Die ganze Gruppe zählt etwa 100 Mitglieder, rund 20 Männer und Frauen kommen regelmäßig. "The day is over. It´s partytime!" - mit dem gängigen Bild von Parkinsonpatienten haben die Thera-Tänzer wenig zu tun.

Offenbar hat die Idee auch andere überzeugt. Im Frühjahr 2008 beauftragte der Deutsche Tanzlehrerverband Jauch damit, Kontakte zwischen den 350 Tanzschulen in ganz Deutschland und den 430 Parkinson-Selbsthilfegruppen zu stiften. "Das Projekt ist bereits ins Laufen gekommen", sagt Jauch, "in Bremen, Hamburg und in Schleswig-Holstein haben wir bereits Aktivkreise aufgebaut." Gern würde er ein Zertifikat zum "Thera-Tanzlehrer" entwerfen und nach Lehrveranstaltungen an seine Kollegen verleihen. "Derzeit sind wir auf Sponsorensuche, um das Projekt zu finanzieren."

Weniger Medikamente durch Musik und Tanz

Foto von Lutz Jauch und die Thera-Tänzern Magarete Wierbowski
Lutz Jauch, Tanzlehrer in Langen bei Bremerhaven und Parkinsonpatient, nimmt teil an einer Studie über die gesundheitliche Wirkung von Parkinson- Erkrankte. Rechts die Thera-Tänzern Magarete Wierbowski, die bei Kursen mittanzt. Foto: Focke Strangmann

Parkinson tritt auf, wenn im sogenannten "schwarzen Kern" des Hirnstamms Nervenzellen absterben. Als gesunde Zellen haben sie den Botenstoff Dopamin produziert. Das Gehirn braucht solche "Neurotransmitter", damit die Nervenzellen überhaupt kommunizieren können. Bei Parkinsonpatienten indessen herrscht Dopaminmangel im Hirn. "Deshalb können bestimmte Bewegungsmuster nicht mehr ausgelöst werden, die es normalerweise ganz automatisch plant und über die sogenannten Basalganglien in der Hirnrinde der Reihe nach abarbeitet", erklärt Jöbges. Kurz: Der hirneigene Nachrichtenfluss gerät ins Stocken und damit auch Sprache und Bewegung der Patienten. Hier könnten Musik und Tanz "externe Trigger" sein, die statt des Botenstoffs die Bewegungsmuster im Gehirn abrufen.

Für Lutz Jauch ist der Thera-Tanz das Mittel der Wahl. "Jedenfalls besser als Dopamin", sagt er. In der Tat nehmen die Patienten Dopaminpräparate und müssen die Dosis mit dem Fortschreiten der Krankheit erhöhen. Margret Leja, die seit zwölf Jahren an Parkinson leidet, trägt sogar eine Dopaminpumpe am Gürtel. Die Nebenwirkungen aber – etwa Halluzinationen - sind erheblich, vor allem im fortgeschrittenen Stadium. "Mir hilft der Tanz", erklärt Jauch, "ich brauche viel weniger Medikamente." Tatsächlich wirkt er agil und beweglich. Für die Patienten ist es stets eine Überwindung, sich zu zeigen und die Tanzschritte mitzumachen. Aber wenn die Schwelle überschritten ist, macht sich Heiterkeit und Entspannung breit: "Let the party begin, let´s dance tonight."

www.ts-jauch.de

4.233 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Pressekontakte:

Klinikum Bremerhaven Reinkenheide

Professor Dr. Per Odin

Tanzschule Jauch