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50 Meter über dem Meer

Johann Meyer fährt eine Containerbrücke in Bremerhaven.
Johann Meyer fährt eine Containerbrücke in Bremerhaven. Foto: Jörg Sarbach

Wer auf Containerbrücken arbeitet, muss schwindelfrei sein. Zumal der Umschlagsboom mit dem CT 4 in Bremerhaven neue Gipfel erreicht.

Dieser Arbeitsplatz hat Perspektiven. Nicht nur wegen des weiten Blicks über die Wesermündung. "Hier geht es seit Jahren immer nur nach oben", sagt Johann Meyer und zeigt mit einer weit ausholenden Armbewegung über den Containerterminal Bremerhaven. Der 48-Jährige sitzt buchstäblich an der Spitze der Bewegung. In knapp 50 Metern Höhe steuert er eine der 55 gewaltigen Containerbrücken entlang der Stromkaje, wie die Kais an der Weser genannt werden. Mit der Fertigstellung und offiziellen Einweihung des Terminals CT 4 - einem der größten Hafenbauprojekte Europas - am 12. September wird sie fünf Kilometer lang sein.

"Johann Meyer" sagt niemand auf dem Terminal. Aber "Jan", wie sich Meyer am Funkgerät oder am Telefon meldet, kennt hier fast jeder. "Wenn man 20 Jahre dabei ist, bleibt das wohl nicht aus", meint Meyer. Obwohl mehr als 5.000 Menschen in den drei Umschlagsunternehmen Eurogate, MSC Gate und North Sea Terminal Bremerhaven (NTB) arbeiten, ist die Atmosphäre auf einem der größten europäischen Containerhäfen fast familiär.

So sitzt Meyer zwar allein in der Kanzel von Containerbrücke 21, aber er ist deswegen nicht einsam. "Ohne mein Team an Land wäre ich hier oben aufgeschmissen", sagt Meyer. "Luke 22, Wasserseite, alles runter", knarrt es aus dem Funkgerät - der Einweiser auf der Kaje beschreibt kurz und präzise, wohin Meyer den Container auf dem riesigen Containerschiff stellen soll: "Zeit für lange Reden gibt es hier nicht."

61 Meter langer Brückenarm

55 Stahlriesen bilden einen Wald aus Container-Brücken.
55 Stahlriesen bilden einen Wald aus Container-Brücken. Foto: Jörg Sarbach

Einen 40-Fuß- oder zwei 20-Fuß-Container und bis zu 60 Tonnen Gewicht kann Meyers Containerbrücke bewegen. 61 Meter weit reicht der Arm der sogenannten Super-Post-Panamax-Brücke über die Kaikante hinaus - "damit komme ich auch bei den breitesten Containerschiffen bis auf die andere Seite", erläutert der Brückenfahrer.

Als Meyer 1988 als "Lascher" (er befestigt die Container an Deck des Schiffes) auf dem Terminal anfing, mochte sich niemand derartig gigantische Containerbücken vorstellen - obwohl der Containerumschlag da schon 20 Jahre kontinuierliches Wachstum hinter sich hatte. 1968 war im Bremerhavener Nordhafen der erste Container verladen worden, Schiffe mit Platz für 800 Standardboxen (TEU) galten damals als Giganten und Grenze des technisch Möglichen. 1971 wurde der erste Abschnitt der heutigen Stromkaje eröffnet - da hatte sich die durchschnittliche Stellplatzkapazität auf den Schiffen schon verdoppelt. Und als 1983 mit dem Containerterminal CT 2 in Bremerhaven die größte zusammenhängende Containerumschlagsanlage des Kontinents ihren Betrieb aufnahm, passten im Schnitt bis zu 4.500 Boxen auf ein Schiff. "Die Frachter, die jetzt am neuen Terminal CT 4 anlegen werden, können bis zu 13.000 Container tragen", verdeutlicht Meyer die mittlerweile erreichten Dimensionen.

Parallel zu den Schiffsgrößen wuchsen die Dimensionen der Umschlagsanlagen und -geräte an Land - und die Anforderungen an die Hafenarbeiter. Meyers Karriere steht stellvertretend für die Entwicklung. An der Hafenfachschule ließ er sich zum Facharbeiter ausbilden, wurde Vorarbeiter. Dann kletterte er nach einer weiteren Ausbildung auf die 15 Meter hohen Van Carrier, die die Container von der Kaje zu den Stellflächen auf dem Terminal bringen. "Aber ich wollte ganz nach oben" - nach der Ausbildung zum Brückenfahrer hat er nun die Spitze erreicht: 47,50 Meter über der Kaje befindet sich sein Arbeitsplatz in der Kanzel der größten Containerbrücke.

Fingerspitzengefühl ist entscheidend

Wer hier oben sitzt, muss wissen, was er tut. "Man muss die Augen überall haben", sagt Meyer. Was passiert an Land, was passiert auf dem Schiff, wie schaukelt es in den Wellen, wie bewegt sich der Container, der 20 Meter tiefer am "Spreader" hin und her pendelt und trotzdem punktgenau auf Bierdeckel-großen Befestigungspunkten abgesetzt werden muss? "Da braucht man schon eine Menge Erfahrung." Meyer hantiert mit seiner Containerbrücke vom Ausmaß eines 20-stöckigen Hochhauses und der Breite einer Autobahn leichter, als manch einer einparkt. Auf den Zentimeter genau fährt Meyer das Großgerät auf die gewünschte Position am Schiff: "Das kann kein Computer, dafür braucht man Fingerspitzengefühl", sagt er lachend.

Und dieses Fingerspitzengefühl ist auf den Containerterminals gefragt wie nie zuvor. Allein Meyers Arbeitgeber Eurogate will die Zahl seiner Beschäftigten in Bremerhaven in diesem Jahr um 500 auf 3.065 steigern - zu einem großen Teil sollen Langzeitarbeitslose für die anspruchsvolle Arbeit qualifiziert werden. Dass Eurogate seine Arbeitsplätze innerhalb von acht Jahren verdoppelte, kommt nicht von ungefähr. Jahr für Jahr verzeichnet der Containerumschlag in Bremerhaven zweistellige Zuwachsraten; mehrfach wurden die Terminals erweitert, nur um kurze Zeit später wieder an die Kapazitätsgrenzen zu stoßen. Erstmals wird Bremerhaven in diesem Jahr die Fünf-Millionen-TEU-Grenze überschreiten; dass die Gesamtkapazität jetzt mit der Fertigstellung des 500 Millionen Euro teuren, knapp 1.700 Meter langen CT 4 auf knapp zehn Millionen TEU wächst, kommt deswegen gerade zur rechten Zeit.

Das Wachstum spiegelt sich auch im Erscheinungsbild der Arbeitsplätze wider, die Meyer im Laufe der Jahre innehatte. "Das ist hier schon das Nonplusultra", sagt er über die Kanzel seiner jetzigen Containerbrücke. Der Fahrersitz ist unter der Decke aufgehängt, um die Bewegungen des Riesengerätes optimal abzufedern; die Position der Joysticks und Fußschalter, mit denen Meyer die Brücke steuert, kann er individuell einstellen. Die Kontrollinstrumente, -leuchten und -schalter sind so angebracht, dass er schon aus der Position vorn oder hinten die Bedeutung einer Meldung erkennen kann. Zudem wird die Riesenmaschine aus der zentralen Leitstelle fernüberwacht, so dass nicht bei jeder Störungsmeldung extra ein Techniker kommen muss. "Das kostet ja nur Zeit", weiß Meyer – und Zeit ist angesichts des hohen Umschlagsvolumens in Bremerhaven knapp.

Kapazität ist Betriebsgeheimnis

Wie viele Container Meyer pro Stunde mit seiner Brücke bewegen kann - diese Frage gehört zu den wenigen, die im Hafen nicht beantwortet werden. Betriebsgeheimnis; die Leistungsfähigkeit der Belegschaft ist Teil des Erfolgsrezeptes. Nach maximal 3,5 Stunden tauscht Meyer seinen Platz jedoch mit dem Kollegen, der bis dahin am Boden gearbeitet hat. "Länger ist nicht drin, denn die Arbeit hier oben erfordert höchste Konzentration", sagt er. Früher auf den alten Brücken folgte vor der Pause noch der schweißtreibende Abstieg durch ein enges Treppenhaus; jetzt kann Meyer bequem mit dem Fahrstuhl nach unten fahren. Der Weg aus der Kanzel dorthin führt ein kleines Stück über einen Steg in schwindelnder Höhe. Meyer schätzt diesen kurzen Weg jeden Tag aufs Neue: "Das ist der Moment, wo man wirklich mal Zeit hat, die Perspektiven hier oben richtig zu genießen."

Mehr unter www.eurogate.de und www.ct-bremerhaven.de.

7.011 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

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