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Die Traumfabrik an der Weser

Tägliches Training ist Teil des Internatalltags von Nachwuchstalent Florian Trinks bei Werder Bremen
Tägliches Training ist Teil des Internatalltags von Nachwuchstalent Florian Trinks bei Werder Bremen. Foto: Focke Strangmann

In der Ostkurve des Weserstadions, 5. Etage, schlummern die Profis von morgen - im Fußballinternat des SV Werder Bremen.

Wer den langen Flur entlanggeht, kann nicht anders. Träumen muss hier einfach erlaubt sein. Rechterhand sind die Zimmer, aber links, da gibt es immer wieder Fenster, die den Blick freigeben auf den Innenraum des Weserstadions. Auf den Rasen, die Ränge, das ganze imposante Rund. Hier haben schon Tim Borowski (Bayern München), Aaron Hunt (Werder Bremen) oder Nelson Valdez (Borussia Dortmund) gestanden und vermutlich beim ersten Anblick des Ausblicks gestaunt.

2008 ist es der 16-jährige Florian Trinks, der sich erinnert, wie es war, als er vor zwei Jahren aus Gera nach Bremen kam und hinunter in die Arena blickte. "Ich habe gedacht, jetzt bin ich hier, um irgendwann da unten zu spielen." Trinks könnte das gelingen. Könnte, weil er ein Talent ist. Der blonde Mittelfeldspieler hat in diesem Jahr sein erstes Länderspiel mit der U16 bestritten und ist bei Werder in die U19 aufgerückt. Könnte, weil Talent im Fußballgeschäft keine Garantie ist.

Im Fußballinternat des Clubs leben derzeit 19 Fußballer im Alter von 14 bis 19 Jahren. Bereits vor 30 Jahren, 1978, bauten die Bremer das erste Wohnhaus für auswärtige Talente und zählten damit zu den Pionieren. 1997 folgte der Umzug ins Weserstadion. Als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) 2001 die Nachwuchsleistungszentren für alle Lizenzvereine verbindlich vorschrieb, hatte man in Bremen kaum nachzubessern, sagt Werder-Geschäftsführer Klaus-Dieter Fischer nicht ohne Stolz. Von DFB und DFL ist das Zentrum kürzlich als mustergültig ausgezeichnet worden. Das Internat ist ein Baustein - und ein Besuch für die Presse inzwischen tabu. Das Interesse freut Werder zwar, aber: "Uns interessiert auch die Privatsphäre der Internatsschüler", sagt Fischer.

Routinierter Alltag

Foto von Florian Trinks
Sie haben das Ziel immer vor Augen bei Werder Bremen: Fußballinternatsschüler wie Florian Trinks leben im Weser-Stadion. Foto: Focke Strangmann

Fußballer wie Florian Trinks absolvieren hier einen routinierten Alltag. Morgens werden sie von Internatsleiterin Jutta Reichel geweckt, dann geht es zur Schule auf die andere Weserseite, mittags in die Stadiongastronomie, anschließend an die Hausaufgaben. Dann folgt das Training, vier bis fünf Mal die Woche, danach ein wenig Freizeit. "Um 23 Uhr ist bei uns Nachtruhe", sagt Trinks.

"Was die Jungs leisten, davor muss man den Hut ziehen. Das würden viele Erwachsene nicht schaffen", sagt Uwe Harttgen. Der Ex-Profi und Diplompsychologe ist hauptberuflich für die Talente zuständig. Angesichts von Leistungsdruck und normalen Leistungsschwankungen haben die Bremer erkannt: "Wir wollen sie einerseits sportlich vorbereiten, andererseits natürlich auch persönlich. Damit der Sprung, wenn sie zu den Profis kommen, nicht zu groß wird." Harttgen hat - basierend auf den langjährigen Erfahrungen des Clubs und einer Befragung unter Nachwuchsfußballern - eine Leistungsdiagnostik in Zusammenarbeit mit der Universität Bremen entwickelt, die sportliche, schulische, aber auch psychosoziale Entwicklungen berücksichtigt. Sie soll helfen, Probleme frühzeitig zu erkennen. Ihr Einsatz wird derzeit im Rahmen eines DFB-geförderten Forschungsprojekts evaluiert.

Champions League - die Ansprüche steigen

Die Anforderungen an Talente steigen. Im fünften Jahr in Folge spielen die Bremer in der Champions League. Für den Club, der finanziell mit den ganz Großen nicht mithalten kann, bleibt dabei die Nachwuchsarbeit elementar. "Wir wissen, unser Weg kann nur weiter funktionieren, indem wir auf beiden Sektoren gut sind, das heißt in der Verpflichtung von Profis, aber auch in der Zuführung von jungen Talenten", sagt Klaus-Dieter Fischer. Es ist ein Rezept, mit dem die Bremer sehr erfolgreich sind - ein Rezept, auf das es keine Garantie gibt. Wird einer von zehn Nachwuchstalenten Profi, ist das laut Fischer eine gute Quote. In diesem Jahr haben es vier geschafft - in anderen schafft es keiner.

Viele müssen den Traum vom Profifußball irgendwann begraben. Florian Trinks denkt daran nur ungern. Er will in zwei Jahren erstmals mit den Profis trainieren. Darauf arbeitet er hin - neben dem Abitur. Der 16-Jährige weiß, dass zum Profitum auch Glück gehört. Aber das ist für den Nachwuchskicker eben auch auf andere Weise untrennbar mit Fußball verbunden: "Wenn ich den Ball am Fuß habe, ist das einfach ein freies Gefühl. Das will ich nicht unbedingt wieder hergeben."

Mehr unter www.werder.de.

4.350 Zeichen, Autorin: Astrid Labbert

Pressekontakt:

Werder Bremen

Mediendirektor Tino Polster