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Ventilatoren im Weltraum

Anette Bades Arbeitsplatz ist nicht alltäglich. Sie ist eine von nur drei Astronautentrainerinnen.
Anette Bades Arbeitsplatz ist nicht alltäglich. Sie ist eine von nur drei Astronautentrainerinnen. Foto: Jörg Sarbach

Thomas Reiter und Hans Schlegel sind bei ihr in die Schule gegangen, Tracy Caldwell und viele andere werden folgen. Anette Bade ist Astronautenlehrerin beim Bremer Raumfahrtunternehmen EADS Astrium. Und zwar eine von nur drei Frauen in Deutschland.

Aufgewachsen ist sie in Niedersachsen, im kleinen Ort Nienstedt am Deister, die Eltern sind Kaufleute. Sie hinderten die Tochter nicht, als die sich für einen ganz anderen Weg interessierte. "Raumfahrt hat mich schon früh fasziniert", erinnert sie sich. "Da gibt es noch wirklich viel zu entdecken."

Bei der Berufsberatung aber war man entsetzt. Dringend sei von dem Ziel abzuraten, bekam die 17-Jährige zu hören. Zu exotisch sei das und so gar nicht weiblich! Anette Bade ließ sich nicht beirren – sie wollte in die Raumfahrt, "wenn ich auch nie die Vorstellung hatte, ich will Raketen bauen". Nach dem Abschluss als Luft- und Raumfahrtingenieurin und ihrer Promotion ging sie zunächst zur Nasa und beschäftigte sich mit Weltraummüll. Nach vier Jahren, 1999, zog es sie wieder in die Heimat. Sie ging zu EADS Astrium in Bremen, wo damals gerade das Astronautentraining für das Raumlabor Columbus aufgebaut wurde. Anette Bade stieg ein.

Columbus ist Europas wichtigster Beitrag zur ISS, die in 400 Kilometern Höhe die Erde umkreist. Seit Februar 2008 ist das Modul im All, noch bis mindestens 2015 sollen hier Astronauten in der Schwerelosigkeit an biologischen, medizinischen oder technologischen Fragestellungen forschen. Jeder Handgriff muss sitzen. Das gilt aber nicht nur für die wissenschaftliche Arbeit. Auch bei Pannen müssen sich die Raumfahrer zu helfen wissen.

Expertentraining für Experten

Anhand von Prozeduren und Modellen bereitet Anette Bade auf den Trip ins All vor.
Anhand von Prozeduren und Modellen bereitet Anette Bade auf den Trip ins All vor. Foto: Jörg Sarbach

Columbus wurde von EADS Astrium in Bremen gebaut. Ein bis drei Wochen pro Monat ist Anette Bade zwar im europäischen Astronautenausbildungszentrum (EAC) in Köln. Viel Zeit verbringt sie aber auch an der Weser, um ihr Wissen aktuell zu halten. Ständig ändern sich zum Beispiel Konzepte für den Umgang mit Fehlern. "Und hier sind die Spezialisten, die das Labor in- und auswendig kennen."

Wer Astronauten trainiert, ist selbst Experte. Insgesamt arbeiten bei EADS 17 Instruktoren für Basis-, Fortgeschrittenen- und Spezialtrainings. Anette Bade konzentriert sich auf den Spezialistenunterricht zum Wärmehaushalt und den Lebenserhaltungssystemen. "Beim Unterricht geht es um das Erlernen von Prozeduren und Handhabungen. Ähnlich wie bei Kochrezepten", sagt die 45-Jährige, die zu ihren Hobbys das Backen zählt.

Zunächst hat sie das von einem Kollegen aufgeschriebene "Rezept" sorgfältig durchgearbeitet und überprüft. "Ich habe ein Thema sozusagen vorverdaut und versuche dann, es aus Astronautensicht zu erklären", erklärt Anette Bade. Wichtig sei dabei, individuell auf die jeweiligen Gegenüber einzugehen und nicht einen Standard herunterzuleiern, schon damit die Zuhörer auch weiter zuhören.

Zur Entwicklung des Unterrichts unterhält sie sich ausführlich mit den Bremer Spezialisten über die jeweilige Aufgabe: sei es, die Stromanschlüsse in den zahllosen Einbauschränken des Moduls nicht nur zu finden, sondern auch reparieren zu können oder einen defekten Ventilator auszutauschen. Für den Erdling klingt das beherrschbar. Doch im Weltraum sind solche Aufgaben weit mühsamer zu lösen.

"Bedenken Sie allein die Schwerelosigkeit. Wenn Sie etwas abmontieren, fliegen die Schrauben umher, wenn sie nicht speziell gesichert sind", sagt die Trainerin. Auch müsse zum Beispiel die Luftzufuhr zeitweilig abgeschaltet werden, weil den Astronauten bei der Reparatur sonst die Luft direkt ins Gesicht blase. Darum bekommen sie die Prozeduren an die Hand, in denen steht, welche Arbeitsschritte zu tun sind, welches Werkzeug sie benötigen und welche anderen Prozeduren zu berücksichtigen sind.

"Die Erde mal von außen sehen"

Luft- und Raumfahrtingenieurin von Beruf und ständig im Kontakt mit Menschen, die zu den wenigen gehören, die die Welt für eine Weile hinter sich lassen dürfen: Hat es sie nie gelockt, selbst ins All zu reisen? Inzwischen sei sie zu alt, um sich als Astronautin zu bewerben. Und überhaupt: Allenfalls für ein paar Tage wäre das in Ordnung, sagt sie. "Ich würde die Erde schon gern einmal von außen sehen."

Eigentlich will sie den Arbeitsplatz aber nicht tauschen. Sie mag die internationalen Kontakte. Es sei befriedigend, den vielfältigen Kenntnissen der Astronauten etwas Neues hinzuzufügen. "Das ist ein Unterricht auf Augenhöhe", betont die schmale, dunkelhaarige Frau. In Form von praktischen Kontrollen und schriftlichen Fragen werde das Wissen zwar abgefragt, doch gebe es keine Noten und durchfallen könnten die Probanden eigentlich auch nicht - "Zumindest ist es bisher noch nicht passiert."

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4.718 Zeichen, Autorin: Imke Zimmermann

Pressekontakt:

EADS Astrium

Kirsten Leung

E-Mail: kirsten.leung[at]astrium.eads.net