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Wenn die Weste "mitdenkt"

Durchblick: Am Brillenrand befindet sich ein Mini-Bildschirm, auf dem Arbeitsanweisungen zu lesen sind. Foto: TZI
Durchblick: Am Brillenrand befindet sich ein Mini-Bildschirm, auf dem Arbeitsanweisungen zu lesen sind. Foto: TZI

Das "Navi" im Auto ist längst Standard, und Handys sind kleine Computer. Wie mobile Computertechnologien auch Arbeitsprozesse unterstützen können, das haben Bremer Wissenschaftler federführend erforscht und zur Serienreife gebracht.

Sie sieht aus wie eine ganz normale Arbeitsweste: orange die Farbe, strapazierfähig das Material. Und doch hat es Jahre gedauert, bis sie im Rahmen des internationalen IT-Projekts "wearIT@work" zur Marktreife gelangte. Denn im Futter steckt High-Tech: In der Brusttasche verbirgt sich ein Minicomputer.

Die Weste samt einem sogenannten Head-Mounted-Display, das aussieht wie eine Brille mit Mini-Bildschirm, kann zum Beispiel einem Techniker in der Flugzeugwartung nützen. Vor Ort kann er dann auf den Datenserver zugreifen, auf dem Display Dokumente und Arbeitsanleitungen sehen. Ein "Datenhandschuh" ermöglicht ihm die drahtlose Kommunikation mit dem System, das mittels Sensoren auch seine Arbeitsschritte registriert. Auch "denkt" die Weste mit. Unterläuft dem Techniker ein Fehler, kommt ein Signal - ähnlich wie beim Auto fahren, wenn das Navigationsgerät freundlich ansagt: "Bitte wenden."

Weltweit größtes Forschungsprojekt

Computer in mobile Arbeitsprozesse einzubinden, ist ein Wachstumsmarkt. "Wir wenden uns damit an eine neue Klientel von Computernutzern", sagt Professor Dr. Michael Lawo vom Technologie-Zentrum Informatik und Informationstechnik (TZI) der Universität Bremen. Hier beschäftigt man sich bereits seit 1998 unter der Leitung von Professor Dr. Otthein Herzog mit den Möglichkeiten des "Wearable Computing", also tragbarer Computertechnologie.

Seit 2004 koordiniert das TZI das EU-geförderte Projekt "wearIT@work" - es ist nach TZI Angaben das weltweit größte Forschungsprojekt in Sachen "Wearable Computing" mit einem Finanzvolumen von rund 24 Millionen Euro. 42 Forschungseinrichtungen und Unternehmen - darunter mittelständische Firmen und Großunternehmen wie EADS, Skoda, Hewlett Packard, SAP und Siemens - waren in den vergangenen viereinhalb Jahren an der Entwicklung beteiligt.

Ihr Ziel lautet Prozessoptimierung, das heißt die Beschleunigung von Arbeitsprozessen und Minimierung von Fehlern und Qualitätsverlusten. Ganz praktisch bedeutet das: Der Computer soll für den Arbeitenden nutzbar sein, ohne dass dieser seine Arbeit unterbrechen muss. In der Produktion werden heute Computer noch vor allem genutzt, um Papier zu beschriften, das dann vor Ort studiert werde, so Lawo. "Neu am Wearable Computing ist, dass es den Arbeiter während der Tätigkeit unterstützt. Ziel ist eine ähnliche Unterstützung durch Rechner, wie sie heute schon im Büro selbstverständlich ist." Für Informatiker und Techniker eine komplexe Aufgabe.

Lösungen für Feuerwehr und Ärzte

Erprobt von der Pariser Feuerwehr: Ein Sensor, der Feuerwehrleute ortet. Foto: TZI
Erprobt von der Pariser Feuerwehr: Ein Sensor, der Feuerwehrleute ortet. Foto: TZI

Am Ende der Projektlaufzeit, stehen jetzt zur Marktreife entwickelte, technologisch komplexe Lösungen für Einsatzszenarien in der Flugzeugwartung, der Automobilproduktion, im Krankenhaus und bei der Feuerwehr. Soft- und Hardwarelösungen wurden entwickelt, erprobt, an die Bedürfnisse und Erfordernisse der Praxis angepasst.

Bei der Pariser Feuerwehr etwa tragen heute Feuerwehrleute einen Sensor im Stiefel, der die Ortung erleichtert, wenn bei Brandeinsätzen und in Gebäuden die Sicht versagt. In einer österreichischen Klinik wurde die Arztvisite optimiert. Arzt und Patient tragen ein Armband, im Arztkittel ist ein Sensor-Pad eingearbeitet: Die RFID-Technik (Radio Frequency Identification) ermöglicht, dass sich der Arzt am Bildschirm neben dem Krankenbett direkt in die Patientenakte einloggen, Daten eingeben und Medikationen verordnen kann.

Die Lösungen sind auch auf andere Branchen übertragbar: Davon sind die Wissenschaftler überzeugt. Deshalb stellten sie ihre Entwicklungen auf der Computermesse Cebit vor und gehen auch auf die Hannover Messe Mitte April, während im Institut bereits an Folgeprojekten gearbeitet wird. Lawo: "Wir wollen zeigen und auch anregen, darüber nachzudenken, was man mit Wearable Computing alles machen kann."

Akzeptanz durch Nutzer entscheidend

Ein entscheidender Faktor bleibe stets die Akzeptanz, so Lawo. So habe die Erfahrung im Krankenhaus im österreichischen Speyr gezeigt, mit der heutigen Lösung seien Patient und Arzt zufrieden. Wichtig für den Arzt sei gewesen, dass er die Hände frei hat und das System aus Hygienegründen bedienen kann, ohne es zu berühren. Das ist jetzt durch Bewegung des Arms möglich. Die Visite dauere zwar länger, doch dafür entfällt laut Lawo die zeitraubende Nachbearbeitung durch das Stationspersonal - und dem Patienten gefällt es, dass der Arzt länger am Krankenbett bleibt. Es gehe darum, die Technik für die Menschen zu nutzen, entkräftet Lawo Befürchtungen, der Nutzer sei am Ende fremdbestimmt. "Der Rechner hat einige Fähigkeiten, die uns helfen: seine Präzision und sein gutes Gedächtnis. Aber er ist auf der anderen Seite nicht flexibel. Da bleibt nur der Mensch."

Mehr unter www.tzi.de und www.wearitatwork.com

4.937 Zeichen, Autorin: Astrid Labbert

Pressekontakt:

Universität Bremen, Technologie-Zentrum Informatik und Informationstechnik (TZI)

Prof. Dr. Michael Lawo

E-Mail: mlawo[at]tzi.de