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Trauer braucht Form

Trauern hat mit Leiblichkeit zu tun, schreibt Pastor Klaus Dirschauer im Trauer-Knigge.
Trauern hat mit Leiblichkeit zu tun, schreibt Pastor Klaus Dirschauer im Trauer-Knigge. Foto: Norbert Höller, pixelio.de.

Wie man sich angemessen beträgt, wenn andere Menschen trauern: Ein Bremer Pastor hat einen Knigge geschrieben und ins Internet gestellt.

Was sage ich dem Chef, wenn seine Frau gestorben ist - "Tut mir echt leid"? Was ziehe ich an, wenn ich zu einer Trauerfeier gehe? "Irgendwas Dunkles" oder einen schwarzen Schleier? Trauer und Trauerriten sind in den vergangenen Jahren irgendwo zwischen Prunk und Entsorgung verloren gegangen. Klaus Dirschauer, pensionierter Pastor aus Bremen, hat deshalb so etwas wie eine Anleitung geschrieben, wie Tod und Trauer in der Öffentlichkeit zu begegnen sei - einen "Trauer-Knigge" (zu finden im Internet auf www.dirschauer.info unter dem Button "akzente setzen").

Sterben muss jeder allein - aber die Trauer lebt vom Miteinander. Doch viele Menschen haben den Rahmen traditioneller Gemeinschaften wie Kirchengemeinden, Vereine oder Familien verlassen, die noch verbindliche Trauer-Riten kannten. Die modernen Individualisten haben verlernt, wie man öffentlich angemessen mit dem Tod und seinen Umständen umgeht, meint der Bremer Pastor. Aufbahren, kondolieren, Trauerkleidung oder Grabschmuck auswählen - all das bewirke inzwischen das Gegenteil dessen, wozu es einmal erfunden wurde: Es verunsichere. "Ich habe schon viele Trauerfeiern gesehen, bei denen die Besucher in Jeans und Pulli aufgetaucht sind und bis kurz vor der Feier vor der Kirchentür Zigaretten rauchten", berichtet Dirschauer. Doch statt Vorwürfe zu erheben, legt er nun einen kleinen Text vor, der kurz und knapp das rechte Verhalten schildert, wenn die Trauer eine angemessene Gestalt braucht.
Auch Beileid und Trauerfeier brauchen ein "Gewusst, wie".

Pastor Klaus Dirschauer beklagt den Verlust der Trauerkultur.
Pastor Klaus Dirschauer beklagt den Verlust der Trauerkultur. Foto: Klaus Dirschauer.

So schreibt Dirschauer etwa zum Kondolieren, also dem Bezeugen des Beileides: "Die vertraute Begrüßung zurückhaltend beizubehalten, stabilisiert emotional für alle die ungewöhnliche Lebenssituation." Und wer vom Tod eines Bekannten erfahren hat, sollte lieber nicht zum Telefon greifen, sondern einen Besuch im Trauerhaus abstatten oder einen Brief schreiben, heißt es in dem Trauer-Knigge. "Zum Gottesdienst oder zur Bestattungsfeier sollten Trauergäste etwa 15 Minuten vor dem Beginn erscheinen, ihr Handy unauffällig abschalten, um sich in Ruhe in die Kondolenzliste eintragen zu können, noch einmal vor dem Sarg des Verstorbenen zu gedenken und sich auf dem eigenen Sitzplatz innerlich zu sammeln."

Der Verlust und die Unkenntnis der Trauerbräuche zeigten auch, wie sehr wir den Tod als Teil des Lebens verdrängt haben. Dabei habe Trauer mit Anfassen zu tun und mit Leiblichkeit, meint Dirschauer. So findet der Pastor eine Erdbestattung viel fassbarer und angemessener als eine Urnenbestattung. "Wenn ich etwa einen Leichnam verbrenne und nur die Urne beisetzen kann, dann ist der geliebte Mensch nur noch ein Häuflein gemahlener Asche. Je weniger ich den Toten als toten Körper erleben kann, umso weniger kann ich mich selbst als lebendigen Körper erleben." Der Trauer-Knigge will darum über die äußere Form auch wieder zur inneren Haltung verhelfen.

Der Trauer-Knigge ist eine echte Bremensie

Adolph Freiherr von Knigge, der die Menschen des 18. Jahrhunderts den Umgang mit ihresgleichen lehrte, ist ein passender Namensgeber für Dirschauers Schrift. Knigge war Bremer, "und auch der Trauer-Knigge ist eine echte Bremensie", sagt Dirschauer, "so etwas gibt es in Deutschland kein zweites Mal". Nicht, dass keine Ratgeber zum Thema Trauern vorlägen - Büchermarkt oder Internet bieten Dutzende Bücher und Homepages. Sie alle fragen danach, wie der einzelne Mensch Tod und Trauer innerlich bewältigen kann. Aber das "Betragen" im Trauerfall, wie Knigge sagen würde, hat nach eigenen Angaben nur Dirschauer genauer unter die Lupe genommen. Oder?

Nicht ganz! Auch Dirschauers großes Vorbild verwandte darauf ein paar Zeilen, die zeigen, dass es mit den Trauer-Riten schon vor 300 Jahren nicht zum Besten stand: "Bei Sterbebetten, Geburtsfesten und andern solchen Gelegenheiten enthalte Dich aller steifen, feierlichen Akte, prunkvollen Deklamationen und Theaterszenen", empfahl der Freiherr in seiner berühmten Schrift "Über den Umgang mit Menschen". Er selbst hat sich daran gehalten: Knigge liegt im Bremer Dom beerdigt, ganz unauffällig unter einer grauen Steinplatte.

Außer dem "Trauer-Knigge" liegen weitere Bücher von Klaus Dirschauer vor: "Traueransprachen persönlich gestalten" und "Worte zur Trauer". Beide sind im Claudius-Verlag erschienen.

Mehr unter www.dirschauer.info
4.440 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Pressekontakt:

Dr. Klaus Dirschauer

E-Mail: klaus[at]dirschauer.info