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Kirche voller Eigensinn

Foto eines Schiffs
Bremen putzt sich für den 32. Evangelischen Kirchentag heraus. Mehr als 100.000 Besucher erwartet die Hansestadt. Foto: Kirchentag, Katja Müller

Mitte Mai steht Bremen Kopf: Dann ist der Deutsche Evangelische Kirchentag zu Gast. Gastgeber ist die sehr eigenwillige Bremische Evangelische Kirche. Eine Einführung für Anfänger.

Frei und niemandes Untertan - es sei denn des lieben Gottes. Die Bremische Evangelische Kirche (BEK) ist in diesem Jahr Gastgeberin des Deutschen Evangelischen Kirchentages von 20. bis zum 24. Mai. Die rund 100.000 Kirchentagsgäste dürfen sich auf erfrischend querköpfige Christen freuen. Eine Blütenlese.

Bauherren

Der Kirchentag wird ein "Laientreffen" genannt. Laientum - das ist in Bremen Tradition: Die alte Bremer Kircheninstitution der "Bauherren" stellt die ehrenamtliche Gemeindeleitung dar. Der Titel ist nur noch bei den Altstadtgemeinden gebräuchlich, entspricht aber den geschäftsführenden Vorstandsmitgliedern aller übrigen Gemeinden. Sie verwalten das Vermögen, vertreten die Gemeinde nach außen und fördern den Bau der Kirchen, stellen die Wirtschaftspläne der Gemeinden auf und haben die Aufsicht über die angestellten Mitarbeiter der Gemeinden.

Bischof

Einen Bremer Bischof werden die Kirchentagsbesucher vergeblich suchen. Denn die Stadt hat gar keinen, sondern einen "Schriftführer", der vor allem Verwaltungsaufgaben wahrnimmt. Das hat zu tun mit der reformierten Tradition der Kirche an der Weser (s. Freiheit). Zunächst unterstand die BEK dem Senat, bis heute ist der Bürgermeister der Stadt auch der "Kirchensenator". In dieser Funktion hat Ex-Bürgermeister Henning Scherf den Kirchentag an die Weser geholt. Erst 1920 erhielten die Bremer Christen ein gemeinsames, wenn auch luftiges Dach. Es besteht im Kern aus "einem Präsidenten, einem Vizepräsidenten und einem Schatzmeister, die nicht Pfarrer sein dürfen, und einem Schriftführer, der Pfarrer sein muss", wie es in der Kirchenverfassung heißt. Derzeit ist Pastor Renke Brahms der Schriftführer der BEK und Brigitte Böhme die Präsidentin.

Bremer Klausel

Die Bremische Kabbelei zwischen reformierten Christen und Lutheranern hat sogar im Grundgesetz und in der Bremer Verfassung ihren Niederschlag gefunden. Artikel 7 des Grundgesetzes definiert den Religionsunterricht als "ordentliches Lehrfach". Anders die Bremer Verfassung, die schon vor dem Grundgesetz festlegte, "bekenntnismäßig nicht gebundenen Unterricht in Biblischer Geschichte" bekenntnisfrei auf allgemein christlicher Grundlage zu erteilen. Die Väter der Bremer Verfassung wollten mit dieser Regelung den alten Zwist zwischen Lutheranern und Reformierten schlichten. Das Grundgesetz akzeptierte die Besonderheit und fügte den Artikel 141 ein: "Artikel 7 Absatz 3 Satz 1 findet keine Anwendung in einem Lande, in dem am 1. Januar 1949 eine andere landesrechtliche Regelung bestand." Weil dies nur auf Bremen zutrifft, heißt Artikel 141 die "Bremer Klausel" und ist eine der seltenen Regelungen, die Landesgesetz vor Bundesgesetz gelten lässt.

Der Dom und "ULF"

Foto der Bremer Stadtmusikanten
Fühlen sich in der Gastgeberrolle sichtlich wohl: die Bremer Stadtmusikanten. Foto: Kirchentag, Katja Müller

Wer über den Bremer Marktplatz schlendert, dem fallen sogleich die beiden ältesten Bremer Kirchen auf: der St.-Petri-Dom und die Kirche Unser Lieben Frauen, genannt "ULF". Beide pflegen bis heute eine augenzwinkernde Rivalität. Lange galt ULF als die reformierte Kirche der Stadt, der Dom aber als die vom Senat ungeliebte lutherische Enklave, dessen Kanzel die Schweden und Dänen während des 30-jährigen Krieges zwar nicht mit Soldaten, aber doch mit lutherischen Predigern besetzt hatten, was dem Bremer Senat kaum weniger missfiel. Er verbot sogar zwischenzeitlich den Bürgern unter Strafe, den Dom zu betreten (die Leute kamen trotzdem, wir sind schließlich in Bremen). Der Streit bis aufs Messer - es war nicht der letzte - ist längst vorbei, gottlob. Heute kann jeder Kirchentagsgast, unabhängig vom Bekenntnis das prächtige Gotteshaus betreten, ohne von den Soldaten der Stadt mit Piken und Schwertern bis vor den Altar verfolgt zu werden. Zur Beruhigung: Beide Kirchen sind schön, sehr schön: der prächtige Dom und die karge Schwester ULF mit ihrem großen, alten, stillen Raum.

Übrigens: Die reformierte Tradition des Protestantismus stammt aus der Schweiz und ist verbunden mit den Namen Ulrich Zwingli und Johannes Calvin. Noch mehr als Martin Luther stellten sie ausschließlich das Wort der Bibel in den Mittelpunkt ihrer Theologie und lehnten alles religiöse Gepränge ab. So wirken noch heute die reformierten Kirchen nüchterner als die lutherisch geprägten, die auch an die Traditionen der Kirche (zum Beispiel beim Altarschmuck) anschlossen. Die beiden Richtungen des Protestantismus unterscheiden sich auch in ihrem Verständnis des Abendmahls: Für Calvin war es ein reines Erinnerungsmahl, für Martin Luther war "in, mit und unter" Brot und Wein Christus gegenwärtig.

Frauen

Heute ist St. Martini am Weserufer der Innenstadt eine konservative Gemeinde, so konservativ, dass sie die Frauenordination ablehnt. Kaum zu glauben, dass ausgerechnet hier 1888 erstmals in Deutschland eine Frau auf der Kanzel stand und predigen durfte: Anna Howard Shaw, die erste methodistische Predigerin der USA, eine mutige Frauenrechtlerin der ersten Stunde. Der freisinnige Martini-Pastor Moritz Schwalb hatte sie nach Bremen geholt. So etwas wäre heute nicht mehr möglich. Die Bremer Pastorin Sabine Kurth durfte im vergangenen Jahr die Kanzel von St. Martini nicht betreten, um eine Traueransprache zu halten.

Freiheit

Die Bremer Gemeinden bestehen standhaft auf ihre Freiheit. Kirchentagsbesuchern wird das unterschiedliche Gepräge der Gemeinden auffallen. Einst waren sie fast alle reformiert (und nicht lutherisch). In dieser Tradition steht die BEK bis heute. Alle 69 Gemeinden genießen in Glaubens-, Gewissens- und Lehrfragen Freiheit und entscheiden selber, was sie für glaubwürdig halten und wen sie als Prediger wollen und wen nicht. In Bremen, so behaupten Spötter, sei damit jeder Pastor sein eigener Papst. Gemeinsam bilden die Gemeinden denn auch keine Landeskirche wie die Gemeinden im übrigen Deutschland, sondern einen "freiwilligen Zusammenschluss". 1953 besuchte der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland Bremen, um nachzusehen, ob die seltsamen Gewohnheiten der Bremer zum Rest der deutschen Kirchenlandschaft passten. Man fand: Ja. Seither gilt auch der Bremer Zusammenschluss als Landeskirche.

Frieden

Falls Kirchentagsbesucher am Donnerstag um 17 Uhr den Bremer Marktplatz besuchen sollten, werden sie hier Deutschlands wohl älteste Mahnwache für den Frieden antreffen. Seit über 20 Jahren erinnert die auf ein kleines Häuflein von fünf bis acht Bremer Christinnen und Christen zusammengeschmolzene Gruppe daran, das gut Ding Weile braucht, und verkörpert geduldig Philipper 4, Vers 7 - den "Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft."

Geläut

Die elf Glocken des Doms und von St. Martini an der Weser gelten zusammen als eines der schönsten Altstadtgeläute Deutschlands. Zum Kirchentag dürfte es zu hören sein. Für Spezialisten hier die Tonfolge: g0 h0 c1 d1 d1 e1 f1 g1 a1 c2 d2.

"Lobe den Herren"

Apropos Ohren spitzen - vom Turm der Martinikirche erklingt vier Mal am Tag das Lied der Kirche: "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren". Komponiert hat es Joachim Neander, der hier von 1679 bis 1680 Pfarrer war. Zuvor hatte er in Düsseldorf gelebt. Dort war er so populär, dass noch Jahre nach seinem Tod ein Tal nach ihm genannt wurde: das Neandertal. Bekannt geworden ist es aber nicht durch "den mächtigen König der Ehren", sondern - wie man weiß - durch einen plattnasigen Urmenschen.

Petersdom

Bremen war der Ausgangspunkt der Mission Skandinaviens. Gut, lange her. Aber Bremen hatte es in dieser Hinsicht unter dem Missionar Adalbert (1043 bis 1073) zu einiger Berühmtheit gebracht. "Rom des Nordens" nannte man seinerzeit die Stadt an der Weser, und so konnte der später erbaute Dom auch nur einen Namen tragen: "Sankt Petri" - Petersdom. Nur ganz unhanseatische Patrioten verweisen darauf, dass der Bremer Dom viel älter ist als die Kirche gleichen Namens in Rom/Italien.

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7.937 Zeichen, Autor: Christian Beneker

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Bremische Evangelische Kirche

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