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Abheben, ohne abzuheben

Foto von Veronika Parg und Timo Purschke
Veronika Parg und Timo Purschke haben einen der Ausbildungsplätze an der Verkehrsfliegerschule erhalten. Foto: Thomas Joppig

In der Verkehrsfliegerschule Bremen bildet die Lufthansa seit 53 Jahren ihre Piloten aus. Trotz Krise sind 240 Neulinge darunter.

Die Maschine rollt über die Startbahn. "Rotate!", ruft Joachim Dufner dem Flugschüler neben ihm zu. Ein beherztes Ziehen an der Lenksäule, und das Flugzeug hebt ab. Der Bremer Flughafen scheint auf Modellbauformat zusammenzuschrumpfen, schnell ziehen Wolken vorbei.

"Steigen Sie bitte auf Flugfläche 90", sagt Dufner. Der Cheffluglehrer der Verkehrsfliegerschule strahlt Ruhe aus. Langsam gewinnt das Flugzeug Höhe. "Jetzt schalten Sie den Autopiloten auf", sagt der 47-Jährige.

Geschafft - die Flughöhe ist erreicht. Normalerweise der Moment, an dem in der Kabine die Anschnallzeichen erlöschen und die Flugbegleiterin mit dem Getränkewagen kommt. Doch hier gibt es keine Kabine. Nur ein Cockpit und eine Leinwand, auf der die unterschiedlichsten Flugmanöver dargestellt werden können. Lediglich die weißen Wolken am blauen Himmel wirken ein bisschen synthetisch, ansonsten könnte man fast vergessen, dass man in einem Flugsimulator sitzt. Sogar das typische Rumpeln beim Aufsetzen auf der Landebahn wird hier originalgetreu nachgeahmt.

Der Flugsimulator befindet sich in der Verkehrsfliegerschule unweit des Bremer Flughafens, der in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert. Hier bildet die Lufthansa seit 53 Jahren ihren Pilotennachwuchs aus. "Bremen ist für uns ein guter Standort", sagt Ausbildungsleiter Jürgen Kamps. Das Bremer Airbus-Werk ist in der Nähe, und die Deutsche Flugsicherung kontrolliert von Bremen aus den gesamten norddeutschen Raum. Die Piloten in spe haben wichtige Exkursionsorte also fast vor der Haustür. Dank einer Kooperation mit der Hochschule Bremen können sie die Pilotenausbildung zudem mit einem Bachelorstudium im Internationalen Studiengang für Luftfahrtsystemtechnik und -management verbinden.

6530 Bewerber auf 300 Ausbildungsplätze

6530 junge Menschen haben sich im vergangenen Jahr um einen der begehrten 300 Ausbildungsplätze beworben. In einem mehrtägigen Auswahlverfahren werden die Fähigkeiten der Bewerber genau ausgelotet: Wie ausgeprägt ist ihr räumliches Vorstellungsvermögen? Wie gut können sie Informationen aufnehmen und sie sich merken? Wie schnell sind sie im Kopfrechnen? Können sie mehrere Dinge gleichzeitig im Blick behalten? Wie gut ist ihr Reaktionsvermögen? Sind sie teamfähig oder eher Einzelkämpfer?

Am Computer, in einem vereinfachten Flugsimulator und in Gruppen müssen die Pilotenanwärter diverse Aufgaben bewältigen. Jede Runde könnte für sie die letzte sein. "Die Anspannung ist dabei natürlich groß", sagt Veronika Parg. "Aber als ich es dann geschafft hatte, war ich einfach nur noch glücklich", erinnert sich die Mittzwanzigerin aus Landshut. Eine Erfahrung, die sie mit ihrem Mitschüler Timo Purschke aus Berlin teilt.

Beide hatten zuvor andere Berufe. Veronika Parg ist gelernte Fluggerätelektronikerin, Timo Purschke hat als passionierter Wasserballer eine Profisportler-Karriere hinter sich. Vorerfahrungen, die für den Pilotenberuf nützlich sein können. "Ich weiß halt schon aus meinem ersten Beruf, wie es ist, viele Männer als Kollegen zu haben", sagt Veronika Parg lachend. Und Timo Purschke hat im Mannschaftssport erlebt, wie wichtig Teamgeist ist. "Den braucht man als Pilot ja auch", sagt der 28-Jährige. "Im Cockpit ist man schließlich nie alleine."

Selbstüberschätzung ist fehl am Platz

Foto von Ausbildungsleiter Jürgen Kamps
Draufgänger? Nein danke! Die eigenen Fähigkeiten realistisch einschätzen zu können – das hält Ausbildungsleiter Jürgen Kamps für eine wichtige Eigenschaft eines Piloten. Foto: Thomas Joppig

Piloten heben zwar fast jeden Tag ab, doch charakterlich sollen sie mit beiden Beinen fest auf dem Erdboden bleiben: "Wir suchen Menschen, die sich selbst gut einschätzen können. Jemand, der zu Selbstüberschätzung neigt, ist in diesem Beruf fehl am Platz", sagt Jürgen Kamps. "Die Hierarchie an Bord ist in den vergangenen Jahrzehnten bewusst flacher geworden", ergänzt Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty. "Das Arbeitsklima im Cockpit muss stimmen - das ist besonders in kritischen Situationen wichtig. Wenn eine junge Copilotin merkt, dass der erfahrene Flugkapitän neben ihr gerade etwas falsch macht, muss sie ihm das ohne Befürchtungen auch sagen können."

Die Ausbildung zum Piloten dauert gut zweieinhalb Jahre. Im ersten Jahr steht vor allem Theorie auf dem Lehrplan: Die so genannten Nachwuchsflugzeugführer lernen die Technik von Flugzeugen kennen, planen Flüge anhand von Luftkarten und berechnen den dafür nötigen Kerosinbedarf. Außerdem bekommen sie Grundlagen der Meteorologie und des Luftrechts vermittelt und lernen, wie Piloten und Fluglotsen per Funk Informationen austauschen.

60 Stunden verbringen sie im Flugsimulator und trainieren dort auch den Umgang mit Ausnahmesituationen - zum Beispiel, wie sie das Flugzeug trotz eines Triebwerkschadens sicher zu Boden bringen. Die ersten echten Flüge absolvieren die Piloten in spe in Phoenix/Arizona. "Das Wetter ist dort sehr beständig. Das ist für den Anfang ideal", sagt Kamps. Vier bis fünf Monate bleiben die Flugschüler in den Staaten.

"Ich habe schon Respekt vor der Verantwortung, die dieser Beruf mit sich bringt", sagt Veronika Parg. "Aber ich finde es auch schön, der Technik nicht ausgeliefert zu sein, sondern sie selbst steuern zu können."

Die Ausbildung zum Pilot ist kostspielig und personalintensiv: 111 Lehrkräfte, darunter 82 Fluglehrer, unterrichten die 496 Auszubildenden in Bremen und Arizona. 60.000 Euro beträgt der Eigenanteil der Flugschüler, den sie während ihrer Berufslaubahn in monatlichen Raten zurückzahlen müssen. "Dieser Eigenanteil macht nur etwa ein Drittel der gesamten Ausbildungskosten aus", schätzt Lufthansa-Sprecher Lamberty.

Bislang wurde jeder übernommen

Eine Garantie auf einen Arbeitsplatz in einem Lufthansa-Cockpit gibt es formaljuristisch zwar nicht. "Aber bislang wurde jeder, der seine Ausbildung hier erfolgreich beendet hat, auch übernommen", sagt Ausbildungsleiter Kamps, "im vergangenen Jahr immerhin 170." Darin unterscheide sich die Verkehrsfliegerschule in Bremen von vielen anderen Ausbildungsstätten für Piloten.

Bedingt durch die Wirtschaftsflaute hat die Kranich-Airline in diesem Jahr die Zahl der neuen Schüler allerdings von 300 auf 240 abgesenkt. Die Piloten müssen sich anfangs schon mal mit Teilzeitverträgen zufrieden geben oder Wartezeiten überbrücken. Zum Beispiel indem sie übergangsweise bei anderen Fluggesellschaften arbeiten oder die Deutsche Flugsicherung bei der Ausbildung von Fluglotsen unterstützen.

Wer es dann allerdings ins Lufthansa-Cockpit geschafft hat, kann sich über einen begehrten Arbeitsplatz mit überdurchschnittlichem Gehalt freuen. Das Einstiegsgehalt eines Lufthansa-Piloten liegt bei 60.000 Euro im Jahr. Veronika Parg macht sich wegen der Wirtschaftsflaute denn auch keine Sorgen: "Es gibt immer Höhen und Tiefen, und wir werden eben in einem Tief unsere Ausbildung beenden. Dass ich eine Anstellung bekomme, glaube ich sicher, es ist nur eine Frage des Zeitpunkts."

Auch Timo Purschke hat großes Vertrauen in die Ausbildung. Die Begeisterung für das Fliegen hat ihm sein Großvater, ein Flugingenieur, schon als Kind vermittelt. In den ersten Jahren ihres Berufslebens werden die Piloten auf vor allem auf Kurzstrecken eingesetzt, später auch auf Interkontinentalflügen. "Darauf freue ich mich jetzt schon", sagt Purschke. Sein Lieblingsflugziel heißt San Francisco. "Wenn man vom Cockpit aus auf die Golden Gate Bridge schauen kann - das muss großartig sein."

Mehr unter www.lufthansa-pilot.de

7.377 Zeichen, Autor: Thomas Joppig

Pressekontakt:

Deutsche Lufthansa AG

Michael Lamberty

E-Mail: michael.lamberty[at]dlh.de