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In fünf Stunden um die Welt

Foto eines Baums in der Wüste
Alle zwölf Minuten ein Tropfen Wasser: ein Ausschnitt der nigrischen Wüste im Bremerhavener Klimahaus. Foto: Klimahaus Bremerhaven 8° Ost

Erstellungsdatum: 22.06.2009


Von Lebensraum Wüste in die Südsee, von Alaska auf die Hallig Langeneß - im neuen Klimahaus in Bremerhaven ist das nur ein Katzensprung.

Etwas Puste braucht es schon, sonst bleibt der Wandersmann in der Felswand in Sichtweite der Weser hängen. Auf einer seilgesicherten steilen Stiege kraxelt er bei freundlichen 20 Grad Celsius etwa 15 Meter bis zum Gipfelkreuz auf dem Gletscher hinan. Kalt ist es dort oben in der Eishöhle des neuen "Klimahaus Bremerhaven 8°Ost" - doch schnell sind wieder die niedrigeren Hänge erreicht, auf denen Kühe weiden.

Im wirklichen Leben ist die Blümlisalp im Schweizer Kanton Uri die Heimat der Familie Infanger, die ihren Alltag als Nomaden der Berge bestreitet: Im Sommer geht sie mit den Kühen auf die Alp, im Herbst wieder ins Tal. Ein beschwerliches Leben und eins, das von der Natur abhängt, wie die Besucher anhand der Inszenierung ihres Lebensraums im Klimahaus erfahren. Ohne die Kräuter auf den Wiesen wäre schließlich der Schweizer Käse nicht mehr, was er war. Sagen jedenfalls die sprechenden Kühe, von denen nur die Hinterteile aus der Wand herausschauen.

Einflüsse des Klimas

Szene 1 in der neuesten Attraktion am Alten Hafen von Bremerhaven. Noch ist das 11.500 Quadratmeter große Klimahaus fest in der Hand der Handwerker, seine Innenausstattung erst im Bau. Ab der Eröffnung am 27. Juni aber können Besucher auf eine Reise entlang des achten östlichen Längengrades gehen, präzise: 8°34’ Ost. Auf diesem Längengrad, auf dem auch Bremerhaven liegt, sind die Ausstellungsmacher um die Welt gereist und haben die Geschichten der Menschen in Szene gesetzt, denen sie begegneten.

"Besucher sollen zunächst die Vielfalt unseres Planeten erleben und welchen Einfluss Klima und Wetter, ihre Schwankungen und ihr Wandel auf das Leben der Menschen haben", erklärt Sprecher Wolfgang Heumer das laut Angaben weltweit einzigartige Konzept. Neben der Schweiz lernen Besucher Sardinien, Niger und Kamerun, die Südseeinsel Samoa, die Antarktis, Alaska und die Nordsee-Hallig Langeneß kennen, zum Teil mithilfe von gewaltigen Wasserlandschaften und Aquarien. Im Klimahaus schrumpft der erdballumspannende Weg von 38.000 Kilometern Länge zwar auf nur einen Kilometer. Der aber hat es in sich: "Die Reise dauert etwa vier bis fünf Stunden", sagt Heumer.

Wissenschaft zum Anfassen

Foto von Besuchern im Klimahaus
Im Klimahaus reisen Besucher entlang des achten Längengrads um die Welt. Foto: Klimahaus Bremerhaven 8° Ost.

Hat sie der Ausflug neugierig gemacht, können die Besucher in den anderen, kleineren Bereichen des Klimahauses ihr Wissen vertiefen. In "Elemente" setzen sie sich an mehr als 100 interaktiven Exponaten mit den Faktoren auseinander, die das Klima bestimmen. Die "Perspektiven" zeigen, wie sich das Klima in der Erdgeschichte immer wieder verändert hat und wie der Klimawandel das Leben im Jahr 2050 beeinflussen wird.

Im Bereich "Chancen" geht es um eigene Möglichkeiten für den Klimaschutz, angefangen vom Einsatz von Leuchtdioden statt Glühbirnen bis zum Fahrsimulator. In der Wetterstation auf dem Dach schließlich können sich Besucher als Meteorologen und ein Stockwerk tiefer im Fernsehstudio als Wetter-Reporter versuchen. Die wissenschaftliche Präzision und Aktualität soll der Austausch mit Forschungseinrichtungen garantieren: mit dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, dem Max-Planck-Institut für Meteorologie und dem Deutschen Wetterdienst.

Wissenschaft zum Anfassen: Das ist das Konzept klassischer "Science Center". Heute gibt es knapp 20 in Deutschland, das erste große entstand 2000 mit dem Universum in Bremen. Seine Schöpfer, das Entwickler-Duo Petri + Tiemann, haben auch das Klimahaus konzipiert. Sie sind beim vier Mal so großen und laut Angaben eines Sprechers des Bremerhavener Magistrats rund 100 Millionen Euro teuren Klimahaus aber noch zwei Schritte weitergegangen: Hier dreht sich alles um ein einziges, aktuelles und drängendes Thema, das zudem hochkomplex und kompliziert ist. Und es wird nicht nur mit spielerischer Wissenschaft abgehandelt - es lässt sich bei der Weltklima-Reise buchstäblich erfühlen. Den Ausdruck Science Center hört man im Haus denn auch nicht gern: Es wirbt für sich vielmehr als erste "Wissens- und Erlebniswelt" in Deutschland.

Und die wird etwa 600.000 Gäste jährlich anlocken, hoffen die Investoren: "Wir wollen mit leicht verständlichen, spannend präsentierten und wissenschaftlich fundierten Angeboten mehr Orientierung schaffen", kommentiert Carlo Petri. Zudem wolle man ein Freizeiterlebnis ermöglichen, das Besucher nicht so schnell vergessen. Und: "Ohne erhobenen Zeigefinger wollen wir sie letztlich auch zum persönlichen Handeln in Sachen Klimaschutz bewegen."

Tuaregs und Traumstrände

Zurück auf die Schweizer Alp. Hier wird die Besucher demnächst eine schwankende Seilbahn erwarten, um sie im Tal abzusetzen - und zwar in Sardinien. Auf Insektengröße geschrumpft, wandern sie dann bei 30 Grad Celsius durch übermannshohe Grashalme zu einer leeren Coladose. Auf den Computern im Innern können sie Wettergott spielen. Jonglieren sie geschickt mit Tiefs und Hochs, prasselt im angrenzenden Raum Regen auf einen originalen Fiat 500.

Ein paar Meter weiter werden über einem 200 Quadratmeter großen Ausschnitt aus der Wüste im afrikanischen Niger Tuareg-Gesänge in der glutheißen Luft hängen, auf den einzigen Baum darin fällt alle zwölf Minuten ein Tropfen Wasser. In der ähnlich großen Antarktis-Inszenierung stapfen Besucher bei Minusgraden durch eine Eislandschaft. Auf Samoa stehen sie am Traumstrand, schauen den exotischen Fischen im Wasser zu. Auf der Hallig drängen sie sich auf dem höchsten Punkt, während zu ihren Füßen die Flut steigt. Und wenn die Ausstellung funktioniert, wie sie soll, merken Besucher spätestens jetzt: Wenn sie nichts tun, wird die Flut sie bald verschlingen.

Mehr unter www.klimahaus-bremerhaven.de

5.738 Zeichen, Autorin: Imke Zimmermann

Pressekontakt:

Klimahaus Bremerhaven 8° Ost

Wolfgang Heumer

+49 471 90203029+49 171 4135206

E-Mail: heumer[at]klimahaus-bremerhaven.de

 

Erstellungsdatum: 22.06.2009