Sie sind hier:

Wo Seeleute vor Anker gehen

Foto von Pastor Bick
Gemeinsam mit der Bremer Seemannsmission bietet Pastor Bick Seeleuten ein Zuhause in der Ferne. Foto: Frank Pusch

Seit 155 Jahren bietet die Bremer Seemannsmission Seeleuten ein "Zuhause auf Zeit". Wie stark die Schifffahrt von der globalen Wirtschaftskrise betroffen ist, spürt man auch hier, in der ältesten Seefahrermission Deutschlands.

Wenn Seemannspastor Peter Bick in diesen Wochen in die Bremer Häfen hinausfährt, sieht er ein immer wiederkehrendes Bild: Nur wenige Schiffe liegen in den Häfen, die globale Finanzkrise hinterlässt ihre Spuren wie in allen Häfen der Welt. 90 Prozent des Warenhandels finden auf dem Seeweg statt. Wenn der Handel einbricht, gibt es weniger Fracht für die Schiffe. Die Folge sind immer mehr so genannte Auflieger - das sind Schiffe, die ohne Auftrag in oder vor den Häfen liegen. "Die Leute haben riesige Existenzängste", beobachtet Seemannspastor Peter Bick derzeit bei den Mannschaften der einlaufenden Schiffe. "Sie fürchten, zurückgeschickt zu werden." Hinzu komme die Angst vor Piraterie.

Seelsorge im Hafen

Die Seefahrt war vermutlich nie so romantisch, wie es Legenden suggerieren. Seeleute sind oft monatelang unterwegs. Bei immer kürzeren Liegezeiten in den Häfen sind die Landgänge heute nur kurze Stippvisiten.

Der Seelsorger und andere Missionsmitarbeiter fahren täglich hinaus und besuchen die Crews an Bord. Sie versorgen sie mit aktuellen Zeitungen, mit Informationen, mit Gesprächen. Oft genug nutzen Crewmitglieder die Möglichkeit, von ihren Sorgen zu berichten. Allein monatelang von der Familie getrennt zu sein, das ist nicht einfach. Die Kapitäne stehen zudem unter hohem Leistungsdruck.

Eine Auszeit an Land

Die Hausbesuche von Seemannspastor Bick führen ihn an ungewöhnliche Orte. Foto: Frank Pusch
Die Hausbesuche von Seemannspastor Bick führen ihn an ungewöhnliche Orte. Foto: Frank Pusch

Was der Pastor anbieten kann, sind Gespräche - und eine Einladung in den Seemannsclub. Täglich organisiert der Verein "Bremer Seemannsmission" einen Shuttle-Service zwischen dem Hafen und der innenstadtnah gelegenen Einrichtung. Für Schiffsbesatzungen sind es willkommene Stunden der Abwechslung. Von der Crew, vom Schiff, vom Wasser. Dafür gibt es ein Café, einen Garten, Vogelgezwitscher, Blätterrauschen, vielleicht Kindergeschrei von der Straße.

Manche setzen sich sofort mit ihren mitgebrachten Laptops ins Café zum "Skypen", zum kostenlosen Telefonieren im Internet, andere stehen in der Halle in der Telefonkabine oder ziehen sich in die Kapelle zurück. Dort hat Pastor Bick dafür gesorgt, dass alle großen Glaubensrichtungen vertreten sind. Im Keller ist der Club untergebracht - mit Billardtisch und einer Leinwand, die bei Fußballspielen ausgerollt wird. In der Ecke stehen ein paar Computer.

Bedarf auch nach 155 Jahren

Weltweit gibt es heute 34 Stationen der Deutschen Seemannsmission e. V., 16 davon in Deutschland. Die Arbeit wird durch die evangelische Kirche, Zuschüsse, Spenden und freiwillige Abgaben der Reedereien finanziert. Seit 155 Jahren besteht die Mission in Bremen - sie ist die älteste Deutschlands. 1854 hatte hier der Reeder Friedrich Martin Vietor das Heim für Matrosen und Schiffsjungen gegründet, um ihnen ein Zuhause in der Fremde zu geben.

Das Angebot steht auch heute noch: 55 Betten hat das Haus. Im Jahr 2008 zählte man 13.252 Übernachtungen, darunter vereinzelt Touristen. Der Aufenthalt der Seeleute hat sich im Laufe der vergangenen zehn Jahre auf ein, zwei Tage verkürzt, denn der Austausch der Crews wird möglichst passgenau organisiert. Das Schengener Abkommen sorgt zudem dafür, dass Nicht-Europäer ohne Visum zügig ausreisen müssen.

Die "Gestrandeten"

Ein Club, ein Café, ein Bett: Für Menschen wie Franco Parpaiola ist das Seemannsheim mehr als das. Gemeinsam mit zehn weiteren pensionierten Seeleuten lebt er in der ersten Etage des Hauses. Seit 2003, da wurde er arbeitslos. "Zum ersten Mal in meinem Leben", sagt der gebürtige Italiener. 1963 heuerte er bei der Norddeutschen Hochseefischerei in Cuxhaven an, bis 2003 fuhr er zur See. Danach war die Bremer Mission sein erster Anlaufpunkt.

Der 69-Jährige hat ein bescheidenes Zimmer mit Waschbecken, Tisch, Schrank, Bett und Stuhl. "So wie die Kabine eines Schiffes", sagt Parpaiola. Ob ihm da nicht mal die Decke auf den Kopf falle? "Wenn ich laut Chopin anstelle, bin ich hier weg." Aber oft genug will er einfach dort sein. "Ich brauche die Atmosphäre, nah an der Seefahrt zu sein." Wenn Seeleute hier übernachten, ist das für ihn eine Möglichkeit, in Kontakt zu bleiben. Im Internet betreibt er ein Blog, in dem er mit den Missständen in der internationalen Seefahrt abrechnet.

Eigentlich wolle er schon irgendwann ausziehen, sagt Parpaiola, raus aus dem Heim. Aber: "Wo soll man mit 70 noch hin?" Pastor Bick, die Heimmitarbeiter, die Zivis an der Rezeption, die vielen Ehrenamtler und die Kurzzeitgäste von den Schiffen: Für Seeleute wie ihn ist das ein Stück Heimat.

Mehr unter www.seemannsheim-bremen.de

4.694 Zeichen, Autorin: Astrid Labbert

Pressekontakt:

Heimleitung: Manuel von Stürmer

E-Mail: bremen[at]seemannsmission.org