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Ein Restaurant mit Ablaufdatum

Kneipe oder Kunstprojekt? Das dreijahre verbindet beides.
Kneipe oder Kunstprojekt? Das dreijahre verbindet beides. Foto: Thomas Joppig

Im Lokal "dreijahre" im Bremer Steintorviertel verschwimmen inmitten von Wirtschaftswunder-Sesseln die Grenzen zwischen Kunst und Alltag. Auf Zeit.

Plüschige Sessel und Sofas aus den 50er und 60er Jahren laden zum Verweilen ein. Kaum eine der Sitzgelegenheiten gleicht der anderen. Tropfkerzen und altmodische Vasen zieren die Tische, unter der Decke funkelt ein Kristalllüster. An der Wand steht ein weißes Klavier, darüber hängt ein Foto von einem jungen Mädchen im Ballettkostüm. Die gelb-braune, großgemusterte Wohnzimmertapete auf dem Foto lässt erahnen, dass es sich bei der Nachwuchs-Ballerina von einst inzwischen um eine Frau im reiferen Alter handeln dürfte. Auf dem Klavier steht ein Bild von "Frau Elfriede", einer streng blickenden, älteren Dame. Sie war die erste Gastwirtin am Fehrfeld 58-59 im Bremer Steintorviertel. 1917 ließ sie sich in einem der beiden Häuser nieder, die heute ineinander übergehen.

Von außen fällt das "dreijahre" nicht besonders auf. Nur ein unscheinbares, purpurfarbenes Schild mit mattgoldener Schrift und ein Tafelaushang mit den wechselnden Gerichten weisen auf das Restaurant hin. Dennoch hat es sich inzwischen zu einem Geheimtipp für Menschen entwickelt, denen die Mischung aus gutem Essen und skurrilem Ambiente gefällt. Was nur wenige wissen: Das "dreijahre" ist, wenn man so will, ein Restaurant mit eingebautem Ablaufdatum. Zwischen den Whisky- und Likörflaschen hinter der Bar tickt unablässig ein kleiner, digitaler Countdown-Zähler, denn der Name des Restaurants ist wörtlich zu verstehen: Drei Jahre lang wird es das „dreijahre“ geben. Mehr als zwei davon sind schon um.

Mancher Gastronom würde da den Kopf schütteln. Drei Jahre? So lange dauert es doch meist schon, bis ein neues Restaurant Geld abwirft. Mindestens. Doch Anneli Käsmayr und ihren Kolleginnen Claudia Heidorn und Jenny Kropp ging es nicht um den Verdienst, als sie das "dreijahre" im April 2007 eröffneten. Sie wollten ein Kunstprojekt verwirklichen. Mit einer Mischung aus Kneipen-Mobiliar und Möbeln aus Wirtschaftswunder-Zeiten schufen die drei Künstlerinnen ein Restaurant der Kontraste. Eines, in dem die augenzwinkernd zur Schau gestellte Tütenlampen-Bürgerlichkeit der 50er-Jahre auf abgerockte Tische und Stühle trifft.

Im "dreijahre" sollen sich Kunst und Alltag näher kommen. Spannend findet Anneli Käsmayr vor allem jene kontrastreichen Momente, in denen Gäste kauend durch den Raum schauen, sich über das leckere Essen freuen und sich zugleich fragen, "wo denn hier die Kunst ist". Für die 29-Jährige zeigt sich die Kunst bereits in diesen Augenblicken. "Kunst findet im Denken statt. Sie ist nichts, was man anfassen kann." Klar, diese Auffassung teile nicht jeder, und Anneli Käsmayr will sie auch niemandem aufzwängen. Aber mit den Gästen darüber reden - das tut sie schon gern, wenn es sich ergibt. "Da entstehen immer wieder interessante Gespräche."

Künstlerin aus Leidenschaft

Trotz des Erfolgs will Anneli Käsmeyer die Kneipe nach drei Jahren schließen. Foto: Thomas Joppig
Trotz des Erfolgs will Anneli Käsmeyer die Kneipe nach drei Jahren schließen. Foto: Thomas Joppig

Für Anneli Käsmayr ist Kunst etwas, das aus Leidenschaft entsteht. Und darum gefällt ihr auch ein Wort, das eigentlich eher negativ klingt: "Dilettant". "Ursprünglich war ein Dilettant jemand, der etwas aus Leidenschaft tut." Während ihres Studiums an der Hochschule für Künste Bremen gründete sie deshalb zusammen mit ihrer Kommilitonin Jenny Kropp das "dilettantin produktionsbüro". Zusammen kochten die beiden an Orten, an denen normalerweise keine Menüs kredenzt werden, zum Beispiel in Kunstgalerien oder in einer Energieleitzentrale. 2004 nahmen sie aus Spaß an einem Kochwettbewerb der "Zeit" teil und wurden von Gastronomiekritiker Wolfram Siebeck unverhofft mit dem zweiten Platz geehrt. Aus der Kochleidenschaft heraus entwickelte sich auch die Idee für das "dreijahre".

Mittlerweile führt Anneli Käsmayr das Restaurant alleine: Eine ihrer Kolleginnen zog nach Berlin, die andere wurde schwanger. Doch die Stammgäste, die sind ihr geblieben. Feste Rituale laden zum Wiederkommen ein: Jeden Sonntag flimmern "Tatort" oder "Polizeiruf" über die Leinwand, donnerstags kreieren Gastköche in der Küche das Menü, mal sind es Profiköche, mal kochbegeisterte Laien - zum Beispiel Teilnehmer der TV-Sendung "Das perfekte Dinner". Jede Woche gibt es eine neue handgeschriebene Speisekarte. Frische Zutaten sind Anneli Käsmayr wichtig, bei der Auswahl der Gerichte achtet der Küchenchef Jan-Philipp Iwersen auf saisonale Produkte.

Neben vielen jungen Gästen kommen auch solche, die die alten Sessel noch aus ihrer eigenen Jugend kennen dürften. Zum gemischten Publikum passt die Hintergrundmusik, die von Jazz bis Elektro reicht. In Interneteinträgen schwärmen Besucher über das heimelige Ambiente, den Pfefferminztee aus frischen Blättern, das leckere Essen oder das liebevoll zubereitete Frühstück. Ein Nutzer bezeichnet das "dreijahre" gar als sein "zweites Wohnzimmer".

Bei so viel Lob wäre es eigentlich schade, das Lokal nach drei Jahren wieder zu schließen, oder? Doch Anneli Käsmayr will sich an den kleinen Countdownzähler halten. "Wir haben uns bewusst auf drei Jahre beschränkt, um zu zeigen, dass wir es mit der Behauptung, Kunst zu machen, ernst meinen. Denn durch die zeitliche Begrenzung wird ja erst deutlich, dass unser Projekt nicht profitgetrieben ist", sagt die Wahlbremerin. "Als Künstlerin reizt es mich auch, mal wieder etwas Neues probieren."

Mehr unter www.dreijahre.org

5.334 Zeichen, Autor: Thomas Joppig

Pressekontakt:

Anneli Käsmayr

+49 421 7908840+49 421 3610000

E-Mail: willkommen[at]dreijahre.org