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Einsatz im ewigen Eis

Antarktische Sommergrüße: Wetterforschung zählt zu den Hauptaufgaben von Matthias Zöllner.
Antarktische Sommergrüße: Wetterforschung zählt zu den Hauptaufgaben von Matthias Zöllner. Foto: Karolina Weber

Auf der deutschen Forschungsstation in der Antarktis arbeiten Wissenschaftler unter Extrembedingungen. Und finden es großartig.

Deutschland im August: Ein Land wärmt sich am Spätsommer. Wenn Dr. Mathias Zöllner in diesen Tagen vor die Tür tritt, herrschen sogar weit mehr als 30 Grad Celsius - aber unter Null. Der 37-Jährige überwintert auf der Neumayer-Station in der Antarktis: "Es ist ein sehr interessanter Ort und eine spannende Aufgabe, in einer so abgelegenen Gegend selbstständig wissenschaftlich zu arbeiten", sagt er.

Mathias Zöllner ist Diplom-Meteorologe und Diplom-Ingenieur für Physik. Auf der vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) betriebenen Antarktis-Station ist er für das meteorologische Observatorium zuständig. Neben Luftdruck, Temperatur, Feuchte und Wind werden dort ständig Wolkenhöhe, Sichtweite und eine Vielzahl an Kenngrößen der atmosphärischen Strahlung gemessen. Alle drei Stunden gehen Zöllner oder eine Kollegin vor die Tür, um das Wetter darüber hinaus mit eigenen Augen zu erfassen. Zusätzlich startet er täglich einen Wetterballon, der Messungen vom Boden bis in etwa 30 Kilometer Höhe ermöglicht.

Sammlung von Langzeit-Datenreihen

Die erhobenen Daten, die in internationale Netze eingespeist werden, nutzen Wetterdienste für ihre Vorhersagen. Vor allem dienen sie aber der Klimaforschung. Wie verändert sich das Klima in der Antarktis und in der Folge anderswo auf der Welt? "Zur Beantwortung solcher Fragen sind Langzeit-Datenreihen über mehrere Jahrzehnte unerlässlich", erklärt der Meteorologe. Um die Messungen lückenlos zu halten und dabei die notwenige Qualität zu gewährleisten, müssen Menschen auf der Station überwintern.

Seit 1981 betreibt Deutschland in größerem Umfang Forschung in der Antarktis. Damals wurde die erste bemannte Station in Betrieb genommen, die ihren Namen nach dem Geophysiker und Förderer der deutschen Südpolarforschung Georg von Neumayer (1826-1909) bekam. 1992 musste eine neue Station im nach einer früheren norwegischen Königin benannten Dronning-Maud-Land gebaut werden. Weil sie wie der Vorgängerbau zusehends im Eis versank, errichtete das Alfred-Wegener-Institut fünf Kilometer entfernt Neumayer III. Diese Station steht auf hydraulischen Stelzen, die sie aus dem Eis in die Höhe stemmen können. Das soll ihr eine Lebensdauer von bis zu 30 Jahren sichern.

Seit Januar 2009 ist die neue Station bewohnt. In der Sommersaison können in der Station bis zu 40 Menschen leben. Zur Winter-Crew gehören ein Koch, ein Elektriker, ein Stationsingenieur und ein Elektroniker sowie ein Arzt, dem ein Stations-OP für Notfälle zur Verfügung steht. Wissenschaft betreiben neben Zöllner eine Umweltphysikerin sowie eine Geowissenschaftlerin und ein Physiker, die das luftchemische und das geophysikalische Observatorium betreuen. Gänzlich fremd war sich die Besatzung beim Einzug nicht: Zur Vorbereitung auf den Einsatz waren die Frauen und Männer bei einem Bergkurs zwecks Schulung und Teambildung unter Extrembedingungen in Österreich.

"Praktisch auf uns selbst angewiesen"

Wartungsarbeiten im Schutzanzug: Jessica Helmschmidt (li.) und Matthias Zöllner (re.) im meteorologischen Messfeld.
Wartungsarbeiten im Schutzanzug: Jessica Helmschmidt (li.) und Matthias Zöllner (re.) im meteorologischen Messfeld. Foto: Andreas Brehme

Alles, was sie zum Leben im ewigen Eis benötigen, musste vor März dieses Jahres zum Ekström-Schelfeis gebracht werden. Davon zehren sie nun, bis im Dezember der Sommer zurückkehrt. Im jetzigen antarktischen Winter können Schiffe aufgrund der Eisverhältnisse die Region nicht erreichen. Der Lufttransport ist wegen der Wetter- und Infrastrukturbedingungen ebenfalls nur während der Sommermonate möglich. "Abgesehen von Unterstützung über Telefon oder Internet sind wir praktisch auf uns allein angewiesen. Es kann durchaus zur Herausforderung werden, technische Schwierigkeiten hier ohne fremde Hilfe zu bewältigen", findet Zöllner.

Neun Menschen für Monate isoliert - geht man sich da nicht gelegentlich auf die Nerven? Wie in jeder Wohngemeinschaft gebe es kleine Differenzen, sagt Zöllner. Doch habe man für alle allgemeinen Aufgaben, wie zum Beispiel das Putzen, klare Regelungen verabredet. "Insgesamt sind wir ein ganz lockeres Team, das tolerant miteinander umgeht und arbeitet."

Und zu tun ist reichlich. Zöllners Arbeitstag zum Beispiel beginnt morgens mit einer ersten Wetteranalyse. Um 24 Uhr tritt er ein letztes Mal, in Spezialkleidung gehüllt und mit einer Maske vor dem Gesicht, in die antarktische Kälte hinaus. Dazwischen liegen im Schnitt zehn Stunden Arbeit mit den Daten des Observatoriums und an der Anlage selbst, die neu ist und noch Kinderkrankheiten hat.

Besuch in der "Bibliothek im Eis"

Wollen Zöllner und seine Kollegen entspannen, können sie im Sportraum Fitnesstraining treiben. Fernsehen ist zwar unmöglich, weil der Satellitenempfang zu schwach ist, aber es liegen viele DVDs zum Anschauen bereit. Über Internet und Telefon können sie Kontakt mit Freunden und Familie halten. Manche füttern auch das „EisBlog“ des Fernsehsenders Phönix oder die Antarktis-Postille „Atkaxpress“ des Alfred-Wegener-Instituts mit Stoff für die Fans der Überwinterer.

Lektüre für sich selbst finden sie nicht nur in der kleinen Stationsbibliothek, sondern auch in exklusiver Umgebung: der „Bibliothek im Eis“. In dem 2005 von dem Künstler Lutz Fritsch aufgestellten, speziell isolierten Container befinden sich ein gemütlicher Leseraum und mehr als 1.000 von Künstlern und Wissenschaftlern gespendete Bücher.

Manchmal besuchen sie auch die Kaiserpinguinkolonie in der nahen Atka-Bucht oder unternehmen kleine Spaziergänge über das Eis. "Mir ist noch nie langweilig gewesen", sagt Mathias Zöllner. Was man schon deshalb glaubt, weil es für Zöllner bereits die zweite Überwinterung in der Antarktis ist. Eine Ausnahme, denn eigentlich ist der Einsatz eine einmalige Chance. Ob er sich nach seiner Rückkehr Anfang nächsten Jahres noch einmal um Arbeit im ewigen Eis bemüht? "Was dann wird, das zeigt sich, wenn es soweit ist. Momentan bin ich mit meiner Aufmerksamkeit und Energie noch ganz bei diesem antarktischen Winter."

Mehr unter www.awi.de, blog.phoenix.de/eiszeit und www.awi.de/de/infrastruktur/stationen/neumayer_station/

6.049 Zeichen, Autorin: Imke Zimmermann

Pressekontakt:

Alfred-Wegener-Institut

Margarete Pauls

E-Mail: Margarete.Pauls[at]awi.de