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Ein hanseatischer Tropfen von der Mosel

Auf die edlen Tropfen aus der Schatzkammer ist Ratskellermeister Karl-Josef Krötz besonders stolz.
Auf die edlen Tropfen aus der Schatzkammer ist Ratskellermeister Karl-Josef Krötz besonders stolz. Foto: Thomas Joppig

Ein kleines Stück Bremen liegt mitten in Rheinland-Pfalz. Oberhalb der ältesten römischen Kelteranlage nördlich der Alpen hat der Bremer Ratskeller einen eigenen Weinberg.
Die Bremer Speckflagge weht vor einer sonnenbeschienenen Anhöhe, die von goldgelben Weinblättern bedeckt ist. Davor fließt die Mosel ruhig und breit. Steil ragen die Weinberge in dieser Gegend empor. Das macht die Weinlese beschwerlich, doch die Mühe lohnt sich: Dank der abschüssigen Südlage sonnen sich die Riesling-Trauben fast den ganzen Tag lang. Der schieferhaltige Boden speichert zudem die Wärme und sorgt dafür, dass die Rebstöcke auch nachts nicht auskühlen. "Diese Kombination verleiht den Trauben ihre besondere mineralische Würze", weiß Bremens Ratskellermeister Karl-Josef Krötz, der Chef des größten Weinkellers Deutschlands. "Es gibt kaum einen besseren Ort, an dem Riesling gedeihen kann." Seit acht Jahren hat der Ratskeller in dieser privilegierten Lage am Ufer der Mosel, etwa 100 Kilometer südlich von Koblenz, einen eigenen Weinberg - und wenn Krötz davon zu erzählen beginnt, kommt er unweigerlich ins Schwärmen.

"Erdener Treppchen" nennt sich diese Weinbergslage, benannt nach der 400-Seelen-Gemeinde Erden, die sich auf der gegenüberliegenden Moselseite befindet. Ein Ortsname, der für Wortspiele wie geschaffen ist. Krötz zitiert denn auch sehr frei aus dem Alten Testament: "Schon in der Bibel heißt es ja: ‚Am Anfang schuf Gott Himmel und Erden’." Anschließend, so erzählt man sich in der Moselgemeinde, sei der Schöpfer das Erdener Treppchen hinuntergestiegen, um zu sehen, was er geschaffen hat. Und das gefiel ihm der Legende nach so gut, dass er an dieser Stelle göttlichen Wein wachsen ließ. Der Ratskellermeister erzählt diese Geschichte zwar mit einem schelmischen Lächeln, lässt aber keinen Zweifel daran, dass zumindest an der Sache mit dem göttlichen Wein wirklich etwas dran ist. "Das Erdener Treppchen", so sagt er, "sorgt für Glücksmomente auf der Zunge."

Schon die Römer liebten diesen Wein

Am Erdener Treppchen, etwa 100 Kilometer südlich von Koblenz wächst der Bremer Wein.
Am Erdener Treppchen, etwa 100 Kilometer südlich von Koblenz wächst der Bremer Wein. Foto: Ratskeller

Das wussten offensichtlich bereits die alten Römer. So stießen die Erdener in den 90er Jahren bei Bauarbeiten und einer Flurbereinigung auf zwei römische Kelteranlagen aus dem zweiten und dritten Jahrhundert nach Christi Geburt. Bei der älteren dieser beiden Anlagen handelt es sich zugleich um die älteste römische Kelteranlage nördlich der Alpen - und oberhalb dieser Kelteranlage liegt der Weinberg des Bremer Ratskellers.

Mit den Erträgen aus dem Wein unterstützt der Ratskeller die kleine Gemeinde, die mit der Sicherung und dem Erhalt der historischen Kelteranlage überfordert war. "Wir tragen so zum Erhalt einer einzigartigen Kulturlandschaft bei", erklärt Krötz, warum sich Bremen die kleine Lage zu Eigen machte, die jährlich nur rund 1.000 Liter Wein abwirft. Er stammt "von der Mosel", wie er sagt, daher der Kontakt. Und im Erdener Treppchen kommt zusammen, was ihm wichtig ist: die Weinkultur seiner Heimat und die des Ratskellers.

"Sicher", sagt er, "wir hätten es auch so ähnlich machen können wie die Hamburger". Die bauen seit den 90er Jahren in kleinen Mengen Wein oberhalb der Landungsbrücken an, den der Senat nur bei besonderen Anlässen ausschenkt. "Doch ein Bremer Wein, der zum Beispiel am Ufer der Weser entsteht, hätte nicht zum Ratskeller und seiner mehr als 600-jährigen Geschichte gepasst", findet der 52-Jährige. "Wenn wir schon einen eigenen Wein haben, dann muss es ein Qualitätswein sein und nicht irgendein Tropfen, den man als Marketinggag an einer originellen Stelle anbaut."

Wer Karl-Josef Krötz an seinem Arbeitsplatz besucht, versteht diese Haltung. Schon in seinem Büro hinter den Stadtmusikanten ist ehrwürdige Ratskellertradition spürbar. Die bleiverglasten Fenster des Raumes zeigen Szenen einer Weinlese. Besprechungen hält der Ratskellermeister an einem schweren, runden Tisch ab, dessen drehbare Platte früher für Weinproben genutzt wurde - genauso wie das alte grüne Spuckbecken an der Wand neben der wuchtigen Holztür.

"Unterirdischer Bacchus-Tempel"

Der mehr als 600 Jahre alte Ratskeller ist eben mehr als ein Ort an dem Wein gelagert und ausgeschenkt wird. Er ist ein Ort voller Geschichten und Traditionen. Adolph Freiherr von Knigge sah ihn als "unterirdischen Bacchus-Tempel" und Heinrich Heine befand "... glücklich der Mann, der den Hafen erreicht hat und hinter sich ließ das Meer und die Stürme und jetzo warm und ruhig sitzt im guten Ratskeller zu Bremen". Den Dichter Wilhelm Hauff inspirierte das Gewölbe zu seiner 1827 erschienen Weinnovelle „Phantasien im Bremer Ratskeller“.

Ein wahrhaft köstliches Fundament des Rathauses: Mehr als 100.000 Flaschen in 1150 Sorten machen das Gewölbe zum größten und bestsortierten Fachhandel für deutsche Weine. Wer mit dem Ratskellermeister durch das Gewölbe geht, entdeckt zunächst ein modernes Weinlager mit Kühlanlage, Neonröhren und langen Metallregalen. Doch in zweien der Kellerräume lebt die Geschichte.

In dem einen fällt aus kleinen Fenstern mattes Licht auf schwere Eichenfässer mit kunstvollen Holzschnitzereien. Die Luft riecht wie Sherry. Dieser Duft stammt vom ältesten Fasswein Deutschlands, dem Rüdesheimer Rosewein aus dem Jahr 1653. Er verdankt seinen Namen nicht etwa seiner Farbe, sondern dem so genannten Rosekeller, in dem er lagert. Die dortige Rosenmalerei soll von einem italienischen Gast stammen, der sich einst als Ausgleich für seine Zechschulden auf einer Kupferplatte verewigte. Ausgeschenkt wird der alte, bernsteinfarbene Wein nicht jedoch mehr. Der Letzte, der ihn probieren durfte war Michael Broadbent, einstiger Leiter der Weinabteilung des Londoner Auktionshauses Christie’s. Im Standardwerk "Das grosse Buch der Weinjahrgänge" schwärmte er 1984 über das außergewöhnliche Geschmackserlebnis: "Intensiv, kraftvoll, mit Säure, die sonst nur von sehr altem Madeira erreicht wird."

Kostbare Schätze

Ein Tor aus schmiedeeisernen Weintrauben führt zur Schatzkammer, in der alte Flaschenweine im Gesamtwert von drei Millionen Euro lagern. Der älteste von ihnen ist ein Rüdesheimer Apostelwein aus dem Jahre 1727. Die Versteigerung einer dieser Weinflaschen erbrachte vor neun Jahren bei Christie’s umgerechnet rund 7.500 Euro.

Auch einige Flaschen "Erdener Treppchen" sind in der Schatzkammer zu finden. Es sind besonders erlesene Jahrgänge, die es zu edelsüßen Weinspezialitäten geschafft haben. Sie wurden in schmalen 375-Milliliter-Flaschen abgefüllt und nur an Ehrengäste Bremens verschenkt. Die klassische Spätlese aus anderen Jahrgängen wird dagegen auch verkauft. "Das Erdener Treppchen", findet Krötz, "ist ein Wein, der gut zu Bremen passt. Der Name klingt bescheiden, aber wer ihn trinkt, merkt, dass dieser Wein Kraft, Substanz und eine zurückhaltende Eleganz hat. Und das ist doch im besten Sinne des Wortes hanseatisch."

Mehr unter www.ratskeller.de

6.826 Zeichen, Autor: Thomas Joppig

Pressekontakt:

Bremer Ratskeller

Karl-Josef Krötz

E-Mail: office[at]ratskeller.de