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Für Klarheit im Ballastwasser-Tank

Foto einer Wurmlarve
Der Projektpartner in Newcastle fand unter dem Mikroskop Wurmlarven im Ballastwasser. Sie sind extrem anpassungsfähig und vermehren sich ohne Freßfeinde rasant. Foto: ttz Bremerhaven

Schluss mit ungebetenen Gästen an Bord von Schiffen: Ein internationales Projekt zur Ballastwasserreinigung unter Bremerhavener Führung steht kurz vor dem Abschluss.

Es sind Szenen wie aus einem Gruselfilm. Jedes Jahr im Mai kriechen Zigtausende Wollhandkrabben aus der Elbe bei Geesthacht; obwohl die handtellergroßen Tiere tonnenweise eingefangen und vernichtet werden, ist die Invasion längst nicht mehr aufzuhalten. Bereits 1912 wurde die behaarte Krabbenart, die eigentlich aus Nordchina stammt, erstmals in Deutschland nachgewiesen. "Sie wurde mit dem Ballastwasser eines Frachtschiffes eingeschleppt", weiß Dr. Gerhard Schories, Technischer Leiter des ttz-Instituts für Wasser-, Energie- und Landschaftsmanagement.
Ballastwasser ist in der Schifffahrt unverzichtbar – Frachter müssen Hunderte, manchmal sogar Tausende von Tonnen aufnehmen, um auch im schweren Seegang nicht zu kentern. Der Preis der Stabilität war bislang hoch: "Mit unbehandeltem Ballastwasser werden häufig Tiere oder Pflanzen eingeschleppt, die in ihrer neuen Heimat schwere Schäden anrichten können."

Ballastwasserbehandlung wird Pflicht

Foto eines Transportschiffs
Ballastwasser im Bauch von Transportschiffen sorgt für Fahrstabilität und den richtigen Tiefgang. Nach Ablassen des Wassers im Zielhafen kann esder Fischereiwirtschaft beträchtlichen Schaden zufügen. Foto: ttz Bremerhaven

Während die Riesenkrabben in erster Linie "nur" eklig sind, haben aus Südamerika "importierte" Bohrwürmer an Holzstegen und Pfählen in Nord- und Ostseehäfen bereits Millionenschäden angerichtet. Damit soll nun endlich Schluss sein. Die Weltschifffahrtsorganisation IMO schreibt für Neubauten ab sofort und für ältere Schiffe spätestens ab 2016 eine wirkungsvolle Ballastwasserbehandlung an Bord vor.

"Genau das passende Thema für uns", befand Schories. "Schließlich ist Wasser eines unserer zentralen Kompetenzfelder", sagt er, denn die Experten des Instituts haben im Rahmen von Wasser-Managementprojekten schon in allen Winkeln der Erde dafür gesorgt, dass kein Tropfen des kostbaren Nass’ vergeudet wird: durch Aufbereitung von Abwasser. In Schories’ Schilderungen klingt Abwasserbehandlung so, als sei sie das einfachste von der Welt. Die Kombination aus Filterung, bestimmten Chemikalien und ultraviolettem Licht entfernt größere Organismen und inaktiviert unerwünschte Mikroorganismen.

"Ganz so einfach war es dann doch nicht", räumt der routinierte Fachmann ein. Denn Herausforderungen warteten zuhauf auf die Experten. Die Organismen, um die es geht, sind unter Umständen nur Bruchteile von Millimetern groß, eingesetzte Chemikalien dürfen beim Ablassen des Ballastwassers keine Umweltschäden anrichten. Zudem dürfen Reinigungsanlagen auf Schiffen nicht besonders groß sein (Schories: "Das ginge sonst zu Lasten des bezahlten Frachtraumes"), müssen aber Großes leisten: "Wir reden hier unter Umständen über bis zu 5.000 Kubikmeter Wasser, die binnen einer Stunde an oder von Bord gepumpt werden."

Internationale Kooperation

Dass die Wissenschaftler mit internationalen Partnern kooperieren, lag nicht nur an der Größe der Aufgabe; vielmehr ist das Prinzip des ttz. Ursprünglich für den regionalen Technologietransfer zwischen der Hochschule Bremerhaven und der heimischen Wirtschaft gegründet, operiert es auf seinen sieben Geschäftsfeldern längst europa- und häufig sogar weltweit. Ausgangspunkt sind stets Projekte, die zumindest thematisch einen engen Bezug zu Bremerhaven und zur dortigen Wirtschaftsstruktur haben. Lebensmitteltechnologie, Energietechnologie, Themen rund ums Wasser bis hin zur Blauen Biotechnologie stehen im Vordergrund.

"Wir widmen uns Aufgaben, die für die Industrie interessant sind, deren Lösung mittelständische Unternehmen aber aus eigener Kraft nicht bewerkstelligen können", sagt Schories. Denn den Kleinen und Mittleren fehlt es zumeist an Geld oder Manpower oder Zeit - häufig auch an allen drei Faktoren: "Da kommen wir ins Boot, organisieren Projekte und die notwendigen Fördermittel sowie die wissenschaftlichen Partner mit dem passenden Know-how." In seiner Internationalität ist das Ballastwasser-Projekt dabei typisch für die Vorgehensweise der ttz-Experten.

Wissenschaftler und Unternehmen aus Deutschland, Großbritannien, Spanien, der Türkei, Frankreich, Portugal und Israel wurden zusammengeführt; jeder steuert das bei, was er am besten kann. Regelmäßig informieren sich die Projektpartner und suchen auch neue Wege, wenn das Vorhaben an irgendeiner Stelle ins Stocken gerät: "Wir sind diejenigen, die das Ganze organisieren, vorantreiben und koordinieren", beschreibt Schories die Rolle des ttz.

Stillschweigen über das genaue Verfahren

Die Ergebnisse eines Vorhabens können dann alle Partner nutzen; bestimmte technologische Entwicklungen unterliegen deshalb aber der Vertraulichkeit - beispielsweise die in dem Verfahren eingesetzten Substanzen. "Im Prinzip ist es eine Art Elektrolyse", verrät Schories lediglich. Das Stillschweigen ist verständlich. "Es gibt viele konkurrierende Systeme auf dem Markt." Nach den ersten Tests der Anlage betrachtet Schories die Mitbewerber allerdings mit Gelassenheit: "Dieses Verfahren benötigt nichts, das für viel Geld eingekauft werden muss und das dann auch noch teuren Lagerraum an Bord blockiert." Die Wollhandkrabbe bei Geesthacht wird das Verfahren nicht mehr besiegen: "Aber die Sorge der Reeder vor einer zu hohen Kostenbelastung haben wir wohl beseitigt", meint Schories.

Mehr unter www.ttz-bremerhaven.de

5.250 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Pressekontakt:

ttz Bremerhaven

Dr. Gerhard Schories

E-Mail: gschories[at]ttz-bremerhaven.de