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Mörderische Fußtritte

Foto von Dr. David Heinke
"In der Regel ist davon auszugehen, dass ein Täter wusste, was er tat", sagt Dr. David Heinke. Foto: Gisela Behrens/Senator für Inneres und Sport

Wer tritt, weiß, dass er töten kann: Das ist das Ergebnis der Studie eines Bremer Juristen. Sie dürfte Folgen für das Strafmaß haben.

Dominik Brunner stellte sich am 12. September 2009 schützend vor vier Kinder, die von Jugendlichen bedroht wurden. Dafür schlugen und traten ihn zwei 17 und 18 Jahre alte Teenager auf einem Münchener S-Bahnhof tot. War das Vorsatz, oder handelten sie "nur" fahrlässig? Die Doktorarbeit eines Bremer Juristen an der Universität Bremen legt nahe: Den Tätern muss bewusst gewesen sein, dass sie dem Unternehmer tödliche Verletzungen zufügen konnten.

"Tottreten - eine kriminalwissenschaftliche Untersuchung von körperlichen Angriffen durch Fußtritte gegen Kopf und Thorax" heißt die Studie von Dr. Daniel Heinke, der als Staatsanwalt die Anklage gegen den Ziehvater des zu Tode gequälten Kevin vertrat und inzwischen beim Bremer Senator für Inneres und Sport beschäftigt ist.

Schon ein einzelner Tritt kann töten

Zum einen wertete Heinke in seiner Arbeit die rechtsmedizinische Literatur zu Fußtritten aus - mit unerwarteten Ergebnissen. Entgegen häufiger Annahmen kann demnach schon ein einzelner Tritt tödlich sein. Dabei kommt es auch nicht auf das Schuhwerk an. Auch Geschlecht oder Größe des Täters sind nicht entscheidend. Selbst barfuß können Angreifer Opfern tödliche Verletzungen zufügen. Sterben diese nicht an den Tritten, ist das oft nur Zufall und liegt nicht daran, dass die Täter weniger brutal vorgingen.

Zum anderen befragte der Jurist 830 junge Männer und Frauen aller Bildungsgrade, für wie gefährlich sie Fußtritte halten und welche Verletzungen sie erwarten. 90 Prozent schätzten Tritte gegen den Kopf als lebensgefährlich ein - unabhängig von Geschlecht und weitestgehend auch Bildungsniveau. Weitere neun Prozent hielten sie für sehr gefährlich. Ein Drittel der Befragten erklärte zudem, bei einem solchen Angriff tödliche oder lebensgefährliche Verletzungen sogar zu erwarten.

Tritte gegen den Oberkörper schienen nur 30 Prozent der Befragten lebensbedrohlich, weiteren 46 Prozent sehr gefährlich. Mehr als 90 Prozent rechneten mit Knochenbrüchen, viele auch mit der Verletzung von Organen und inneren Blutungen.

Vorsatz oder nicht? Diese Frage ist für das Strafmaß relevant. Vorsatz bedeutet dabei nicht gezieltes Handeln, "sondern sich damit abzufinden, dass der Tod eintreten kann - das muss nicht gewollt sein", erklärt Heinke. Bislang verneinten Gerichte trotz schwerster Misshandlungen oft einen Tötungsvorsatz. Ihr Argument: Es sei nicht auszuschließen, dass dem Täter die Gefährlichkeit der Verletzungen im Moment der Tat nicht bewusst gewesen sei.

In der Regel Vorsatz

"Zukünftig wird man in der Regel davon ausgehen müssen, dass ein Täter wusste, was er tat. Das heißt nicht, dass es im Einzelfall nicht auch anders gewesen sein kann – aber es wird deutlich schwerer werden, die Richter davon zu überzeugen", wertet Heinke seine Forschungsergebnisse. Dafür spreche der Nachweis, dass die breite Bevölkerung wisse, wie gefährlich Fußtritte seien.

Angesichts der immer wieder weit überdurchschnittlichen Brutalität solcher Taten sollten Gerichte auch prüfen, inwieweit eine Verurteilung nicht nur wegen Totschlags, sondern wegen Mordes aus Grausamkeit oder niedrigen Beweggründen in Frage kommt. Der Unterschied: Auf Totschlag stehen maximal 15 Jahre, auf Mord lebenslang.

Mit Interesse beobachtet Heinke nun, welche Schlussfolgerungen andere Juristen aus seiner Arbeit ziehen. Erstmals könnten seine Ergebnisse Einfluss auf die Verhandlung gegen die jungen Männer nehmen, die Dominik Brunner auf dem Gewissen haben.

3.597 Zeichen, Autorin: Imke Zimmermann

Pressekontakt:

Dr. Daniel Heinke

E-Mail: Daniel.Heinke[at]arcor.de