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Blütenpracht aus dem Labor

Gelber Frauenschuh
Der Gelbe Frauenschuh ist "Orchidee des Jahres 2010". Bei Bock Bio Science wird die bedrohte Pflanze durch Klonen bewahrt. Foto: Bock Bio Science

Christrosen blühen, wenn sie das sollen. Aurikeln, Enzian oder Frauenschuhe gedeihen im heimischen Garten. Möglich macht es das Bremer Unternehmen Bock Bio Science: durch Klone.

Die gelben Blüten durchziehen zarte lila Adern, auf manchen weißen liegt wie hingetuscht ein rosa Schimmer, Sorten in knalligem Pink wachsen neben vanillefarbenen mit lila Kelchen: Nicht die Tropen haben die prachtvollen Phalaenopsis-Orchideen hervorgebracht, sondern Menschenhand. Seit vielen Jahren züchtet das Bremer Familienunternehmen Bock Bio Science GmbH verschiedene Pflanzenarten. Jede einzelne ist perfekter, als die Natur sie schaffen könnte. Das Geheimnis: grüne Bio-Technologie.

"Wir spielen Bienchen", sagt Agrarwissenschaftlerin Friederike von Rundstedt mit einem Augenzwinkern, wenn sie Laien das Verfahren erklärt. Zuerst züchten ihre Mitarbeiter neue Sorten durch gezielte Bestäubung von Elternpflanzen. Die schönsten, robustesten und die am schnellsten und stärksten wachsenden Abkömmlinge werden dann durch In-vitro-Kultur vermehrt, also im Reagenzglas. Dabei entstehen genetisch identische Abkömmlinge, erklärt die Tochter der Firmengründer.

Sinn macht Klonen aus Kostengründen nur mit schwer vermehrbaren und seltenen Pflanzen. Christrosen zum Beispiel bereiten im Garten besonders Freude, wenn sie zu Weihnachten blühen. „Natürlich vorkommende Arten tun das zu 80 Prozent aber erst später“, sagt die Firmenchefin. Anders die geklonten Sorten: Nun gibt es jetzt Christrosen, die pünktlich erblühen, weil Züchter früh blühende Ausgangspflanzen hervorbringen konnten – und so die innere Uhr der Pflanzen nach den Wünschen des Menschen verstellten.
Der Gelbe Frauenschuh wiederum ist die größte und farbenprächtigste heimische Orchideenart und wurde gerade erst zur Orchidee des Jahres 2010 gewählt. Die bis zu 60 Zentimeter hohen Pflanzen mit ihrem bauchigen, an einen Damenschuh erinnernden Blütenkelch stehen unter strengem Naturschutz, denn ihre Lebensräume sind bedroht. Unter anderem Sammler dezimieren die Art, weil sie Pflanzen für den heimischen Garten ausgraben, obwohl diese sehr eigenwillige Standortansprüche haben. Die legale Alternative: Robuste Kreuzungen aus Bremer Produktion.

Mit Bananenmus und Geduld

Firmengründer Walter Plate mit Tochter Friederike von Rundstedt in einem der 13 Kulturräume von Bock Bio Science.
Grüne Biotechnologie ist Familientradition: Firmengründer Walter Plate mit Tochter Friederike von Rundstedt in einem der 13 Kulturräume von Bock Bio Science. Foto: Jörg Sarbach

Die Entstehung von Klonen ist in der Pflanzenbiologie prinzipiell ein natürlicher Vorgang, erklärt Friederike von Rundstedt. Jeder Ableger einer Grünlilie zum Beispiel ist ein exakter Klon der Mutterpflanze. Bock Bio Science verkürzt aber die Zeit, die natürliche Vermehrung benötigt, auf wenige Monate.

An rund 50 Werkbänken zerlegen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Dreischicht-Betrieb zum Beispiel Sprossenspitzen einer Mutterpflanze in gerade mal stecknadelkopfgroße Stücke. Nach einiger Zeit setzt das Stück neue Sprossen an. Diese werden abgetrennt, auf frische Nährböden gesetzt und bilden wieder neue Sprossen. Irgendwann existiert die Ursprungspflanze hunderttausend- und millionenfach.

Was schlicht klingt, erfordert enorm viel Know-how und Geduld. Schon die Erzeugung neuer Sorten durch Kreuzung, die dann durch Klonen vermehrt werden, dauert. Und welchen Nährboden werden die Pflänzchen besonders mögen? Pflanzliche Wachstumsstoffe oder pürierte Bananen gehören fast immer hinein. Doch gedeiht die Sorte besser auf einem - im sterilen Firmenlabor der Firma von Hand gekochten – Sud inklusive Kokoswasser, Ananas- oder Tomatensaft? "Das ist eine Frage von Versuch und Irrtum. Biologische Systeme reagieren verschieden und man braucht viel Erfahrung", sagt die Wissenschaftlerin.

Zeit benötigt auch die Anzucht. In den 13 Kulturräumen auf 5.000 Quadratmetern Regalfläche stapeln sich sterile Becher mit Pflanzen in verschiedensten Wachstumsstadien. Bei rund 27 Grad Celsius sonnen sich Orchideen in einem Raum bei exakt dosiertem Licht bestimmter Wellenlängen aus Leuchtstoffröhren. Gleich nebenan schlafen welche in völliger Dunkelheit.

Seit bald 100 Jahren im Gartenbau

Seit 1914 betreiben die Vorfahren von Friederike von Rundstedt Gartenbau in Bremen. 1984 dann gründeten ihre Eltern Renate und Wolfgang Plate das Biotechnik-Unternehmen W. Bock Pflanzenexport KG. Seinerzeit war es eines der ersten kommerziellen Pflanzen- und Gewebelaboratorien in Deutschland. Heute ist es als Teil der auf vier Unternehmen angewachsenen Bock-Gruppe, die ihre Produkte als Bock Bio Science vermarktet und als einzige so hoch spezialisiert ist: Rund 2.000 Sorten haben die Bremer schon vermehrt, überwiegend Orchideen, wie Renate Plate berichtet, die ebenfalls im Unternehmen mitarbeitet.

Aktuell bilden mehr als 50 Orchideen-Klone das Standardsortiment, weitere 100 sind in der Entwicklung, jährlich bringt das Unternehmen neue heraus. Bis eine Sorte so schön ist wie gewünscht, so widerstandsfähig und pflegeleicht, blühfreudig und überhaupt blühfähig, vergehen fünf bis sieben Jahre, sagt Friederike von Rundstedt. Bock Bio Science verkauft die Jungpflanzen dann an Gartenbaubetriebe vor allem in den Niederlanden, die sie bis zur Blühreife kultivieren. Ein Geschäft mit schmalen Margen und vielen Risiken.

Phalaenopsis-Orchideen, die einen Schwerpunkt der Arbeit bei Bock Bio Science ausmachen, gehören in Europa zu den beliebtesten Orchideen-Arten. Wegen des Booms der vergangenen Jahre verlegten sich viele Gärtnereien auf die Produktion. Daraufhin ließ ein Überangebot am Markt die Preise purzeln - heute sind Phalaenopsis auch beim Discounter zu haben.

Neue Geschäftsfelder

Nicht nur die Preisentwicklungen ihres Hauptprodukts, sondern auch der Anspruch an die eigene Innovationsfähigkeit zwingen Bock Bio Science dazu, ständig neue Produkte zu entwickeln. "Sonst würde es ja langweilig und unsere Wissenschaftler wären unterfordert", sagt Friederike von Rundstedt.
Das Unternehmen, das derzeit rund 80 Wissenschaftler und Techniker beschäftigt, experimentiert mit wertvollen Gehölzen wie Riegelahorn. Noch mehr interessiert sich das Haus für die Erzeugung von Heil- und Energiepflanzen wie zum Beispiel Algen.

Ausweiten wird Bock Bio Science auch sein internationales Geschäft. Seit 2006 arbeitet eine Niederlassung im chinesischen Qingdao. Bislang erzeugte das Unternehmen dort nur Orchideen für den Inlandsmarkt. Im Land herrsche aber großer Bedarf an anderen Pflanzen, weiß Friederike von Rundstedt und hat mit ihrer Familie schon einen Plan gemacht: "Neben der Wüsten- und Stadtbegrünung sind dort beispielsweise manche Erica-Sorten für Flächen-Renaturierung und Bodensanierung ein Zukunftsthema."

Mehr unter www.bockbioscience.com

6.475 Zeichen, Autorin: Imke Zimmermann

Pressekontakt:

Bock Bio Science

Friederike von Rundstedt

E-Mail: info[at]bockbioscience.com