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Es liegt ein Duft in der Luft

Aus der ganzen Welt kommen Händler und Hersteller, um den milden indonesischen Tabak in Bremen zu ersteigern.
Aus der ganzen Welt kommen Händler und Hersteller, um den milden indonesischen Tabak in Bremen zu ersteigern. Foto: Tabakbörse

In einer schmucklosen Halle im Bremer Europahafen floriert der Handel mit der Leidenschaft – für edle Rauchwaren.

Heute müssen wir uns einem zweifelhaft beleumundeten Genuss hingeben. Das Objekt der Lust misst gute 20 Zentimeter und duftet wie der Himmel: Wir müssen diese Zigarre rauchen.

"Mit Zigarren ist es wie mit dem Wein", sagt Wolfgang Köhne, Chef der Bremer Tabakbörse, der weltweit einzigen Börse für feinstes Kraut aus Indonesien. Er meint damit die Eigenschaft eines Produkts, den Konsumenten in eine Art genießerische Besessenheit zu versetzen. Gute Voraussetzung fürs Geschäft.

Köhne und seine acht Mitarbeiter der Börse und der Deutsch-Indonesischen Tabak-Handelsgesellschaft sitzen hinter den Glasbausteinen eines 60er-Jahre-Baus in der Nähe des Bremer Europahafens. Die schicken Lofts der Start-up-Unternehmen liegen nicht weit entfernt. Aber es sind Welten, die sie von dem Traditionsunternehmen trennen.

Joint Venture mit Indonesiern

Seit 50 Jahren wird hier indonesischer Tabak gehandelt. Vor 1959 verkauften die Plantagenbesitzer ihre Produkte in Amsterdam und Rotterdam. Nach einem Streit zwischen der indonesischen Regierung und den Niederländern verstaatlichte man die Plantagen. Bremens Ruf als Stadt des Tabak-Handels lockte die Indonesier - gemeinsam mit deutschen Partnern wie Köhne oder der Bremer Landesbank gründeten sie die Tabakbörse als neue Handelsplattform.

In dem Kontor ist die Ausstattung fast so alt wie das Gebäude – von 1962. Es duftet würzig nach Sumatra-Zigarre, die der Hausherr genussvoll schmaucht. "De Heeren van Ruysdael" heißt der Angriff eines niederländischen Zigarrenproduzenten auf alle guten Vorsätze. Für Börsenchef Köhne unschlagbar – trotz der Aufschrift "Roken is dodelijk". "Wie alles, so darf man auch das Rauchen nicht übertreiben", sagt Köhne, "eine Zigarre am Tag, einen Bordeaux dazu – mehr braucht man nicht." Und natürlich bietet er eine an. Ab jetzt wird es schwer, sachlich zu bleiben.

Tabakbörse – das klingt nach temperamentvollen Bietergefechten, nach schwitzenden Kulis, die immer neue Tabaksäcke heranschleppen, und einem schlitzohrigen Herrn mit Hämmerchen, Pult und Megaphon. Das Gegenteil ist wahr. Köhne führt in die Auktionshalle: meterweise leere, grobe Planken-Tische und Dutzende von Türen ringsherum. Es ist mucksmäuschenstill. Zweimal im Jahr werden hier die edlen Blätter zur Begutachtung ausgelegt und sehr viel lauter geht es dabei auch nicht zu.

Zwei Wochen Zeit für Expertise

Wolfgang G. Köhne
Tabak ist wie Wein, sagt Wolfgang G. Köhne, Direktor der Bremer Tabakbörse. Foto: Tabakbörse

Dann sind die Vertreter von Händlern und Herstellern aus der ganzen Welt angereist. Zwei Wochen lang beschnüffeln, betasten sie die Blätter, befeuchten, dehnen und rollen sie, testen die Farben und nehmen schließlich ein paar der Kostbarkeiten mit in einen der Probenräume, die ringsum angeordnet sind. Dort drehen sie Probezigarren aus den angebotenen Tabaken. In einem alchimistischen Prozess aus Erfahrung, Beurteilung der Tabakfarbe, des Duftes und der Konsistenz, dem "Brand", aus Geschmacksideal und Geldbeutel schmelzen sie ihr Gebot.

Dann folgt die "Einschreibung". Zwei Mal 45 Minuten haben die "Tobacco-Broker" an diesem Tag Zeit, um ihre Gebote, die so genannten "Tempi", zu notieren und in einem Umschlag diskret durch einen Schlitz in den Nebenraum zu schieben. Hier sitzen die Auktionatoren, die Vertreter der indonesischen Plantagengesellschaften. Unter den strengen Blicken ihres Staatspräsidenten und seines Stellvertreters, deren Portraits an der Wand hängen, suchen sie das beste Angebot aus und geben den Zuschlag.
Ein mäßiger Tabak bringt rund 15 Euro pro Kilo. Das sind die "Filler", also die Tabake für das Innere der Zigarre. Sie wachsen weiter oben an den Pflanzen und haben ein weniger feines Aroma. Spitzenware bringt es demgegenüber auf das Zehnfache.

Die Rede ist vom begehrten "Sandblatt", das ganz nah am Boden reift und während seines sechswöchigen Wachstums die Idealkombination aus Feuchtigkeit und Schatten erhält. Es ist dünn, würzig, fein und empfindlich, der kapriziöse Star unter den 16 Blättern einer Tabakpflanze, die schon für sich keinen eben einfachen Charakter hat.

Empfindliches Gewächs

Tabak ist anfällig, er liebt es feucht und warm – genauso wie die Schädlinge. Unter 15 Grad wächst er recht langsam, bei drei Grad minus stirbt die Pflanze. Ist der Wind zu schwach, droht Pilzbefall, ist er zu stark, zerstört er das Blatt. Und so weiter und so fort. Das feine Sandblatt kann als "Umblatt" dienen, das die Mischung der Filler-Tabake zusammenhält, und vor allem als Deckblatt, als makellose Haut von Zigarre oder Zigarillo.

Der Tabak aus Java und Sumatra gilt als milder Genuss. "Da können Sie eine rauchen, und wenn Sie wollen, nach einer Stunde eine zweite", sagt Köhne. Beim Kuba-Tabak, aus der die berühmt-berüchtigten Havanna-Zigarren gerollt werden, liegen die Dinge anders. Der Nikotingehalt ist extrem hoch. Wer sich also zu einer "Habano" entschließt, sollte sich an dem fraglichen Tag nichts mehr vornehmen. Köhne: "Nach einer Havanna sind Sie schrankfertig."
Beim Start der Bremer Börse 1961 hatten zwölf Banken unter der Führung der Bremer Landesbank 50 Millionen D-Mark zur Verfügung gestellt, um den Anbau der Pflanzen vorzufinanzieren, denn nach der Trennung von den niederländischen Börsen hatte man im Nachbarland die Erlöse der letzten Auktion einbehalten. Nun fehlte das Geld den indonesischen Plantagen, und die Bremer Vorfinanzierung half. "Anders als heute galt vor 50 Jahren noch das alte Motto der Bremer Handelsleute: Buten un binnen, wagen un winnen", sagt Köhne mit kritischem Blick auf die heutige, weit weniger freigiebige Praxis der Kreditvergabe. Der Handel mit Indonesien aber griff. Die Börse wurde ein Erfolg.

Zahl der Auktionen ist gesunken

Aber die Zeiten haben sich geändert. Seit Anfang der 90er Jahre pflanzen auch wieder Privatleute Tabak in Indonesien. Mit ihnen machen Händler weltweit Direktgeschäfte, unter anderem, um die Lagerkosten in Bremen zu sparen. Seither sank die Zahl der Auktionen von fünf auf zwei im Jahr.

Seit öffentlich immer weniger geraucht werden darf, geht zudem der Tabakkonsum in Europa zurück. "Im Restaurant möchte man gern eine Zigarre rauchen", sagt Köhne. "Aber wenn man dafür vor die Tür muss, dauert das zu lange, um wirklich zu genießen." Die Folge: Bei den edlen Tabaken sank der Absatz an der Bremer Börse bis heute um sechs bis sieben Prozent.

Köhne sagt: "Wir sind auf Veränderungen im Markt immer vorbereitet" und das glaubt man ihm. Er ist Tabakhändler in vierter Generation. Als Mitinhaber der Firma Helmering, Köhne & Co. lässt er auch selbst Tabak anbauen – in Indonesien, versteht sich. Das Erstaunlichste sagt er am Schluss: "Richtig Geld haben wir mit der Börse nie verdient. Die Banken und wir erhalten nur einen Abschlag vom Auktionserlös von unter einem Prozent. Es geht uns um die Tradition des alten Tabakhafens Bremen."

6.841 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Pressekontakt:

Bremer Tabakbörse

Wolfgang G. Köhne

E-Mail: wolfgang[at]koehne-bremen.de