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Mit Hausschuhen und Eigenverantwortung auf Platz eins

Lernen in Stillarbeit oder in Gruppen: Die Schüler können vieles selbst entscheiden und lernen Eigenverantwortung.
Lernen in Stillarbeit oder in Gruppen: Die Schüler können vieles selbst entscheiden und lernen Eigenverantwortung. Foto: Jörg Sarbach

Die Bremer Schule "Auf den Heuen" in einem sozial schwierigen Stadtteil wurde zu Deutschlands bester Ganztagsgrundschule: mit jahrgangsübergreifendem Lernen, offenen Räumen und viel Eigenverantwortung.

"Zwei mal drei macht vier, widdewiddewitt und drei macht neune. Ich mach' mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt." 36 Kinder sitzen an einem Dienstagmorgen im Stuhlkreis und singen das Pippi-Langstrumpf-Lied. Sie haben Projektunterricht, es geht um die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren. "Ist das nicht seltsam, was wir da gerade gesungen haben?" fragt die Sonderschulpädagogin Silke Hach. "Ist zwei mal drei denn vier?" Die meisten Kinder wissen, dass Pippis Rechnung nicht stimmt, und melden sich, sind ganz bei der Sache, kein Kind ruft dazwischen. Wer aufgerufen wird, antwortet in einem vollständigen Satz – geradezu vorbildlich muten die Zustände in der Grundschule "Auf den Heuen" an.

Erst Problemschule, dann ausgezeichnet

Die Schule "Auf den Heuen" ist Deutschlands derzeit beste Ganztagsgrundschule. Sie hat diese Auszeichnung bei dem Wettbewerb "Zeigt her Eure Schule" 2009 des Bundesbildungsministeriums für das beste Ganztagskonzept einer Grundschule erreicht. Nur eine Hauptschule war noch besser. Insgesamt konkurrierten 195 Schulen miteinander.

Mit der Überlegung, sich mit dem benachbarten Hort zu einer Ganztagsschule zusammenzuschließen, fing vor ein paar Jahren ein grundlegender Veränderungsprozess an der Schule an. "Die Schule hatte keinen guten Ruf", erinnert sich die Leiterin, Ute Lesniarek-Spieß. Im eher sozial schwachen Bremer Stadtteil Gröpelingen sind der Migrantenanteil und die Zahl der Hartz-IV-Bezieher hoch. Eltern, die ihre Kinder beim Lernen unterstützen können, sind rar.

Das Konzept

150 Kinder lernen an der Schule "Auf den Heuen" von der ersten bis zur dritten Klasse jahrgangsübergreifend in Lerngruppen. Die Lerngruppenteams aus Lehrerinnen, Erzieherinnen und Sozialpädagogen gestalten den täglichen Ablauf für ihre Gruppen selbst. So können sie das Lerntempo „ihrer“ Kinder am besten berücksichtigen. Lernerfolge werden zwar per Test und Diktat überprüft, aber eine Benotung gibt es nicht.

Die zeitliche Struktur ist vorgegeben, auch nachmittags findet Unterricht statt. Aber innerhalb der großen Lern- und Pausenblöcke bleibt Spielraum für individuelle Förderung. Der Unterricht dauert für die Jüngeren bis nachmittags um 15 Uhr, für die Größeren bis 16 Uhr. Neuerdings ist zwischen 11.30 Uhr und 12 Uhr "Lesezeit" für die ganze Schule: Die Kinder lesen selbst oder bekommen vorgelesen, regelmäßig geht es auch in die Stadtteilbibliothek. In der langen Mittagspause können die Kinder in der Schulmensa essen und die Zeit selbst gestalten, an einer AG teilnehmen oder selbstständig ihr Instrument üben, wenn sie sich für eines entschieden haben. Und das tun sie auch. So lernen die Kinder Eigenverantwortung.

Offene Räume

Ob Direktorin oder Erstklässler: In der Ganztagsgrundschule Auf den Heuen tragen alle Puschen.
Ob Direktorin oder Erstklässler: In der Ganztagsgrundschule "Auf den Heuen" tragen alle Puschen. Foto: Jörg Sarbach

Besonders sind auch die Unterrichtsräume: In den drei Trakten sind die Wände zwischen Schulfluren und Klassenräumen zum Teil eingerissen worden. Der Flur und der ehemals mittlere Klassenraum gehen offen ineinander über. In diesem foyerartigen Raum sind Computerarbeitsplätze und Gruppentische. Rechts und links davon gehen Lernräume ab, in die man durch Glastüren und große Fenster hinein sehen kann. Sie wirken lichtdurchflutet und offen.
Die Pädagogen behalten so die Schüler überall im Trakt im Auge. Die dürfen sich deshalb auch für eine Stillarbeit einen Platz irgendwo im Trakt aussuchen. Die Folge: Der an Schulen weit verbreitete hohe Lärmpegel ist hier deutlich geringer, weil allen Kindern sofort einleuchtet, dass Geschrei stört, andere genauso wie sie selbst. Zu der ruhigen Atmosphäre trägt noch bei, dass dies eine "Hausschuhschule" ist. Auch wenn Kinder herumlaufen bleibt es leise. Ob Direktorin, Sekretärin oder frisch eingeschulte Erstklässlerin: Alle tragen Puschen.

Mehr als Schule

Alle Schüler haben hier einen Mentor. Jeden Freitag trifft der sich mit seinen maximal neun Kindern, bespricht mit ihnen, wie sie ihre Lernziele der vergangenen Woche erreicht haben, und vereinbart mit jedem Kind ein neues, konkretes und überprüfbares Ziel. "Ich übe Schleife binden in der Pause und zu Hause", kann so ein Ziel sein. Es geht dabei auch um die persönliche Entwicklung. Sie kommt im Stadtteil schnell zu kurz. Die Schule springt auch dafür in die Bresche: Die Schüler können an einer Koch-AG teilnehmen oder töpfern, Basketball spielen, musizieren. Sie machen sich die Welt, widdewidde wie sie ihnen gefällt.

Mehr unter www.ganztaegig-lernen.org/www/web57.aspx

4.601 Zeichen, Autorin: Ulrike Bendrat

Pressekontakt:

Grundschule Auf den Heuen

Ute Lesniarek-Spieß

E-Mail: 010[at]bildung.bremen.de