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Eine haltbare Verbindung

Kräftezehrende Arbeit: Norman Schenk (li.) und Andres Beisswingert beim Spleißen eines Taus.
Kräftezehrende Arbeit: Norman Schenk (li.) und Andres Beisswingert beim Spleißen eines Taus. Foto: Thomas Joppig

Seile und Taue aus Bremen sichern Stuntmänner und Baumpfleger, hindern Kreuzfahrtschiffe am Forttreiben und befestigen sogar Bohrinseln am Meeresgrund.

Eigentlich hatte Georg Gleistein ganz andere Pläne gehabt, bevor er 1824 seine Seilfabrik eröffnete. Jahrelang hatte er an Bord eines Schoners Wein aus Bordeaux nach Bremen gebracht. Nun war er das viele Herumreisen leid, wollte endlich sesshaft werden und in Bremen eine Kneipe eröffnen. "Aber er bekam keine Schanklizenz. Sonst säßen wir heute nicht hier", sagt Thomas Schlätzer lachend. Der 38-Jährige führt die Firma, die sich mittlerweile seit acht Generationen in Familienbesitz befindet, zusammen mit seinem Cousin Klaus Walther.

Die Geo. Gleistein & Sohn GmbH ist damit das älteste industrielle Familienunternehmen Bremens und in vielen Segmenten nach eigenen Angaben Technologieführer. Georg Gleistein würde die Firma heute allerdings nicht mehr wieder erkennen. Schließlich wuchs er zu einer Zeit auf, in der man bei dem Wort Reeperbahn nicht etwa an die bekannte Hamburger Vergnügungsmeile dachte, sondern an das Verdrillen von Tauen. An beiden Enden einer 380 Meter langen Bahn wurden Fäden aus Hanf, Sisal, Kokos oder anderen Naturmaterialien so lange umeinander gedreht, bis sie sich zu einem dicken Seil verdichteten.

Heute erledigen das Maschinen. Mit ventilatorähnlicher Geschwindigkeit drehen sie als erstes dünne Chemiefasern zu dünnen Strängen und wickeln diese auch gleich auf eine Rolle. In der nächsten Maschine werden die Stränge mehrerer Rollen miteinander verflochten und ggf. in einem weiteren Flechter erneut umeinander geschlungen. Je öfter dieser Vorgang wiederholt wird, desto dicker wird der Strang. Die stärksten Taue von Gleistein Ropes haben mit bis zu 30 Zentimetern einen größeren Durchmesser als mancher Baumstamm.

Bis zu 1.000 Tonnen Belastung

"Schon ein Seil mit einem Durchmesser von vier Zentimetern hält bis zu 154 Tonnen Gewicht", sagt Thomas Schlätzer. "Solche Seile werden zum Beispiel zum Heben schwerer Lasten benötigt. Das Einsatzgebiet unserer Seile kann jedoch bis zur Verankerung von Bohrinseln am Meeresboden gehen – hier müssen einzelne Seile bis zu 1.000 Tonnen Belastung aushalten."

Nicht alle Arbeitsschritte beim Herstellen von Tauwerk lassen sich maschinell erledigen. Das Spleißen von Seilen ist bis heute harte körperliche Arbeit und sieht ein bisschen aus wie Tauziehen auf engstem Raum: Jeweils zwei Mitarbeiter müssen mit viel Kraft zerren, um mehrere Seile fest miteinander zu verbinden oder um in ein einzelnes Seil in ein sogenanntes Auge – eine Art stabile Schlinge – hineinzuzwängen. Dabei wird das Seil-Ende zurück in das Seil eingearbeitet. Dies ist zum Beispiel wichtig, damit Schiffe am Hafen festgemacht werden können.

Maßgefertigtes Tauwerk gehört zu den Spezialitäten von Gleistein Ropes. Schließlich segelt die Firma ganz praktisch hart am Wind. Das "Puma Ocean Racing Team" etwa schwört auf die Seile aus Bremen-Nord. Mit Erfolg: Beim Volvo Ocean Race 2008/09, dem härtesten Segelrennen der Welt, errang das Team bei seiner Weltumrundung eine Silbermedaille.

Abenteurer Arved Fuchs setzt auf Gleistein-Tauwerk

Auch Abenteurer Arved Fuchs nutzt an Bord seines umgebauten Haikutters "Dagmar Aaen" Tauwerk von Gleistein Ropes. Und wenn das größte und teuerste Kreuzfahrtschiff der Welt, die "Oasis of the Seas", in einem Hafen festmacht, fällt der Anker samt einem Tau aus Bremen.

Manche Stuntmänner und Baumpfleger hängen bei ihrer Arbeit ebenfalls an den Seilen aus der Hansestadt. Und als Christo 1995 den Reichstag in Berlin verhüllte, wurde die weiße Plane mit Seilen von Gleistein Ropes festgezurrt. Das Bremer Unternehmen stellt zudem die Seile für die Hamburger SkySails GmbH her: Sie produziert Flugdrachen, die an 300 Meter langen Seilen mit Frachtschiffen verbunden werden. Dank der Höhe und der Treibkraft des Windes sorgen die Drachen für eine beträchtliche Kraftstoffersparnis.

Suche nach immer haltbareren Seilen

Thomas Schlätzer führt das Familienunternehmen mit seinem Cousin Klaus Walther in der achten Generation.
Thomas Schlätzer führt das Familienunternehmen mit seinem Cousin Klaus Walther in der achten Generation. Foto: Thomas Joppig

So verschieden die Einsatzgebiete der Seile und Taue sind, so unterschiedlich ist auch ihre Beschaffenheit. Etwa 5.500 verschiedene Produkte hat Gleistein Ropes im Angebot. Das Ideal dabei ist immer dasselbe: hohe Beständigkeit und Reißfestigkeit bei möglichst geringem Gewicht. Auch die acht Mitarbeiter im Forschungs- und Entwicklungsteam versuchen, immer leichtere und zugleich noch haltbarere Seile zu erfinden.
Manches, was dabei entsteht, versetzt Außenstehende in Erstaunen. An speziellen Chemiefaserseilen, die nur einen Durchmesser von einem Zentimeter haben, können bereits fast zehn Tonnen schwere Lasten emporgezogen werden. Dieses Gewicht entspricht dem von drei ausgewachsenen Elefanten. Naturmaterialien wie Hanf werden bei Gleistein Ropes bereits seit rund 40 Jahren nicht mehr verwendet. „Kunstfasern halten wesentlich mehr Gewicht aus und sind obendrein witterungsbeständiger“, sagt Thomas Schlätzer.

Entscheidend für die Beschaffenheit eines Seils ist aber nicht nur das Material, sondern auch die Art und Weise, wie die einzelnen Stränge miteinander verbunden werden. Bei einfachen, elastischen Seilen werden sie spiralförmig zusammengedreht. Soll sich das Seil dagegen möglichst wenig dehnen, werden die Fasern eng miteinander verflochten. Daneben gibt es diverse Konstruktionen: von einfachen Rundgeflechten bis hin zu sogenannten Mehrkernseilen, die für besonders schwere Lasten geeignet sind.

"Das Kerngeflecht im Inneren des Seils besteht je nach Bedarf aus ganz unterschiedlichen Materialien", erklärt Schlätzer. Seile für Klettergerüste auf Spielplätzen enthalten als Kern beispielsweise ein Stahlseil. "Das ist ein Schutz vor Vandalismus – eine wichtige Sicherheitsmaßnahme, damit die Kinder gefahrlos spielen können", sagt der Geschäftsführer. "Ein Chemiefaserseil lässt sich verhältnismäßig leicht durchschneiden, bei einem Stahlseil ist das nur mit großem Aufwand möglich. Außerdem ist ein Stahlseil stabiler in der Form. Das ist beim Bau der großen Klettergerüste wichtig."

Zuversichtlich für die Zukunft

Gleistein Ropes beschäftigt insgesamt 160 Mitarbeiter, die Hälfte davon in Bremen, die andere Hälfte in der Slowakei. Im Jahr 2008 erzielte die Firma einen Umsatz von 15 Millionen Euro. Von der Wirtschaftskrise sei das Unternehmen weniger betroffen als andere Firmen, sagt Schlätzer: "Sicher, Yachten werden zur Zeit weniger gebaut als noch vor zwei Jahren. Aber weil wir Seile für die unterschiedlichsten Zwecke herstellen, sind wir auch nicht so sehr davon abhängig, wenn es einer bestimmten Branche mal nicht so gut geht. Klar gibt es trotzdem noch Schwankungen im Umsatz. Aber das ist normal."

Thomas Schlätzer blickt denn auch zuversichtlich in die Zukunft. „Des Kaufmanns Gut ist Ebbe und Flut“, sagt er. Ein Satz, der der maritimen Herkunft des Firmengründers, seines Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvaters, entspricht. "An dieser Regel hat sich eben bis heute nichts geändert."

Mehr unter www.gleistein.com

6.904 Zeichen; Autor: Thomas Joppig

Pressekontakt:

Gleistein Ropes

Thomas Schlätzer

E-Mail: schlaetzer[at]gleistein.com