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"Ich wünschte mir, zehn Jahre jünger zu sein"

Willi Lemke besucht den Khayelitsha-Township im südafrikanischen Kapstadt im Vorfeld der WM. Foto: UNOSDP
Willi Lemke besucht den Khayelitsha-Township im südafrikanischen Kapstadt im Vorfeld der WM. Foto: UNOSDP

Eine Konstante hat es in Willi Lemkes Leben offenbar immer gegeben: den Sport. In seiner gerade erschienenen Biografie ist das jetzt nachzulesen. Die Geschichte eines Sport-Fanatikers, Ex-Doppelagenten, Ex-Fußball-Managers, Ex-SPD-Bildungssenators und: amtierenden UN-Sonderberaters für Sport.

Es bedarf eines guten Timings, um Willi Lemke in Bremen anzutreffen. Rund 40 Prozent seiner Zeit, sagt der UN-Sonderberater, verbringe er in der Hansestadt, wo er sich in seinem Wohnhaus im Stadtteil Schwachhausen ein Büro eingerichtet hat. Die restliche Zeit: in Genf bei den Vereinten Nationen (UN), in Lausanne, wo viele Sportverbände ihren Sitz haben, in New York oder sonstwo in der Welt.

Zwei Jahre sind es jetzt schon, die er im Auftrag von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon versucht, für den Sport als Mittel für Entwicklung und Frieden zu werben, überall auf der Welt, vorrangig in Afrika. Der Sport soll helfen, die im Jahr 2000 formulierten Millennium-Entwicklungsziele der UN voranzutreiben, soll also einen Beitrag leisten zur Armutsverringerung, Bildung, Gleichberechtigung der Geschlechter, Aids-Prävention und zum Frieden. Eine große Aufgabe. Eine Lebensaufgabe. Und deshalb gibt Willi Lemke, 63 Jahre alt, in seinem Bremer Arbeitszimmer auch freimütig zu: "In den letzten zwei Jahren habe ich mir so häufig wie nie zuvor gewünscht, zehn Jahre jünger zu sein."

Tatendrang

Willi Lemke ist zweifelsohne ein Mensch mit Tatendrang. Seine Tätigkeit bei den Vereinten Nationen ist für den Politiker und Sportfunktionär eine Art logische Fortsetzung seiner beruflichen Karriere, die sich immer um die Schnittstelle Sport und Politik drehte. Das lässt sich in seiner biografischen Erzählung, die unter dem Titel "Ein Bolzplatz für Bouaké" (Deutsche Verlags-Anstalt) im März erschienen ist, gut nachvollziehen. Das Buch nimmt den Leser mit auf die Reise – in Lemkes Jugend, seine Zeit als Sportstudent, in der er vom KGB angesprochen wurde und dies sofort dem Verfassungsschutz offenbarte, als Werder-Manager in den 80er und 90er Jahren. Später wurde er SPD-Bildungs- und dann Innensenator in Bremen, 2008 schließlich der Wechsel aufs internationale Parkett.

Warum hat er sich gerade jetzt entschlossen, ein Buch zu schreiben? "Man soll ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und ein Kind in die Welt setzen, ein Buch fehlte mir noch. Ich habe nur ein bisschen unterschätzt, dass das sehr viel Arbeit ist", sagt er.

Dann im Ernst: Angesprochen habe man ihn schon vor Jahren. Doch erst mit dem neuen Auftrag als Sonderberater schien die Zeit gekommen. Dieser Tätigkeit widmet er denn auch einen Großteil des Buches. Die Anekdoten rund um den KGB und den früheren Werder-Trainer Otto Rehhagel sind interessant, aber die Erlebnisse der vergangenen zwei Jahre sind es noch mehr, weil sie den Sport von einer ungewohnten Seite beleuchten. Kann er wirklich für Frieden und Entwicklung eingesetzt werden? "Das ist auf jeden Fall möglich", sagt Willi Lemke. "Es gibt dafür auch viele Beispiele."

Sport schafft Perspektiven

Für die Vereinten Nationen in der Welt unterwegs: der Bremer Willi Lemke in Bouaké, Elfenbeinküste. Foto: UNOCI
Für die Vereinten Nationen in der Welt unterwegs: der Bremer Willi Lemke in Bouaké, Elfenbeinküste. Foto: UNOCI

Und er wird nicht müde, im Buch und in Interviews vom Judo-Projekt an der Elfenbeinküste zu erzählen, wo mit einfachster Unterstützung viel erreicht wird. Vom Fußballprojekt im Slum von Nairobi, in dem inzwischen 17.000 Kinder und Jugendliche nicht nur Sport treiben, sondern im Umweltschutz aktiv sind, kulturelle Kurse belegen und über Aids-Prävention informiert werden.

Es sind Projekte mit Modellcharakter und sie verkörpern das, was für Lemke seit jeher ohne Zweifel ist: Sport verbindet, Sport kann Werte schaffen und er kann kleine Friedensprozesse initiieren. Aber: "Es ist nicht so, dass der Sport etwa Krieg verhindern kann. Das konnte man bei den Olympischen Spielen in Peking leider sehr gut sehen, als parallel zur Eröffnungsfeier in Georgien gekämpft wurde, trotz der Ausrufung des olympischen Frieden."

Kleine Schritte

Seine Arbeit der kleinen Schritte vergleicht der passionierte Langstreckenläufer mit einem Marathon. Nach zwei Jahren sei er bei 5.000 Metern von 42 Kilometern angelangt. "Es ist mein Ziel, auf diesem langen Marathonlauf den einen oder anderen Akzent zu setzen", sagt Lemke. "Das heißt zu sagen: Liebe Regierungen, gebt erstens mehr Geld aus, weil es gute Projekte sind, und seht zweitens zu, dass sie nachhaltig wirken."
Sein Job ist der eines Förderers, Vermittlers, UN-Repräsentanten; ein eigenes Budget hat er nicht. Lemke spricht denn auch gern vom "Zusammenschnorren", wenn er versucht, einzelne Projekte zu unterstützen. Die gehen auch über den Sport hinaus: In diesem Jahr will er mithilfe von Sponsoren und Unterstützern 20 ausgesuchte Leute in den deutschsprachigen Raum holen, für Praktika und Arbeitserfahrung.

Eine Fußballerin aus einem Slum von Nairobi hat er bereits für ein Jahr zu Werder Bremen gelotst. Ihr Beispiel soll anderen Hoffnung geben und zeigen, dass es Auswege gibt aus der oftmals von Armut und Gewalt geprägten Lebenssituation. Zum anderen hofft Lemke, dass diese "role models" (Vorbilder) anschließend untereinander ein Netzwerk bilden, ihr Wissen zuhause einsetzen und irgendwann einmal Führungsrollen in ihrem Land übernehmen.

Profifußball und Entwicklungshilfe

In Bremen ist er unterdessen weiterhin als Werder-Aufsichtsratsvorsitzender tätig. Oft wird er gefragt, wie es sich zwischen den Welten aushalten lässt. Das sei ein Spagat, der immer größer werde, sagt Lemke dann. Er spricht vom Rollentausch, vom Werder-Hut, den er aufsetzen müsse, wenn es um Millionensummen im Profifußball geht: "Es ist schwierig, aber ich muss mir nur meiner Rolle klar werden, wenn ich bei Werder als Aufsichtsratsvorsitzender am Tisch sitze. Dann bin ich kein UN-Sonderberater." Wie lange er Letzteres bleibt, ist ungewiss. "Das weiß Ban Ki-moon und das weiß der liebe Gott", sagt Willi Lemke. Sein Mandat wird von Jahr zu Jahr verlängert. Klar ist: Lemke hat sich auf diesem Marathon gerade erst warmgelaufen.

Mehr unter www.willilemke.com

5.919 Zeichen, Autorin: Astrid Labbert

Pressekontakt:

United Nations Office on Sport for Development and Peace

E-Mail: sport[at]unog.ch