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Auf gut Deutsch

Foto von Nicole Papendorf
Nicole Papendorf kontrolliert, ob Übersetzungen verständlich genug sind. Sie und ihre Kollegen setzen sich für ein Recht auf "Leichte Sprache" ein. Foto: Büro für Leichte Sprache

In Deutschlands erstem "Büro für Leichte Sprache" übersetzen Mitarbeiter kompliziertes Behördendeutsch oder verklausulierte Verträge in verständliches Deutsch. Die Arbeit der Bremer nützt vielen.

Jeder kennt das: Die Rentenversicherung, das Finanzamt oder der Stromversorger schickt einen Brief. Man liest ihn einmal, zweimal, dreimal gründlich und fragt sich immer noch: Was will der Absender eigentlich sagen? Für Menschen mit Leseschwierigkeiten bleibt die Frage meist unbeantwortet. Sie haben es besonders schwer, selbstbestimmt am öffentlichen Leben teilzunehmen.

Mitarbeiter des "Büros für Leichte Sprache" in Bremen übersetzen daher täglich Schreiben wie diesen Betreuungsvertrag der "Lebenshilfe", einer bundesweiten Organisation für Menschen mit geistigen Behinderungen: "Der Betreuungsvertrag wird auf unbestimmte Zeit geschlossen. Beide Parteien können den Betreuungsvertrag spätestens bis zum 3. Werktag eines Kalendermonats für den Ablauf des übernächsten Monats schriftlich kündigen."

Nach der Übersetzung ist der Text übersichtlicher und lautet:

"Sie können diesen Vertrag kündigen.
Wenn Sie den Vertrag kündigen wollen, müssen Sie einen Brief schreiben.

Die Lebenshilfe kann diesen Vertrag kündigen.
Wenn die Lebenshilfe den Vertrag kündigen will, muss sie einen Brief schreiben.

Wir müssen den Vertrag 3 Monate vorher kündigen.
Der Brief muss bis zum dritten Tag im Monat da sein."

Petra Schneider und Volker Uhle sind Diplom-Behindertenpädagogen und sagen: "Unverständliches Deutsch schafft Barrieren. Wir wollen Menschen mit geistigen Behinderungen helfen, im Alltag verantwortlich zu handeln." Deshalb gründete die "Lebenshilfe" mit finanzieller Unterstützung der "Aktion Mensch" vor sechs Jahren das Büro in Bremen.

Auf einfachen Wegen durch Hannover

Für den deutschlandweit einmaligen Übersetzungsservice fanden sich bald Kunden, darunter Firmen, Kommunen und Ministerien. Und es gibt mittlerweile Nachahmer in anderen Städten. Vom Bremer Büro ließ eine belgische Firma für Reha-Produkte ihr Angebot für deutsche Kunden in leichte Sprache übersetzen, die Stadt Hannover orderte einen Stadtführer, und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ließ im vergangenen Jahr an der neuen UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen arbeiten.

Die Stadt Bremen schließlich beginnt gerade damit, die Startseiten ihrer Ämter im Internet übersetzen zu lassen, um der für Behörden verbindlichen "Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik" nachzukommen. "Manche Seiten in leichter Sprache werden öfter angeklickt als die Version in schwerem Deutsch", sagt Volker Uhle. Dies zeige, dass sowohl Menschen mit und ohne Behinderungen - wie zum Beispiel Migranten - von verständlichen Formulierungen profitierten.

Testlesen gegen Bandwurmsätze

Petra Schneider und Volker Uhle (stehend) übersetzen kompliziertes in verständliches Deutsch. Testleserin Nicole Papendorf (vorne) prüft die Übersetzungen.
Petra Schneider und Volker Uhle (stehend) übersetzen kompliziertes in verständliches Deutsch. Testleserin Nicole Papendorf (vorne) prüft die Übersetzungen. Foto: Büro für Leichte Sprache

"Vor allem aber nützen Texte in leichter Sprache Menschen wie mir", sagt Nicole Papendorf. Die 34-jährige Rollstuhlfahrerin ist lernbehindert und scheitert im Alltag oft an Formulierungen in schwerem Deutsch. Fahren Bus oder Bahn nach Plan, findet sie sich in Bremen mühelos zurecht. Wird jedoch eine Umleitung angekündigt oder eine abweichende Abfahrtszeit blinkt auf der Anzeigetafel für die Straßenbahn, dann ist Nicole Papendorf überfordert: "Ich muss häufig andere Menschen um Hilfe bitten, besonders beim Lesen", sagt sie.

Im "Büro für Leichte Sprache" macht ihre Beeinträchtigung sie zu einer wichtigen Mitarbeiterin. An drei Tagen in der Woche testet Nicole Papendorf die Übersetzungen ihrer Kollegen: "Ich markiere gelb, was ich nicht verstehe, orange, was andere vielleicht nicht verstehen. Dann besprechen wir alles im Team."

Damit Nicole Papendorf zufrieden ist, kürzen Petra Schneider und Volker Uhle Bandwurmsätze, ersetzen Fremdwörter durch geläufige und füllen abstrakte Begriffe mit Leben: Aus Würde wird dann zum Beispiel: "Jeder Mensch ist etwas Besonderes. Jeder Mensch hat das Recht so zu sein, wie er ist. Alle Menschen müssen gut behandelt werden."

Die Kosten für eine solche Übersetzung variieren je nach Art und Länge der Texte, für jeden Kunden wird darum ein individuelles Angebot erarbeitet. Wer selbst Texte in leichter Sprache schreiben will oder schweres in leichtes Deutsch übersetzen möchte, kann die Regeln in Schulungen erlernen. Volker Uhle bietet deutschlandweit Trainings für Pädagogen, für Mitarbeiter von Behörden, Beratungsstellen und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen an - die Nachfrage steigt stetig.

Auch Bilder und Symbole sollen künftig helfen

Neben der klassischen Übersetzung sollen künftig auch Bilder und Symbole die Texte für Behinderte und andere Interessierte verständlicher machen. Aber bislang sind die Abbildungen entweder uneinheitlich, wirken kindlich oder stammen aus dem Ausland. "Da sind dann amerikanische Briefkästen und englische Telefonzellen zu sehen, mit denen wir in Deutschland wenig anfangen können", sagt Volker Uhle. Das soll nun anders werden: Die "Aktion Mensch" fördert ein neues Projekt, das von den Bremern in den nächsten drei Jahren umgesetzt werden soll. Sie sollen ein neues, auf Erwachsene zugeschnittenes Abbildungssystem entwickeln. Ein Grafikbüro hat dazu bereits die ersten Entwürfe geliefert.

Ein neuer Auftrag der Übersetzer wird voraussichtlich nicht nur Menschen mit Lernschwierigkeiten einen Dienst erweisen. In Kooperation mit Werder Bremen werden gerade die ersten Fußballregeln in leichtes Deutsch übersetzt. Die Nachfrage nach diesem Text könnte groß werden, vermuten Volker Uhle und Petra Schneider. Schon jetzt gibt es eine Reihe von freiwilligen Testlesern, die darauf hoffen, dank leichter Sprache endlich die Abseitsregeln zu verstehen.

Mehr unter www.lebenshilfe-bremen.de

5.670 Zeichen, Autorin: Birgit Schreiber

Pressekontakt:

Büro für Leichte Sprache

Petra Schneider/Volker Uhle

E-Mail: leichte-sprache[at]lebenshilfe-bremen.de