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Aus dem Slum zu Werder Bremen

In der 2. Bundesliga ist Nationalspielerin Doreen Nabwire Omondi für die Frauen von Werder Bremen erfolgreich.
In der 2. Bundesliga ist Nationalspielerin Doreen Nabwire Omondi für die Frauen von Werder Bremen erfolgreich. Foto: Astrid Labbert

Manchmal ist Fußball mehr als Punktesammeln, Spaß und Leidenschaft: Doreen Nabwire Omondi hat er aus dem Slum geholt. Die Kenianerin spielt für ein Jahr bei Werder Bremen und erzählt Schülern vom Leben in Afrika.

Manchmal, sagt Doreen, wundert sie sich selbst. Wenn sie in ihrer Wohnung unweit des Bremer Weserstadions sitzt und daran denkt, wie sie überhaupt nach Deutschland gekommen ist. "Ich hatte immer den Traum, in Europa Fußball zu spielen", sagt die 23-jährige kenianische Nationalspielerin. Aber wie, wenn man im Slum Mathare in Kenias Hauptstadt Nairobi aufgewachsen ist? Sie schüttelt den Kopf und lacht, wenn sie zurückblickt auf den Weg, der sie nach Bremen geführt hat. Seit September 2009 ist Doreen Nabwire Omondi in der Hansestadt. Um Fußball zu spielen und über die Lebensverhältnisse in Afrika aufzuklären.

Willi Lemke holte sie nach Bremen

Dass sie bei Werder landete, hat vor allem mit einem Mann zu tun: Aufsichtsrat Willi Lemke, der seit zwei Jahren auch als Sonderberater bei den Vereinten Nationen für Sport im Dienst von Frieden und Entwicklung tätig ist. Die talentierte Fußballerin hatte zwar zuvor bereits mit Hilfe des befreundeten Journalisten Herbert Ostwald versucht, Kontakte zu Bundesligavereinen zu knüpfen, hatte in Jena, Essen, Köln und Leverkusen vorgespielt. Doch überall, wo Interesse aufkeimte, wurde schnell die Frage der Aufenthaltsgenehmigung für die Nicht-EU-Bürgerin zum Problem. Ein Profivertrag hätte ihr den Weg geebnet, aber Profiverträge sind im Frauenfußball selten.

Willi Lemke empfahl die Nationalspielerin dann für ein Praktikum bei Werder. Daraus wurde ein Jahresengagement in der Abteilung Sozialmanagement, in der Doreen als Botschafterin ihres Landes tätig ist. Für die 23-Jährige eine ideale Kombination, denn hier kann sie über die Arbeits- und Auslandserfahrung ihre Jobaussichten zuhause verbessern und zugleich ihren Fußballtraum leben: Mit der Frauenmannschaft spielt sie in der 2. Liga.

"Fußball hat mir geholfen, aus meiner Lebenssituation herauszukommen", sagt sie, wenn sie in Schulen von sich und ihrem Leben erzählt. Davon, dass der Sport nicht nur neue Perspektiven eröffnet hat, sondern ihr auch zu mehr Selbstvertrauen verhalf. Und niemals hätte sie gedacht, dass sie einmal Deutsch sprechen würde, sagt sie lachend. Mit manchen Klassen bastelt sie Bälle aus Lumpen, wie sie es in ihrer Kindheit getan hat. Um den Schülern einen Eindruck zu vermitteln, was es bedeuten kann, in Armut aufzuwachsen.

Ihre Geschichte: ein modernes Märchen

Etwas weitergeben ist Doreen Nabwire Omondi wichtig: In Bremen klärt sie über das Leben in ihrer Heimat auf. Foto: Astrid Labbert
Etwas weitergeben ist Doreen Nabwire Omondi wichtig: In Bremen klärt sie über das Leben in ihrer Heimat auf. Foto: Astrid Labbert

Für Willi Lemke ist die junge Kenianerin eines jener Vorbilder, das in ihrer Heimat in Zukunft Akzente setzen kann. Als Vorbild für Jüngere, das zeigt: Es gibt Auswege aus der Armut. Tatsächlich liest sich ihre Geschichte wie ein modernes Märchen: Im 500.000-Einwohner-Slum Mathare aufgewachsen, beginnt sie früh Fußball zu spielen. Das Sozialprojekt MYSA (Mathare Youth Sports Association), das Sport mit Bildung und Sozialarbeit verbindet und bereits zwei Mal für den Friedensnobelpreis nominiert war, ermöglicht es ihr.

Mit zwölf Jahren trainiert sie ihre erste Mannschaft, mit 14 wird sie Nationalspielerin, mit 19 Straßenfußballweltmeisterin in Berlin, als einzige Frau im Mathare-Team. Dort entsteht der Kontakt zu dem deutschen Journalisten Ostwald, der ihre Geschichte bekannt macht und sie seither vielfach unterstützt hat. Der Weltfußballverband Fifa wird 2007 auf sie aufmerksam, ernennt sie zur "Football for Hope"-Botschafterin. Mit ihrer Familie kann sie in eine etwas bessere Wohngegend ziehen.

Nur fußballerisch geht es nicht weiter: Die kenianische Frauen-Nationalmannschaft hat mangels Unterstützung durch den eigenen Verband seit 2006 kein Spiel mehr bestritten. Auch der heimische Ligabetrieb läuft nicht kontinuierlich. Die Zukunft bleibt ungewiss.

Den Fußballtraum leben

So findet Doreen Nabwire in Bremen traumhafte Bedingungen vor, mit vier Trainingseinheiten pro Woche und regelmäßigen Einsätzen in der 2. Bundesliga. Als sie im September ihr erstes Spiel für Werder bestritt, schoss sie gleich zwei Tore. Es waren die ersten Bundesligatore überhaupt der gerade in die 2. Bundesliga aufgestiegenen Frauenmannschaft.

Wenn sie eine Chance bekommt, ein weiteres Jahr bei einem europäischen Klub dranzuhängen, will sie das tun. Trotz der Trennung von ihrer Familie. "Hier kann ich viel lernen. Das erhöht meine Chancen, zuhause später einen Job zu finden." Ihre Fifa-Aktivitäten hatten ihre Lebensumstände in den vergangenen Jahren verbessert, aber keine dauerhafte Jobperspektive beschert. Die Arbeitslosigkeit in Kenia ist hoch.

Zurück im Slum: Hoffnung geben

Dennoch weiß sie, dass sie Glück hatte – und deshalb will sie etwas zurückgeben. Gemeinsam mit anderen jungen Frauen hat sie das Frauenfußballprojekt "Girls Unlimited" 2009 initiiert, das diejenigen auffangen soll, die irgendwann aus Altersgründen beim Jugendprojekt MYSA aus dem Raster fallen. Eine Mitspielerin, die in die Prostitution abglitt, war ein Auslöser für Doreen. "Mein Ziel ist, den Mädchen, die die Hoffnung verlieren, etwas zurückzugeben."

Nach dem Vorbild von MYSA wird auch hier Fußball mit Engagement in der Nachbarschaft verbunden, sollen die jungen Frauen und Mädchen von der Straße geholt werden und Verantwortung als Gruppen- und Kursleiterinnen im Projekt übernehmen. Der Verein "PLAY!YA" mit Sitz in Berlin, der soziale Sportprojekte initiiert und fördert, hat inzwischen die Trägerschaft übernommen und sucht gemeinsam mit der Kenianerin nach Unterstützern.

Derweil trainieren in Nairobi bereits 25 Frauen. Die ersten Kurse über Aids-Prävention, Teenager-Schwangerschaft, Sexualität und Gewalt haben sie schon in Schulen angeboten. Geld verdienen sie dabei leider nicht, sagt Doreen. Aber es sei ein Anfang. Ein Anfang, der auch den anderen die Erkenntnis bringen soll, die Doreen Nabwire Omondi verinnerlicht hat: "Ich bin im Slum geboren, aber nicht der Slum in mir."

Mehr unter www.werder.de

5.932 Zeichen, Autorin: Astrid Labbert

Pressekontakt:

Werder Bremen GmbH & Co KG aA

Mediendirektor Tino Polster

E-Mail: tino.polster[at]werder.de