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Ziegen im Naturschutz-Einsatz

Grasen als Ausgleich für die Baumaßnahmen in der Überseestadt: Die fünf Weser-Ziegen.
Grasen als Ausgleich für die Baumaßnahmen in der Überseestadt: Die fünf "Weser-Ziegen". Foto: Jörg Sarbach

Ziegen zu Rasenmähern: In einem einzigartigen Projekt verwandeln sie in Bremen eine Weserinsel zurück in eine typische Flusslandschaft.

Schnecke ist hungrig und teilt ungern. Das da in dem Trog ist ihr Futter, Rambo soll sich trollen – so sieht die Szene für den Betrachter aus. Ein kleiner Stups, und schon liegen sich die beiden in den mal spiralförmig gedrehten, mal fein geschwungenen Hörnern. Augenstrich und die anderen fressen derweil emsig. Bis auf Opa, denn weil der immer ein bisschen langsam ist, haben sie ihn abgedrängt.

Schnecke, Rambo, Augenstrich und Opa heißen vier weiße bis weiß-grau gescheckte Ziegen, die nicht nur wegen ihrer langen Bärte imposant sind. Sie sind eine Kreuzung aus Kaschmir- und Angora-Ziegen, kommen mit rauem Klima zurecht und bringen es leicht auf eine Schulterhöhe von 80 Zentimetern. Treibt sie etwas auf die Hinterbeine, überragen sie Menschen.

Wenn sie denn welche zu Gesicht bekommen. Meist leben die insgesamt sechs Ziegen völlig allein auf einer Insel in der Weser. Manchmal unternehmen Grundschulklassen einen Ausflug zu ihnen. Und dreimal in der Woche kommt Michael Abendroth vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in einem kleinen, offenen Boot angetuckert, um nach ihnen zu sehen.

Platz der Ödlandschrecke

Michael Abendroth vom BUND kommt die Ziegen regelmäßig besuchen und schaut nach dem Rechten.
Michael Abendroth vom BUND kommt die Ziegen regelmäßig besuchen und schaut nach dem Rechten. Foto: Jörg Sarbach

Sinn des bundesweit einzigartigen Modellprojekts: Als tierische Rasenmäher sollen die Ziegen den Bewuchs abfressen. Das soll Platz für Brutvögel schaffen, die sandige, offene Flächen bevorzugen. Und das Konzept funktioniert, sagt Abendroth. "Zum Beispiel brüten hier regelmäßig Austernfischer." Auch schützt er inzwischen ein kleines Karree Sandboden mittels Elektrozaun vor den Ziegen, denn dort haben sich Lebewesen wie die seltene Blauflügelige Ödlandschrecke oder der Sandlaufkäfer angesiedelt.

Früher hatten sie Platz in Hülle und Fülle. Vor der Befestigung der Flüsse formten Ebbe und Flut, Winde und Sturmfluten eine ganz andere Landschaft, als wir sie heute kennen, erklärt der 63-jährige Umweltaktivist. Damals säumten Dünen, sandige Uferbänke und Flussinseln mit einer ganz eigenen, an magere Bedingungen angepassten Pflanzenwelt auch die Weser und zogen ebenso spezialisierte Tiere an.

Diese Bedingungen, beschloss der BUND, sollten auf einer ebenso namenlosen wie unbewohnten Weserinsel wiedererstehen. Das rund acht Hektar große, lang gestreckte Eiland war in den 1960er Jahren als Strömungsschutz für ein neues Hafenbecken angelegt worden und mit den Jahren zugewuchert. Im Jahr 2000 wurde auf drei Hektar der Bewuchs entfernt und Sand aufgeschüttet. Schnell entwickelte sich die erhoffte Landschaft, doch fast ebenso schnell machte sich wieder unerwünschte Flora breit.

2006 dann startete das Ziegenprojekt mit finanzieller Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, der Deutschen Umwelthilfe und des Bremer Senats. Die Ziegen – ursprünglich waren es zehn – beschaffte Abendroth bei einem Züchter im Bergischen Land, ausschließlich Böcke, um die Betreuung nicht noch durch Nachwuchs zu komplizieren.

Ursprünglich sollte das Vorhaben nur drei Jahre lang finanziert werden, dann hätten die Ziegen wieder umziehen müssen. Heute zahlt die Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) für sie. Das soll ausgleichen, dass einer großen Sturmmöwenkolonie nicht weit entfernt von der Weserinsel das Leben schwer gemacht wird – durch umfangreiche Bauarbeiten.

Ein Plastikdino im Müllberg

Rund 8.000 Euro im Jahr kostet die Ziegenweidewirtschaft – an Aufwandsentschädigung für Michael Abendroth, für Arznei- und Futtermittel. Gelegentlich müssen auch Heu zum Zufüttern für den Winter und Stroh für den halboffenen Stall beschafft werden. Die Umweltschützer haben ihn als Unterstand für die Ziegen gebaut und mit skurrilem, an den Inselböschungen angeschwemmtem Müll dekoriert: Ein Plastikdino hockt auf einem Balken neben einem Quietscheentchen und einer Dose Orangenmarmelade – Überreste von wahren Müllbergen, die Abendroth und gelegentliche Helfer säckeweise auf der Insel einsammeln.

Nicht nur im Stall, gern lagern die Tiere zum Beispiel auch unter einem der wenigen verbliebenen Bäume, wenn sie nicht gerade auf Fresstour sind. Mit großem Appetit machen sie Gras und kleinen Sträuchern den Garaus, die sich auf dem sandigen Boden ansiedeln, oder schälen die Rinde von Weiden und Pappeln.

Ein wahrer Festtag aber ist es, wenn Michael Abendroth nach ihnen schaut. Um die Tiere anzulocken, hat er in einem Plastikeimer Kraftfutter dabei. "Das ist für die Ziegen wie für uns Schokolade", sagt Abendroth. Streiten sie deshalb? Nein, stellt der Ziegen-Fachmann gewordene Bremer klar. "Wenn sie sich kabbeln, zeigt das, das es ihnen gut geht."

Mehr unter www.bund-bremen.net

4.751 Zeichen, Autorin: Imke Zimmermann

Pressekontakt:

BUND

Michael Abendroth

E-Mail: michael.abendroth[at]bund-bremen.net