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Radfahrerin Vanessa Giesenberg.
Startklar für die Special Olympics in Bremen: Radfahrerin Vanessa Giesenberg. Foto: Astrid Labbert

4.550 Athleten gehen bei den Special Olympics in Bremen im Juni an den Start. Darunter ist Radfahrerin Vanessa Giesenberg. Die Bremerin will zeigen, was in ihr steckt.

Die blonde Frau mit dem mädchenhaften Gesicht hat ihren Fahrradhelm schon unter dem Kinn festgeschnallt. Dann schaut sie auf und sagt: "Darf ich vorstellen? Das ist Hugo." Vanessa Giesenberg lacht, als sie auf ihr Fahrrad zeigt, das blitzblank und vorn noch mit der Startnummer ihres ersten großen Rennens versehen neben ihr steht. Ginge es nach ihr, könnte es jetzt wohl losgehen mit dem Ein-Kilometer-Zeitfahren bei den Special Olympics. Schon Wochen vor den Spielen ist aus dem Gesicht der 24-Jährigen die Vorfreude herauszulesen. Vorfreude worauf? "Auf die Emotionen, das Radfahren, die gute Laune, die hoffentlich da sein wird", erklärt die Radlerin. "Und auf die Athleten-Disko."

Am Start: 4.550 Athleten

Vanessa Giesenberg ist eine von rund 4.550 Sportlern, die an den so genannten National Games der Special Olympics teilnehmen, dem nationalen Wettbewerb für geistig und mehrfach behinderte Athleten. Vom 14. bis zum19. Juni messen sich die Athleten in 20 Sportarten, von Fußball, Leichtathletik, Kanu, Tennis bis hin zum Radfahren. Es sind die achten Spiele, die der Verein Special Olympics Deutschland (SOD) ausrichtet. Schirmherr Bundespräsident Horst Köhler hat sich zur Eröffnung angesagt.

Die Entwicklung der Bewegung scheint unaufhaltsam. Seit dem ersten Wettbewerb in Deutschland 1998 - alle zwei Jahre werden Winter- oder Sommerspiele ausgetragen – konstatiert SOD eine Verdreifachung der Teilnehmerzahl. Geistig Behinderte zum Sport zu animieren und ihnen durch Sport zu mehr Anerkennung, Selbstbewusstsein und Teilhabe an der Gesellschaft zu verhelfen, das sind Ziele der internationalen Bewegung, die weltweit 3,1 Millionen Athleten in 175 Ländern vereint. Bei den "Games" werden sie unabhängig von Art und Grad der Behinderung leistungsgerecht in Wettkampfgruppen eingeteilt und ermitteln ihre Besten.

Die Goldmedaille steht für Vanessa Giesenberg allerdings bei ihrer Special-Olympics-Premiere nicht im Vordergrund, sondern: "Bei den Games kann man zeigen, was in einem steckt, was man sonst nicht so sieht." Sie weiß, dass entlang der Radstrecke Zuschauer stehen und sie anfeuern werden. Fremde und Freunde, Familie und Arbeitskollegen aus der Holzabteilung der Behindertenwerkstatt. "Das spornt so richtig an. Ob ich gewinne, ist mir egal. Hauptsache, ich komme heile durchs Ziel und hatte Spaß beim Radfahren und im Team."

Regelmäßiges Training

Trainerin Sylvia Petrovic bereitet Vanessa Giesenberg auf die Spiele vor.
Trainerin Sylvia Petrovic bereitet Vanessa Giesenberg auf die Spiele vor: "Fairplay in Reinstform". Foto: Astrid Labbert

Jede Woche trifft sich die Bremerin zum gemeinsamen Training mit elf weiteren Sportlern aus Bremen. Trainerin und Physiotherapeutin Sylvia Petrovic bereitet neben ihr sieben weitere Radfahrer, drei Bowlerinnen und eine Inline-Skaterin auf die Spiele vor. Parcours und Slalom fahren, Ausdauertraining im Schwimmbad und in der Turnhalle stehen auf dem Programm. Für Vanessa Giesenberg zählt zudem das Beherrschen der neuen Gangschaltung zu den großen Herausforderungen: mit über 20 Gängen, die Kette und Ritzel wie ein Kätzchen surren lassen, aber auch beängstigend rattern können, wenn sie nicht richtig eingestellt sind. "Damit zurechtzukommen, übe ich hier beim Training auf dem Gelände."

Trainerin Petrovic: "Fairplay in Reinstform"

Sylvia Petrovic weiß aus anderen Wettbewerben, dass ihre Athleten am Wettkampftag ihr Bestes geben werden. "Alle gehen über ihre ganz persönliche Grenze, und das mit einer supersportlichen Einstellung. Das ist Fairplay in Reinstform."

Vanessa Giesenberg wird auch an rennfreien Tagen an den verschiedenen Wettkampfstätten in der Stadt sein, um ihre Leute anzufeuern, um andere Sportler kennen zu lernen, E-Mail-Adressen auszutauschen. 12.000 Mitwirkende werden bei den Spielen dabei sein, Sportler, Betreuer, Familienangehörige. Allein 1.900 freiwillige Helfer sind am Start, es gibt ein umfangreiches Unterhaltungs- und Gesundheitsprogramm für Teilnehmer und Gäste. Trainerin Sylvia Petrovic hofft, dass davon auch etwas bleibt, wenn die Spiele vorüber sind, auch dass "es normaler wird, dass Menschen mit geistiger Behinderung an Sportveranstaltungen teilnehmen".

Am Ende: doch eine Medaille?

Und wenn am Ende für Vanessa Giesenberg und Drahtesel Hugo doch eine Medaille herausspringt? "Ich würde das toll finden", sagt die Radlerin. Eine hängt schließlich schon an der Wand, von ihrem allerersten Wettkampf-Rennen. Auf der Arbeit hat sie sich ein Stück Holz herausgesucht, auf dem die Medaille demnächst platziert werden soll. Es ist groß genug für weitere. Aber Leistungsdruck verspürt Vanessa Giesenberg nicht: "Ich bin ganz lässig. Ich überlasse das alles meinen Füßen. Und meinem Mut."

Mehr unter www.nationalgames.de und www.specialolympics.de

4.712 Zeichen, Autorin: Astrid Labbert

Pressekontakt:

Special Olympics Deutschland e.V.

National Games Büro Bremen 2010
Benedikt Heche

E-Mail: benedikt.heche[at]specialolympics.de