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Heimat geht durch den Magen

Bis ins Ruhrgebiet liefert Sampson Yofi Hope seine Backwaren höchstpersönlich.
Bis ins Ruhrgebiet liefert Sampson Yofi Hope seine Backwaren höchstpersönlich. Foto: Jörg Sarbach

In Bremen gibt’s Brot aus Afrika, in Shanghai Brot aus Bremen – zwei sehr verschiedene Männer machen es möglich.

Schrot- und Milchbrötchen, Haferflocken-, Rosinen- und Sovitalbrot – nein, wir stehen nicht im Bäckerladen an der Ecke, sondern stöbern auf der in Shanghai registrierten Website der Firma "Abendbrot". Sie gehört dem Bremer Karl-Heinz Tenne, der seinen Hunger zum Beruf machte: Seit vier Jahren backt er in China deutsches Brot und findet dafür immer mehr Abnehmer.

Seit April 2005 lebt Tenne in der chinesischen Metropole. Er war mit einem Ein-Jahres-Vertrag als Ingenieur für eine Bremer Elektronik-Firma gekommen. Sein Vertrag wurde nicht verlängert, aber nach Deutschland zurückzukehren, sah auch nicht vielversprechend aus. Er erinnert sich: "2005 bis 2006 war der Arbeitsmarkt in Deutschland für Über-50-Jährige recht mau, daher habe ich auch nach Alternativen gesucht."

Da er selbst während seiner Zeit in China deutsches Brot vermisste, sah er in dieser Marktlücke seine Chance und startete das "Projekt Abendbrot". Zusammen mit einem Bremer Bäckermeister, den er über eine Zeitungsanzeige in der Bremer Tageszeitung "Weser-Kurier" fand, machte er sich daran, die erste deutsche Bäckerei überhaupt in dem Milliardenreich zu eröffnen. Seit August 2006 besteht seine Firma inzwischen. Auf deren Website kann die Kundschaft ihre Bestellungen abgeben.

Abnehmer sind andere Deutsche in Shanghai

Bienenstich, Apfeltasche und Nussecke bekommen die Auslands-Deutschen genauso bei Karl-Heinz Tenne wie zu Ostern Hefezopf und Osterhasen aus Rührteig sowie zu Weihnachten Lebkuchen und allerlei Plätzchen. Zu seinen Kunden zählen vor allem Deutsche, die Hunger und Heimweh haben – immerhin soll es nach Schätzungen um die 8.000 in Shanghai geben.

Auch einige Chinesen wagen sich an deutsches Backwerk heran. Aber: "Chinesen probieren eher süße Teile, weniger Brötchen oder Brote", hat Karl-Heinz Tenne beobachtet. In vor allem von Deutschen bewohnten Gegenden in Shanghai liefert Tenne täglich aus, in anderen Stadtteilen nur einmal wöchentlich. Mittlerweile hat der ausgewanderte Bremer auch einen eigenen Laden eröffnet, und Cafés haben angefragt, ob er sie beliefern könne.

Zu aktuellen Produktionszahlen sagt Tenne nur, dass es "am Anfang sehr kleine Mengen" waren, „die sich nun soweit erhöht haben, dass wir davon unser Auskommen bestreiten können". Auf eine mögliche Expansion in andere chinesische Großstädte angesprochen reagiert er zurückhaltend: "Deutsche Backwaren anzubieten lohnt sich nur, wenn dort eine entsprechend große internationale, besser: deutsche Community vorhanden ist. Wir sind da relativ vorsichtig in unseren weiteren Planungen."

Muskatbrötchen statt Hilfsjobs

Hunderte Brötchen, Brote und Teegebäck backt Sampson Yofi Hope jede Woche nach afrikanischem Rezept.
Hunderte Brötchen, Brote und Teegebäck backt Sampson Yofi Hope jede Woche nach afrikanischem Rezept. Foto: Jörg Sarbach

So sieht das auch Sampson Yofi Hope: Der aus Togo stammende 44-Jährige lebt seit elf Jahren in Deutschland, seit rund neun in Bremen. Mit seiner Tischlerausbildung kam er in Bremen nicht weit, ergatterte nur schlecht bezahlte Hilfsjobs, die er schnell wieder verlor. Doch brachte er auch jahrelange Arbeitserfahrung in der Bäckerei seiner Mutter in Togo mit. Durch persönliche Kontakte innerhalb seiner Kirchengemeinde erhielt er schließlich die Chance, die Backstube des Sozialwerks der freien Christengemeinde in Bremen mit benutzen zu dürfen.

Gegen die Zahlung von Nutzungs- und Materialkosten steht er dort seit mittlerweile drei Jahren zweimal in der Woche allein an der Teigrührmaschine, formt Hunderte von Brötchen, zahllose Brote und Teegebäck nach togoischer Rezeptur. Was bedeutet: Es liegt ein ganz besonderes Aroma in der Luft, denn gebacken wird nach heimatlichem Rezept mit Muskat.

Wenn der hünenhafte Mann mit dem weichen Lächeln nicht gerade Arbeitsflächen mit Mehl bestäubt oder Teigklumpen abwiegt, sitzt er am Steuer seines Lieferwagens und fährt seine Backwaren aus. Viele Kilometer legt er dabei jede Woche zurück, denn seine Abnehmer – vor allem Afro- und Asia-Läden – liegen nicht nur in Bremen und Hamburg.

Hopes afrikanisches Brot kaufen Togoer und Ghanaer auch in Westfalen und im Ruhrgebiet. Berlin kann er als Ein-Mann-Betrieb nicht beliefern: Das ist zu weit weg und würde sich erst lohnen, wenn er dort jedes Mal mindestens 400 Brote verkaufen könnte.

Umso mehr würde Hope sich freuen, wenn es ihm gelingen würde, endlich seine Ehefrau aus Togo nach Deutschland zu holen. Seit sieben Jahren bemüht er sich darum, bisher erfolglos. Nicht nur, dass es so oder so schön für ihn wäre, wenigstens einen Teil seiner Familie wieder bei sich zu haben. Zusammen mit seiner Frau könnte er versuchen, mit „Bremens erster afrikanischer Bäckerei“ zu expandieren – und dann eines Tages auch die großen Discounter-Ketten mit seinen weichen, muskatgewürzten Brötchen beliefern.

Mehr unter www.abendbrot.co.cn

4.745 Zeichen, Autorin: Ulrike Bendrat

Pressekontakte:

Abendbrot Shanghai

Karl-Heinz Tenne

E-Mail: karl[at]abendbrot.com.cn

Faith Bakery

Sampson Yofi Hope

E.Mail: yoofi47[at]hotmail.com