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Park-Idylle, Picknick und Puccini

Die Kostümierung trägt nicht unerheblich zur besonderen Atmosphäre beim Klassikfestival Sommer in Lesmona bei.
Die Kostümierung trägt nicht unerheblich zur besonderen Atmosphäre beim Klassikfestival Sommer in Lesmona bei. Foto: Jörg Sarbach

Klassische Musik im Freien genießen: In wohl kaum einer anderen Stadt Deutschlands wird dieses Freiluft-Vergnügen so skurril und zugleich stilvoll zelebriert wie in Bremen – beim "Sommer in Lesmona".

Die Schlange bewegt sich langsam vorwärts: Familien mit Kindern und vollgepackten Bollerwagen, ältere Herren mit Strohhut und hellem Sommerjackett, Damen mit altmodischen Rüschenkleidern und eleganten Kopfbedeckungen, leger gekleidete Paare, schwer bepackt mit Klappstühlen, Campingtisch und dem obligatorischen Picknickkorb. Für wohl jeden, der den "Sommer in Lesmona" zum ersten Mal besucht, ist dieses bunt gemischte Publikum ein kurioser Anblick, scheint es doch, als träfen hier Menschen aus verschiedenen Jahrhunderten aufeinander. So mancher altmodisch herausgeputzte Stammgast trägt derweil ein selbstironisches Lächeln auf den Lippen. Wohl wissend, dass die richtige Kostümierung einen nicht unerheblichen Anteil an der besonderen Atmosphäre dieses Freiluft-Festivals hat.

Die Hansestadt und der "Sommer in Lesmona" – das ist die Geschichte einer mittlerweile bereits 16 Jahre währenden Liebe. Seit 1994 richtet die Deutsche Kammerphilharmonie, Bremens weltweit erfolgreiches Vorzeige-Orchester, dieses Klassikfestival im Norden der Stadt aus. Jährlich zieht es rund 10.000 Musik- und Picknickfreunde in Knoops Park in Burglesum im Norden Bremens, einen ehemaligen Privatpark mit einer idyllisch gelegenen, großen Wiese, umgeben von alten, hohen Bäumen.

Der erste "Sommer in Lesmona" fiel buchstäblich ins Wasser. Es regnete in Strömen. Und doch standen am Eröffnungsabend 800 Menschen wetterfest eingepackt in Öljacken und Regencapes vor der Bühne und warteten auf den Auftritt des Orchesters. "Das war wie eine Demonstration", erinnert sich Kammerphilharmonie-Geschäftsführer Albert Schmitt und klingt dabei noch immer etwas erstaunt. "Das Publikum hat uns damals mit seiner Beharrlichkeit klar gemacht, dass es dieses Festival unbedingt will." Kein Wunder also, dass sich der "Sommer in Lesmona" in den vergangenen Jahren zu einer regelrechten Kultveranstaltung entwickelt hat, die immer wieder mit skurrilen Wettbewerben kombiniert wird – zum Beispiel für den ausgefallensten Hut oder den am liebevollsten gepackten Picknickkorb.

Beherzter Griff in die Hemdtasche

Dr. Gerd Knauerhase kennt das schon. Seit vier Jahren kümmern er und seine Frau sich um die Einlasskontrollen. Die beiden gehören zu den rund 20 Ehrenamtlichen, die vor und hinter der Bühne zum reibungslosen Ablauf des Festivals beitragen. So manchem beidseitig beladenen Festivalbesucher fasst Knauerhase denn auch schon mal mit geübtem Griff in die Hemdtasche und zieht sich die Eintrittskarten zum Abreißen heraus.

Ein solcher Griff in die Tasche komme immer gut an, sagt der 72-Jährige und schmunzelt. "Schließlich müssen die Leute dann nicht extra den Korb und die Stühle absetzen." Der Zahnarzt im Ruhestand schätzt die familiäre Atmosphäre des Festivals, die für ihn schon am Eingang spürbar wird: „So viele Bekannte in so kurzer Zeit trifft man sonst das ganze Jahr über nicht.“
Für ihn und seine Frau ist das ein angenehmer Nebeneffekt ihres Engagements für die Kammerphilharmonie: Beide gehören dem Freundeskreis dieses außergewöhnlichen Orchesters an, dessen Musiker zugleich als Gesellschafter am eigenen Erfolg und Risiko beteiligt sind. "Wir haben den Eindruck, dass diese Struktur dem Orchester gut tut", sagt Knauerhase. "Die Eigenverantwortung hat für die Musiker etwas sehr Motivierendes. Staatsorchester wirken dagegen oft nicht so persönlich engagiert."

"Ein Orchester, das innerlich brennt"

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen richtet das Open Air jedes Jahr in Knoops Park aus.
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen richtet das Open Air jedes Jahr in Knoops Park aus. Foto: Jörg Sarbach

Für Albert Schmitt steht trotz der Idylle in Knoops Park denn auch eines fest: Eine betuliche Kurkonzert-Atmosphäre darf beim "Sommer in Lesmona" nicht aufkommen. "Das Publikum will ein Orchester, das innerlich brennt." Anders als in den Anfangsjahren des Festivals setze man zwar mittlerweile stärker auf leichtere Klassik. "Aber es wäre falsch, sich auf der Beliebtheit der ausgewählten Kompositionen auszuruhen. Das würde auch nicht zu unserem Anspruch an uns selbst passen."

Seit einigen Jahren ist der "Sommer in Lesmona" jedes Jahr einem anderen Teil Europas gewidmet: So ging es 2008 etwa auf den Spuren von Peer Gynt musikalisch nach Skandinavien und im vergangenen Jahr in bester "Last Night of the Proms"-Manier nach Großbritannien. In diesem Jahr lautet das Motto „Bella Italia“. Höhepunkt des dreitägigen Programms vom 13. bis zum 15. August ist eine italienische Operngala mit einigen der schönsten Arien von Verdi, Rossini, Puccini und anderen großen Komponisten des Mittelmeerlandes.

Die Idee für den "Sommer in Lesmona" war einst auf einer Konzertreise der Kammerphilharmonie durch die USA entstanden. "In Hollywood hatten wir einen Auftritt bei einem großen Klassikfestival im Freien und waren von der lockeren, entspannten Atmosphäre dort sehr angetan", erinnert sich Schmitt. "Die Mischung aus Klassik und Essen unter freiem Himmel fanden wir auch für Bremen reizvoll – allerdings nicht gerade mit Hamburger- und Pommes-Verkauf. Etwas stilvoller sollte es dann doch sein."

Liebeskummer im Sommer

Die Kindheits- und Jugenderinnerungen der Bremer Schriftstellerin Magda Pauli (1875-1970), veröffentlicht unter dem Pseudonym Marga Berck, lieferten dafür den passenden Rahmen. Ihr Briefroman "Sommer in Lesmona" spielt im Norden Bremens. Es ist die schwärmerische Liebesgeschichte einer jungen Frau aus gutem Hause, die sich ebenso unsterblich wie unglücklich in ihren britischen Cousin Percy verliebt. Der autobiografische Roman liefert zugleich Einblicke in das Leben wohlhabender Hanseatenfamilien im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Das Buch steckt zwar voller sommerlichem Liebeskummer, vermittelt aber zugleich das Bild einer behüteten Kindheit und Jugend. "Hinter der anhaltenden Begeisterung für dieses Werk steckt wohl auch ein bisschen Sehnsucht nach einer heilen Welt", vermutet Albert Schmitt. 1987 wurde der Roman mit einer damals noch weitgehend unbekannten Jungschauspielerin namens Katja Riemann verfilmt. Ehrensache, dass der Streifen Jahr für Jahr auf dem Festival vor einer eingefleischten Fangemeinde gezeigt wird.

Prominente Gäste

Und noch etwas darf beim "Sommer in Lesmona" nicht fehlen: ein prominenter Gast nämlich, der entweder moderiert oder zwischen den Musikstücken passende Gedichte und Erzählungen vorträgt. Bekannte Schauspieler wie Martina Gedeck, Muriel Baumeister, Manfred Krug oder Dietrich Mattausch waren in den vergangenen Jahren bereits in Knoops Park zu Gast. Sky du Mont schwärmte nach seinem Auftritt gar von der schönsten Lesung seines Lebens und war von der Picknickkultur der Lesmona-Gäste fasziniert: "Ich habe ein Ehepaar gesehen, das saß da mit einer Tischdecke, Geschirr, Sektkelchen, einem Windlicht aus Silber und hatte sich sogar einen kleinen Blumentopf mitgebracht. Sensationell."

Senta Berger erlebte den "Sommer in Lesmona" dagegen bei kräftigen Regenschauern. "Sie sagen das doch jetzt ab, oder?", hatte sie Albert Schmitt hinter den Kulissen gefragt. Als der lachend verneinte, war die Schauspielerin sichtlich verdattert. Doch während ihres Auftritts lernte sie jene Wetterfestigkeit kennen, die das Publikum schon beim allerersten "Sommer in Lesmona" unter Beweis gestellt hatte. "Sie war nach ihrem Auftritt sichtlich beeindruckt", erinnert sich Albert Schmitt lachend.

Marga Berck, "Sommer in Lesmona", 36. Auflage, Rowohlt-TB, Reinbek 2005, 192 Seiten

Mehr unter www.kammerphilharmonie.com

7.470 Zeichen, Autor: Thomas Joppig

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Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

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Tine Klier

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