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Von Gehirn und Menschsein

Die Thesen zur Willensfreiheit von Professor Gerhard Roth haben heftige Diskussionen ausgelöst.
Die Thesen zur Willensfreiheit von Professor Gerhard Roth haben heftige Diskussionen ausgelöst. Foto: Jörg Sarbach

Der renommierte Bremer Hirnforscher Gerhard Roth provoziert mit seinen Thesen zur Willensfreiheit. Nun hat er eine Firma gegründet, die Erkenntnisse der Neuro- und Kognitionswissenschaften in die Praxis umsetzen will.

Zu viele Psychopathen beherrschten die Chefetagen in der Wirtschaft, Männer, die machthungrig und rücksichtslos sind. So sieht es der bekannte Bremer Neurowissenschaftler Gerhard Roth. Was sie für die Allgemeinheit besonders gefährlich mache: Sie haben ein feines Gespür für die Schwächen der anderen wie den Wunsch, schnell viel Geld zu machen. Solche Persönlichkeiten hätten zur derzeitigen Finanzkrise entscheidend beigetragen, begünstigt durch unser Wirtschaftssystem. Damit in Zukunft in der Wirtschaft weniger "gewissenlose Typen" das Sagen haben, hat der Wissenschaftler vor zwei Jahren die Roth GmbH gegründet, in der neben Neurobiologen auch Psychologen und Ökonomen mitarbeiten.

Seit 40 Jahren beschäftigt sich Roth mit dem Gehirn. Nun drängt es ihn, sein gesammeltes Grundlagenwissen in die Anwendung zu bringen. Zum Beispiel für besseres Lernen in der Schule oder in der Personalentwicklung. Seine Firma verkauft Konzepte und Know-how für die richtige Auswahl von Führungskräften, führt auch selbst Bewerbungsgespräche. "Grundlage sind unsere neurobiologischen Erkenntnisse gepaart mit dem, was wir aus der Psychologie wissen", sagt der weißhaarige Universitätsprofessor mit dem freundlich bärtigen Gesicht. Seine Erfahrung: Auswählende sollten nicht nur auf das hören, was ein Bewerber sagt, sondern auch auf seine Gesten und Mimik achten, auf das, was er nicht sagt. "Damit kann man die tieferen Schichten der Persönlichkeit des Kandidaten erreichen."

Von der Teildisziplin zur Leitwissenschaft

Gerhard Roth, salopp gekleidet mit himmelblauem Pullover und dunkelblauer Hose, sitzt im Besprechungsraum der Roth GmbH in einer sorgsam renovierten Alt-Bremer Stadtvilla etwa einen Kilometer Luftlinie von seiner anderen Wirkungsstätte entfernt, der Universität Bremen. 1976 bekam er dort einen Lehrstuhl für Verhaltensphysiologie, bis 2008 war er Direktor des Instituts für Hirnforschung und von 1997 bis 2008 Gründungsrektor des "Hanse-Wissenschaftskollegs" in Delmenhorst. Er forschte an Froschzellen im Reagenzglas und ebenso an Strukturen des menschlichen Gehirns. In dieser Zeit stieg die Hirnforschung von einer biologischen Teildisziplin zur Leitwissenschaft auf, die mit der Psychologie und Philosophie um die Hoheit über die Deutung des Menschseins konkurriert. Wer bin ich, wer der andere? Kann ich mich selbst erkennen und habe ich einen freien Willen?

Letztlich waren es auch diese existentiellen Fragen, die den jungen Roth für die Hirnforschung begeisterten. Aufgewachsen ist er in Hessen als jüngster von drei Geschwistern in einer Familie mit vielen Ärzten und Musikern. Auch er lernte Klavier und Geige und träumte davon, Dirigent zu werden. Doch für die Musikerlaufbahn habe sein Talent nicht ganz gereicht. Deshalb widmete er sich seiner zweiten Leidenschaft: zu verstehen, wie der Mensch tickt. Von seinem Philosophiestudium in Münster und Rom war er enttäuscht. Die philosophischen Denker gaben ihm nicht die Antworten, die er suchte. Ende der 1960er-Jahre begegnete er dann an der Universität Münster dem Evolutionsbiologen Bernhard Rensch, seinem wichtigen Lehrmeister. "Der sagte: 'Jetzt studieren Sie Philosophie zu Ende und dann machen Sie was Vernünftiges.'" So kam es, dass Roth nach der Promotion in Philosophie noch Biologie studierte und auch in diesem Fach promovierte.

Seit dieser Zeit versucht Roth zusammen mit vielen Fachkollegen Geist, Bewusstsein und Psyche mit naturwissenschaftlich-experimentellen Methoden zu erschließen. "Aber natürlich habe ich den philosophischen Blick nicht ganz abgelegt." Für ihn liegt die Bedeutung der Hirnforschung in der Möglichkeit, Dinge, die in der Soziologie und Psychologie umstritten sind, naturwissenschaftlich zu klären. Zum Beispiel die Prägung des Menschen durch seine frühen Erfahrungen und Beziehungen, die sich im Gehirn regelrecht einbrennen. "Das fängt bereits im Mutterleib an." Nach der Pubertät werde es immer schwieriger, sich und andere zu ändern, schreibt er in seinem 2007 erschienenen Buch "Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten."

Die Rolle des Unbewussten

Professor Gerhard Roth sieht sich präparierte Froschgirne an.
Professor Gerhard Roth sieht sich präparierte Froschgirne an. Foto: Jörg Sarbach

Das Unbewusste spielt ihm zufolge eine viel größere Rolle, als oft angenommen wird. Es übertrumpft die Rationalität, manchmal versteckt sie sich aber auch hinter ihr. "Das Allermeiste, was wir denken, fühlen und tun, wird durch unbewusste Antriebe gelenkt." Überhaupt müssten wir uns von unserem romantischen Menschenbild verabschieden, sagt Roth. Zum Beispiel von der Vorstellung, es gäbe eine Willensfreiheit, die es uns ermöglicht, zwischen verschiedenen Alternativen zu wählen. „Unser Handeln wird durch Motive bestimmt, die aus der eigenen Persönlichkeit resultieren und uns selbst oft unbekannt sind.“ Ein Gewalttäter schlage in bestimmten Situationen zu, weil er genetisch und insbesondere über seine frühkindlichen Erlebnisse sozial so disponiert sei und zum Beispiel die Umwelt als bedrohlich empfinde. Er sei also im moralischen Sinne unschuldig. Thesen, die unser geltendes Strafrecht in Frage stellen und leidenschaftliche Debatten angestoßen haben. Freilich hält auch Roth am Begriff der Schuld fest, will Schuld aber als Übertretung gesellschaftlicher Normen verstanden wissen.

Das Böse beherrscht uns viel mehr, als uns lieb ist – eine Einsicht, die auch für ihn bitter war, denn er war geprägt von den Idealen der Studentenbewegung, die an eine gerechtere Gesellschaft und das Gute im Menschen glaubte. Die These einiger Wissenschaftler, dass die Fähigkeit zur Empathie und Einfühlung allein den Menschen ausmache, stimmt er nicht zu. Klar habe der Mensch im Laufe der Evolution auch die Fähigkeit zum Mitgefühl entwickelt, aber die soziale Sinnstiftung sei kein verlässlicher Schutz vor niederen Impulsen: "Der Mensch kann friedlicher sein als Schimpansen, aber wenn eine Gesellschaft auf die richtige Taste drückt, können wir alle zu Bestien werden."

Der 67-Jährige wirkt jugendlich, munter, offen. Das müsse man auch sein als Präsident der "Studienstiftung des Deutschen Volkes", sagte er, denn hier hat er viel mit jungen Leuten zu tun. Er steht noch mittendrin im Arbeitsleben. Mit regelmäßigem Joggen auf dem Weser-Deich hält er sich körperlich fit und die Gehirnzellen munter. Gerne wandert Roth auch im Apennin, wo er ein Haus hat. Überhaupt schwärmt er von Italien, seiner zweiten Heimat. Nach ewiger Jugend strebt er nicht, überhaupt versteht er die Verherrlichung der Jugend nicht so ganz. "Das Erwachsenwerden war doch recht beschwerlich", grübelt er. "Eine Quälerei, weil man sich erst einen Platz erkämpfen musste." Erst seit ein paar Jahren fühlt sich der Neurowissenschaftler rundherum mit seinem Leben zufrieden. Beruflich habe er alles erreicht, was möglich war; mit seiner Frau, die auch Neurobiologie-Professorin ist, verstehe er sich sehr gut, und außerdem habe er drei wunderbare, erwachsene Kinder.

Arbeit in der Schule

"Verweile doch, du bist so schön", zitiert er Goethes lebenshungrigen Faust und verabschiedet sich. Seine nächsten Projekte warten schon. Eines führt ihn in eine Bremer Gesamtschule, wo er mit Lehrern zusammenarbeitet und am Unterricht teilnimmt. Ihn interessiert, was die Neurowissenschaften konkret dazu beitragen können, damit die Schüler mehr Lust am Lernen und damit bessere Lernerfolge erzielen. Die Antwort darauf ist demnächst nachzulesen in einem neuen Buch, das Ende des Jahres erscheint.

Mehr unter www.ifh.uni-bremen.de/roth/ und ans-roth.de/

7.604 Zeichen, Autorin: Eva Schindele

Pressekontakt:

E-Mail: gerhard.roth[at]uni-bremen.de, roth[at]ans-roth.com