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Ein Löwe unter Segeln

Ein Autokran hievt den Fockmast an Deck der Gulden Leeuw.
Ein Autokran hievt den Fockmast an Deck der Gulden Leeuw. Foto: BIS Bremerhaven

Ende August nehmen mehr als 220 Segel-, Motor- und Dampfschiffe Kurs auf Bremerhaven zur Sail 2010. Mit dabei ist auch ein maritimes Schatzkästchen: die "Gulden Leeuw".

Der voll ausgefahrene Autokran zieht den Fockmast der "Gulden Leeuw" auf die Seite. Schaulustige haben sich 30 Meter tiefer auf der Kaje im Hafen von Urk unter die Werftcrew gemischt. Geburtsstunde eines Windjammers.

Nur noch Ingenieure des niederländischen Schiffs-TÜVs laufen jetzt über das Deck des 70 Meter langen und 8,60 Meter breiten Dreimasters. Nun muss sich zeigen, ob die Stabilitätsberechnungen richtig umgesetzt worden sind, ob die in Rostock gebauten Aluminiummasten mit all den Spieren und Segeln daran nicht doch zu schwer für das 1937 gebaute, ehemalige dänische Forschungsschiff geworden sind. Der Kran simuliert sechs Windstärken, dann acht. Der goldene Löwe neigt vornehm sein Haupt. Die Ingenieure recken die Daumen hoch: Alles klar. Die "Gulden Leeuw" darf auslaufen zur Sail in Bremerhaven vom 25. bis 29. August und dort Gäste für Segeltörns mit an Bord nehmen – ein paar Restplätze gibt es noch.

Mit Hand und Handy

"Geschafft. Klasse!" Ein kurzer Jubel, einmal kurz gegenseitig in den Arm nehmen. Zehn Minuten später steht Eignerin Mirjam Postuma wieder fast Rücken an Rücken mit ihrem Mann Robert zusammen an Deck. Jeder arbeitet mit einer Hand, die andere Hand hält ein Handy. Bootsmanagement auf Niederländisch. An diesem letzten Werfttag vor der Indienststellung wuseln noch über 50 Handwerker über das Schiff, dazu klettern ganze Kolonnen von Schiffsausrüstern, Segelmachern und anderen Zulieferern die Gangway hinauf und hinunter.

Während die Zimmerleute noch das Teakholz lackieren und im Brückenhaus Strippen gezogen werden, bereitet die Küchenbrigade zwei Decks tiefer den großen Saal schon für den 200-Mann-Empfang am nächsten Tag vor. Hier befreit Charissa Tollerbi – ebenfalls einhändig und mit Handyjonglage – die Polster aus ihren Kunststoffverpackungen. Mit ihrem Mann Arjen bildet sie den zweiten Teil der Eignergemeinschaft der "Gulden Leeuw". Obwohl sie, wie alle hier, in den vergangenen Tagen fast gar keinen Schlaf gefunden hat, strahlt sie noch vor Optimismus: "Wir schaffen das. Sieht alles nur noch etwas schlimm aus. Schlafen können wir dann, wenn wir auf See sind. Das ist schon okay."

Fünf Handgriffe gemeinsam mit dem Bootsmann und der nächste Klapptisch steht. 60 Quadratmeter Saal wollen mit Tischen und Bänken gefüllt werden. "Morgen ist das hier unser Esssaal, aber auf den Jugendregatten in den nächsten Wochen wird das hier ein Schlafsaal. Und auf der Sail in Bremerhaven können wir alles ausräumen und haben hier dann einen schönen Tanzsaal. Da werden wir eine Superfete feiern können", freut sich die junge, blonde Frau.

Höchsten Komfort auf Tagestörns und die maximale Kojenzahl von 60 im Regattaeinsatz mit Jugendlichen – die "Gulden Leeuw" kann beides bieten. Jeweils zehn Mann Stammbesatzung sind dafür zuständig, dass alles an Bord des Dreimasters auf die jeweiligen Besucherwünsche zugeschnitten ist.
Die beiden Ehepaare werden jeweils abwechselnd an Bord sein. Die "Gulden Leeuw" soll beiden Paaren aber auch die Chance bieten, mehr Zeit an Land mit dem Nachwuchs zu verbringen, verrät Mirjam Postuma. Laufen gelernt haben die beiden anderthalbjährigen Flottenerben auf den beiden anderen Windjammern im Familienbesitz: den knapp 50 Meter langen Dreimastschonern "Hendrika Bartelds" und "Swaensborgh", die ebenfalls zur Sail kommen und Gäste mit in die Seestadt bringen. Postumas und Tollerbis haben sich selbst eingeteilt, den Löwen von Amsterdam nach Bremerhaven zu segeln.

Mehr als 1.400 Quadratmeter Segelfläche

Mirjam und Robert Posthuma und Arjen und Charissa Tollerbi nehmen zur Sail Kurs auf Bremerhaven.
Mirjam und Robert Posthuma und Arjen und Charissa Tollerbi nehmen zur Sail Kurs auf Bremerhaven. Foto: BIS Bremerhaven

Noch liegen die meisten Segel in dicken Säcken an Deck. Gerade hievt der Autokran den braun angemalten Aluminiumbaum des Focksegels auf das Schiff. Über 1.400 Quadratmeter Segelfläche wird die "Gulden Leeuw" dem Wind zeigen können, fast 400 mehr als die annäherndgleichgroße Bremerhavener Bark "Alexander von Humboldt".

"Es ist gut, wenn Du viele Segel hast. Du musst sie ja nicht alle setzen", beschreibt Mirjam Postuma die Philosophie hinter dem großzügig bemessenen Segelplan. "Aber klar, wir glauben, dass die Gulden Leeuw auch ein richtig schnell segelndes Schiff sein wird. Das wird viel Freude machen, mit ihr zu fahren", lacht die 32-jährige, die selbst ganz frisch mit ihrem Kapitänspatent fertig geworden ist. Bremerhaven kennt Mirjam Postuma noch nicht. "Aber viele Freunde haben mir erzählt, was das immer für eine tolle Sail ist in Bremerhaven."

Ihr Mann Robert läuft mit einem Kanister vorbei. Hydrauliköl gurgelt in den Kasten vor dem alten, hölzernen Steuerrad draußen auf dem Brückendeck. "Natürlich tut es das Ruder noch. Das war uns ganz wichtig: Hier ist nichts Museum, auch die ganz alten Sachen von 1937 funktionieren alle wieder, sogar die historische Ankerwinsch", erzählt die junge Niederländerin.

Es ging darum, das Alte zu erhalten und dennoch den höchsten Sicherheitsanforderungen zu genügen. So merkt man gar nicht, dass die massiven Tropenholzplanken tatsächlich aus fast unbrennbarem Kunststoff bestehen oder dass die verzinkten Rohrgestänge unter der Decke nicht Maschinenleitungen, sondern eine Brandbekämpfungsanlage sind.

Die Deckenluke – kuppelartig, ein Himmelslicht aus Mahagoni. Zwei Kristallleuchter hängen direkt über der meterlangen Bar. "Die hat meine Tochter Mirjam selbst auf einem Trödel aufgegabelt", meldet sich von hinten ein grauhaariger Herr. Kaum zu glauben, was die Kinder aus der Rostlaube gemacht haben, die sie 2007 in Dänemark an Land gezogen haben, meint der pensionierte Theologe, während er Kaffeetassen poliert und ins Regal stellt.

Große Erfahrung im Geschäft

Ob er sich nie Sorgen angesichts der Größe des Projektes gemacht hat? Immerhin ist die "Gulden Leeuw" das ehrgeizigste private Windjammerprojekt Europas. "Ich habe gesehen, wie sehr unsere jungen Leute durch dieses Projekt gemeinsam gewachsen sind. Das ist wirklich eine schöne Sache, wenn alle Dinge so toll zusammenpassen." Und obwohl alle vier noch so jung seien, hätten sie alle zusammen unglaublich viel Erfahrung aus dem Geschäft mit den anderen beiden Schiffen. "Und da ist ja auch schon einmal alles gut gegangen – sehr gut sogar."

Mehr unter www.sail-bremerhaven-2010.de

6.262 Zeichen, Autor: Volker Kölling

Pressekontakt:

BIS Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung

Volker Kölling

E-Mail: koelling[at]bis-bremerhaven.de