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"Masken unterwandern die Schubladen im Kopf"

Die Masken sind das Markenzeichen des Blaumeier-Ateliers und seiner Darsteller.
Die Masken sind das Markenzeichen des Blaumeier-Ateliers und seiner Darsteller. Foto: Lille May

Gegen die Kategorisierungen "behindert" und "nicht behindert" wehrt man sich im Bremer "Blaumeier-Atelier". In der künstlerischen Arbeit sind alle gleich – diese Idee trägt seit 25 Jahren.

Sie hängen in Baumkronen, häkeln im Hühnerstall oder schweben als Engel verträumt schaukelnd hoch über allem Irdischen. Ausdrucksstarke, große Gesichter balancieren unbewegt auf den Schultern der Darsteller – mal skurril zerfurcht, mal naiv staunend oder tieftraurig. Beinahe wie in Zeitlupe wirken die magischen Bewegungen des Pantomimenspiels zu ruhig fließender Musik. Poetische Szenen, kunstvoll ausgeleuchtet und von berührender Intensität. Schauplatz ist das "Licht- und Luftbad" auf einer Halbinsel in der Weser, ein historisches Naturgelände, das in den 20er Jahren der Freikörperkultur gewidmet war. Unter dem Motto "Dem Himmel so nah" spielen die Maskenfiguren mit dem Thema "Alter" in all seinen Variationen, mit seinen Marotten, Freuden und Gebrechen.

"Maskenbau und Maskenspiel haben bei uns eine lange Tradition", erklärt Viktoria Tesar vom Maskenensemble des "Blaumeier-Atelier". Denn: "Masken unterwandern die Schubladen im Kopf." Sie verwehren es dem Zuschauer, sich ein Bild vom Darsteller zu machen und ihn darauf festzulegen. Er kann nicht unterscheiden, ob hier ein behinderter oder ein nicht behinderter Schauspieler die Maske zum Leben erweckt. Ein wichtiger Bestandteil der inzwischen beinahe 25-jährigen integrativen Arbeit.

Blaumeier entstand 1986 im Rahmen der Psychiatriereform und der Auflösung der Bremer Langzeitpsychiatrie "Kloster Blankenburg". Junge Absolventen der Universität Oldenburg und ehemalige Patientinnen und Patienten der Klinik gründeten den Verein damals gemeinsam in Bremen.
Die Räumlichkeiten liegen im Bremer Westen, im Stadtteil Walle. In einem ehemaligen Pferdestall entstanden in den 90er Jahren, im Zuge der Renovierung durch die "Aktion Mensch", große, helle Atelier- und Theaterräume. Auf zwei Etagen und im Sommer auf dem Hof finden sonst in verschiedenen gesellschaftlichen Sphären lebende Menschen, die sich vielleicht niemals begegnet wären, miteinander neue Formen der Kommunikation und der künstlerischen Zusammenarbeit.

Das künstlerische Programm umfasst Workshops zu den Themen Maskenbau, Theaterspiel, Fotografie und Malen. Auch eine Schreibwerkstatt gibt es. Für die Musik zuständig sind der hauseigene "Chor Don Bleu" und die "Gummiband". Zwölf fest angestellte Mitarbeiter und befristet eingestellte freie Künstler sorgen mit Unterstützung von Praktikanten und vielen ehrenamtlichen Helfern dafür, dass die Kurse regelmäßig stattfinden können. Mehr als 200 Menschen nehmen wöchentlich daran teil.

Masken als Synonym für Blaumeier

Die Blaumeier-Darsteller fertigen ihre Masken selbst an und erkunden in Theater-Workshops deren Charakter.
Die Blaumeier-Darsteller fertigen ihre Masken selbst an und erkunden in Theater-Workshops deren Charakter. Foto: Lille May

Die Kurse bilden die Basis für die über Bremen hinaus bekannten Blaumeier-Theater-, Chor- und eben die Maskenspiel-Produktionen an zentralen Orten der Stadt: im Bürgerpark, in den Wallanlagen oder wie in diesem Jahr erstmals im Licht- und Luftbad. Das Maskenatelier besteht so lang wie der Verein selbst – in der öffentlichen Wahrnehmung sind die Masken mittlerweile so etwas wie ein Synonym für Blaumeier geworden.

Für die Auftritte müssen die Mitspieler zunächst ihre eigene Maske entwickeln. Dienstags und mittwochs von 18 bis 21 Uhr trifft man sich dafür unter Anleitung von Viktoria Tesar, Lille May und Andreas Meister im Maskenatelier. Drei Monate lang wird gebaut: Zunächst stellen die Mitspieler mittels Gipsbinden einen Abdruck des eigenen Kopfes her, damit die Maske später auch passt. Auf dem Gipskopf wird dann mit Ton ein ausdruckstarkes Gesicht modelliert: Falten, Furchen, lange Nase oder Kussmund. Dieses Gesicht wird letztendlich mit Pappmaché abgenommen und anschließend bemalt.

Dann kommt der wichtigste Teil: "Im improvisierten Theaterspiel erforschen wir gemeinsam den Charakter der Maske", erklärt Lille May die Arbeitsweise. Im gegenseitigen Aufprobieren und spielerischen Experimentieren kristallisiert sich unter der Regie der leitenden Künstler langsam heraus, ob die Figur eher grimmig oder vielleicht auch heiter oder gar komisch rüberkommt.
Ein weiteres wichtiges Standbein ist die Malerei. Von den 50 Malern, die regelmäßig in die unterschiedlichen Malkurse kommen, stellt gut die Hälfte aus und verkauft auch recht regelmäßig. Zwischen 300 und 1.200 Euro kostet etwa ein Bild von Blaumeiers erfolgreichstem Künstler, Oliver Flügge.

Blaumeier-Bilder in internationalen Museen

Die künstlerischen Betreuer sehen es als ihre Aufgabe, Talente zu fördern und sie möglichst professionell in die Öffentlichkeit zu bringen. So sind Blaumeier-Werke in internationalen Museen und Galerien zu finden. Ob der jeweilige Maler oder die Malerin behindert ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle. "Das Werk ist nur mit dem Vor- und Nachnamen gekennzeichnet – aus der Betrachtung ist nicht erkennen, ob der Urheber behindert ist oder nicht", sagt die Kunstpädagogin und Mitbegründerin des Ateliers Malu. "Das ist unser Prinzip: Wir reduzieren nicht auf Defizite, sondern gucken vielmehr, was der oder die einzelne kann."

Auch im Schauspiel machte Blaumeier schon über die Stadtgrenzen hinaus von sich reden. "Verrückt nach Paris" hieß Eike Besudens und Pago Balkes mehrfach ausgezeichneter Film, der 2002 in den bundesdeutschen Kinos lief. In dem temporeichen Roadmovie spielen drei Schauspieler des Blaumeier-Ateliers, Wolfgang, Paula und Frank, die Hauptrollen. Drei Behinderte, die auf eigene Faust Urlaub vom Heim machen und nach Paris reisen wollen.

Kaum ist Samstagnacht der Schlussapplaus im Licht- und Luftbad verklungen, werden schon die ersten Requisiten und Kostüme des Maskentheaters "Dem Himmel so nah" verpackt. Die Helferinnen und Helfer bauen die Bühnen und Scheinwerfer ab und räumen auf.

Zeitgleich probt das Theater-Ensemble in Walle. Hier laufen die letzten Vorbereitungen für die Aufführung von "In 80 Tagen um die Welt". Ein typisches Blaumeier-Original mit viel Musik und Witz, frei nach dem Reiseklassiker von Jules Verne, das nach Aufführungen in der Bremer shakespeare company vom 26. bis 28. August im Theater Bremen zu sehen ist.

Mehr unter www.blaumeier.de

6.121 Zeichen, Autorin: Silke Düker

Pressekontakt:

Blaumeier-Atelier

Helga Hartung

E-Mail: info[at]blaumeier.de