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Trucker haben Hunger

Luftaufnahme des Bremer Güterverkehrszentrums
Nummer eins in Deutschland, Nummer zwei in Europa: das Bremer Güterverkehrszentrum (GVZ). Foto: GVZ Bremen

Im Bremer Güterverkehrszentrum hat sich eine duftende Oase etabliert. Portrait zweier Erfolgsgeschichten.

Man braucht etwas Zeit, um hier heraus zu fahren: Auf der Nordseite liegt der Hochwasser-Entlastungspolder am Neustädter Hafen, der dafür sorgt, dass Bremen nicht absäuft, wenn Sturmfluten aus der Nordsee in die Weser drängen. Auf der anderen Seite Bremens Großbaustelle: die neu entstehende Autobahn 281. Dazwischen liegt lang hingestreckt das Bremer Güterverkehrszentrum (GVZ) - 500 Hektar groß.

Das GVZ: ein Gewerbegebiet für Logistiker. Ein Dickschiff unter den europäischen Zentren. Und mitten drin so etwas wie ein Ufo. Ein Häuschen in norddeutschem Fachwerk. Die große Türe steht offen. Kaffee- und Brötchenduft dringen heraus. Tapfer vermittelt das Häuschen so etwas wie Heimatscholle und Erdenschwere in all dem hochmodernen Transportbetrieb, den Schnellstraßen, den Parkplätzen und Containertürmen ringsherum. „Das Backhaus“ heißt es, ist also eine Bäckerei. In nur knapp zwei Jahren hat sie sich zur duftenden Seele des Güterverkehrszentrums entwickelt. Damit hat die kleine Bäckerei eine ebensolche Erfolgsgeschichte hingelegt wie das GVZ selber.

Erfolgreichstes GVZ in Deutschland

Denn: Das Bremer ist das deutschlandweit erfolgreichste Güterverkehrszentrum (GVZ) überhaupt. Worauf also die Fußballer von Werder Bremen in jedem Jahr erneut schielen, ist für die Spediteure im GVZ schon fast eine Selbstverständlichkeit: die Champions-League. Bei einem Benchmark von 220 Güterverkehrszentren Europas belegte das GVZ in der Hansestadt in diesem Jahr den zweiten Platz – gleich hinter dem italienischen Verona. Bronze ging an Nürnberg.

Ganz in der Nähe liegen ein vielspuriger Rangierbahnhof und die Weser mit ihren Häfen. 54 Prozent dessen, was in Bremen transportiert wird, geht durch das GVZ. "Wir nennen unseren Ansatz trimodal plus", erklärt Ralf Langhorst, einer der beiden GVZ-Geschäftsführer, "Straße, Schiene, Fluss plus Luftverkehr." Denn der Flughafen liegt nur geschätzte fünf Kilometer entfernt, und in absehbarer Zeit wird die Verkehrsanbindung noch besser: wenn die erwähnte Autobahn fertig ist und Verbindungen zur A 27 und zur A1 vereinfacht.

Aber das GVZ ist mehr als die Summe seiner Teile. Seine Gesellschafter sind die angesiedelten Unternehmen und die Stadt Bremen. Ihr Job: Koordinierung der Service-Leistungen, Kosten sparende Zusammenarbeit wie etwa ein "Energiepool", Beratung neuer Kandidaten für die Ansiedlung, Wirtschaftsförderung, Öffentlichkeitsarbeit, Wegeleitsysteme - insgesamt acht Geschäftsfelder bedient die Managementgesellschaft des GVZ. Derzeit sollen flächendeckend geeignete Hallendächer mit Sonnenkollektoren bestückt werden, um den Energiehunger des GVZ sauberer zu stillen, so Langhorst. "Außerdem präsentieren wir das GVZ auch auf Messen und machen so Werbung für die Leistungen unsere Mitglieder."

Das Angebot überzeugt offenbar. Bis heute sind 150 Firmen der Einladung des GVZ in die Peripherie der Stadt Bremen gefolgt. Hier haben sie Lagerhallen, Krane, Umschlageinrichtungen und Containerstapel errichtet, die sich achtstöckig in die Höhe türmen. Das GVZ ist aber auch Standort für Umschlagbetriebe, Lagereien, Packing-Center oder Container-Depots. Im vergangenen Jahr knackte man mit sagenhaften 1.167.450 Quadratmetern bewirtschafteter Fläche die Eine-Millionen-Marke locker und stellt inzwischen 54 Prozent der Gesamtfläche, die in der Hansestadt überhaupt für Logistik bereitgehalten wird.

Die Transporteure sichern im Übrigen am Standort mehr Arbeitsplätze als jedes andere GVZ. Denn außer Transport, Umschlag und Lagerung erwirtschaften die ansässigen Unternehmen einen hohen Anteil dessen, was die Fachleute "VAS" nennen, "Value Added Services", also Mehrwertdienstleistungen. Das heißt, sie bringen die Waren nicht mehr nur von A nach B, sondern übernehmen zum Beispiel auch Vormontagen, vermieten Regalplatz, reparieren und reinigen Container oder organisieren die Verteilung der Güter. Hinzu kommen Kühlhäuser, Schifffahrts- und Hafenbetriebe, Industrie und Handel, Service-Dienstleister. Die Folge: In Spitzenzeiten arbeiten auf dem Bremer GVZ-Gelände an die 8.000 Menschen – mehr als in jeder anderen vergleichbaren europäischen Einrichtung.

Das GVZ als Job-Lok: Das gilt nicht nur für die Logistikbetriebe, sondern auch für die kleine Bäckerei. Das liegt an einem Naturgesetz: Trucker haben Hunger. "Vor ein paar Jahren stand im GVZ noch eine Imbissbude", erklärt Ralf Hünicke, Geschäftsführer des Backhauses, "die wurde aber nicht so angenommen." Als die Backhaus-Verantwortlichen auf der Suche nach neuen Standorten auch durch Bremen kamen, stellten sie fest: Im Bremer Güterverkehrszentrum "waren 5.000 Menschen praktisch unversorgt". Die erfahrenen Kaufleute hatten eine Marktlücke entdeckt. "Darum konnten wir hier eine kleine Oase schaffen", sagt Hünicke. Im Winter knistert sogar das Holzfeuer im Kaminofen. Aber heute, mitten im heißen Sommer 2010, ist es auch ohne Ofen gemütlich. "Wir machen die Hälfte unseres Umsatzes mit Kleinigkeiten." Nachdem sich das Angebot herumgesprochen hatte, kamen auch die schweren Jungs mit ihren 30-Tonnern. "Die wollen oft etwas Kräftiges", sagt Hünicke. "Darum bieten wir heute auch – anders als geplant – einen Mittagstisch." Was Arbeitsplätze schafft.

"Viele Menschen sehnen sich in unserer schnelllebigen Zeit nach Ruhe und Einkehr. Mit unseren Backhäusern möchten wir ein Stück dazu beitragen, den Genuss des Einfachen in die Welt zu tragen", heißt es in der Selbstdarstellung des Backhauses. Das lassen sich die viel beschäftigten LKW-Fahrer nicht zweimal sagen. Eben springt einer von ihnen von seinem Bock, den er kurz auf der Straße stehen lässt, und holt sich etwas Deftiges auf die Faust.

Aller Anfang ist schwer

Auf 500 Hektar arbeiten zu Spitzenzeiten bis zu 8.000 Mitarbeiter - mehr als irgendwo sonst in Europa.
Auf 500 Hektar arbeiten zu Spitzenzeiten bis zu 8.000 Mitarbeiter - mehr als irgendwo sonst in Europa. Foto: GVZ Bremen

Ebenso wenig wie der Bäckerei waren dem GVZ die satten Zahlen nicht in die Wiege gelegt: Als sich auf den ersten 400 Hektar 1985 die ersten Betriebe einfanden, gab es hier vor allem leere Straßen, Bahngeleise und viel, viel Gegend. Das als "logistische Wundertüte" belächelte Projekt machte zunächst wenig her. Und mancher Logistik-Fachmann zweifelte: Wozu ein Gewerbegebiet für Spediteure? Viele Akteure der Branche konnten es sich zudem nicht vorstellen, die Konkurrenz gleich nebenan zu haben. "Natürlich sind die Unternehmen auch heute noch Wettbewerber", erklärt Langhorst, "aber sie haben gelernt, dass Kooperation sie oft weiter bringt, als wenn sie allein arbeiten würden." So teilen sich zum Beispiel manche Firmen Lagerhallen und Maschinen oder wickeln Aufträge gemeinsam ab, für die ein einzelnes Unternehmen zu klein gewesen wäre. Nach und nach hat das GVZ mit diesen Möglichkeiten immer mehr Unternehmen überzeugt.

Einen großen Schritt bedeutete die Ansiedlung von Roland-Umschlag, das deutschlandweit über die älteste private Umschlag-Anlage für "kombinierte Verkehre" verfügt, wie die Experten sagen. Also für die Umlagerung von Waren vom LKW auf die Bahn oder umgekehrt, die dann per "Nachtsprung" in die Logistikzentren im Süden per Westen der Republik gebracht werden. Roland-Umschlag nimmt einen großen Teil der Bremer GVZ-Fläche ein. "Das ist unser Beitrag zum Energiesparen und zur Verkehrsreduktion", erklärt Langhorst, der Kombi-Verkehr lockt die Firmen. "Täglich fährt ein Güterzug mit 30 bis 40 Waggons nach Verona und ein ebensolcher kommt aus Verona nach Bremen. Erst in den GVZs kommen die Waren wieder auf die Straße."

Keine Bange vor der Zukunft

Ein Jahr nach Gründung des GVZ war eine eigene Entwicklungsgesellschaft für das GVZ aus der Taufe gehoben und verlieh damit der Idee die nötige Zugkraft. In diesem Jahr feiert man in Bremen den 25. Geburtstag des GVZ. Hier ist man also im besten Alter. Den Bremer Spediteuren wird damit auch in Zukunft die Arbeit nicht ausgehen. Derzeit buddeln Bremen, Hamburg und Niedersachsen engagiert im Schlick vor Wilhelmshaven und bauen einen neuen Tiefwasserhafen. Bremen liege "geostrategisch günstig" zu dem neuen Projekt, heißt es im GVZ. Viele Tonnen Ladung aus Wilhelmshaven zusätzlich könnte über den Bremer Knoten gehen.

Und das Backhaus? Laut Geschäftsführer Hünicke ist es ebenfalls auf dem besten Wege, Gäste aus dem Umland anzuziehen. Allerdings weiß Hünicke nicht ganz genau, ob er darüber froh sein soll. Inzwischen kommen nämlich sogar Gäste aus der Backhaus-Filiale in Brinkum nahe Bremens ins GVZ, um den Mittagstisch oder das Truckerfrühstück zu bestellen.

Mehr unter www.gvz-bremen.de

8.429 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Pressekontakt:

GVZ Entwicklungsgesellschaft Bremen mbH

Ralf Langhorst/Ralph Sandstedt

E-Mail: info[at]gvz-bremen.de